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Warum Fleischer Roß schließen musste

Der Laden in Wilsdruff war über die Grenzen der Stadt hinaus gut bekannt. Doch nun zwingt eine schwere Krankheit den Familienbetrieb in die Knie.

Ausverkauft: Die Fleischerei Roß hat geschlossen. Viele Wilsdruffer sind von den Umständen erschüttert.
Ausverkauft: Die Fleischerei Roß hat geschlossen. Viele Wilsdruffer sind von den Umständen erschüttert. © Norbert Millauer

Am 4. Oktober spätnachmittags setzt sich Jörg Roß an den Computer. Er loggt sich bei Facebook ein, lädt Bilder hoch und tippt einen Text. Dann klickt er auf Enter. Spätestens nun macht die Nachricht in Wilsdruff die Runde, dass die Fleischerei Roß in der Dresdner Straße schließt. Aus gesundheitlichen Gründen. Ein paar Tage Abverkauf noch, dann ist Ende. Ende eines Lebenswerks.  

Nun sitzt Jörg Roß in seiner Wohnung über der Fleischerei. Sein Gesicht ist schmal geworden, um die Augen liegen Schatten. "Ich funktioniere", sagt er. Am Abend zuvor hat er mit seiner jüngsten Tochter, die zwölf Jahre alt ist, deren Zimmer aufgeräumt und dann ein Gespräch geführt. Über die Mama, über ihre Krankheit. Darüber, dass Brit Roß nun wohl am Anfang der Regenbogenbrücke steht. 

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Brit Roß, die so vielen Wilsdruffern als tüchtiges, nimmermüdes Energiebündel bekannt ist. Nicht nur die Familie Roß und Geschäftspartner sind geschockt. "Viele Kunden haben uns Briefe geschrieben, haben angerufen oder noch im Laden mit mir gesprochen. Sie sind alle erschüttert", berichtet der Fleischermeister.  

Bisonfleisch aus der Lausitz

Die Fleischerei Roß - das war zwei Jahrzehnte eine zuverlässige Adresse in Wilsdruff. Jörg Roß und seine Frau übernahmen 2001 das Geschäft. Sie setzten auf gutes Handwerk und immer wieder neue Kreationen. "Wenn wir aus dem Urlaub kamen, hatten wir schon neue Ideen. Stillstand gab es bei uns nicht." Bekannt war die Fleischerei Roß für ihre zahlreichen Salamispezialitäten, für ihre hausgemachten Salate, für die Wurstbrühe, die es kostenlos mitgab. Die Fleischersleute bauten sich ein Netz aus Lieferanten in der Region auf, dazu zählten auch Jäger und ein Bisonzüchter aus der Lausitz. Zwei Drittel der Ware kam aus eigener Produktion des Zwei-Mann-Betriebs.

Auch wenn es etwas in Wilsdruff zu feiern gab, waren Brit und Jörg Roß mit dabei. Ob Kneipennacht oder Lichterfest - hier ging keiner hungrig weg. "Das Geschäft war für uns trotz der 15-Stunden-Arbeitstage immer positiver Stress", sagt Jörg Roß. Seine Frau - eine Aktivistin sei sie. Vier Kinder hat sie großgezogen, den Laden bewirtschaftet und am Abend ist sie noch ehrenamtlich unterwegs gewesen. "Ich kann es selbst nicht fassen, was nun geschieht. Das ist alles völlig unbegreiflich.""

Ein Bild aus glücklichen Tagen: Jörg und Brit Roß warben hier im August 2019 für die Wilsdruffer Kneipennacht.
Ein Bild aus glücklichen Tagen: Jörg und Brit Roß warben hier im August 2019 für die Wilsdruffer Kneipennacht. © Karl-Ludwig Oberthür

Ein letzter unbeschwerter Sommer

Anfang das Jahres ging Brit Roß auf Drängen ihres Ehemannes zum Arzt. Schon seit Längerem hatte sie Probleme im rechten Fuß. Nach einer Woche intensiven Untersuchungen kam bereits eine Diagnose: Multiple Sklerose. Die Nervenerkrankung führt zu Bewegungsstörungen, zunehmend können ganze Körperpartien davon betroffen sein bis hin zur Bewegungsunfähigkeit. Brit Roß befand sich im Anfangsstadium. "Mit MS hätten wir leben können", sagt Jörg Roß dazu.

Das Ehepaar plante, das Berufsleben etwas einzuschränken, weniger zu arbeiten, die Öffnungszeiten zu verkürzen. Im Sommer nahmen sie fünf Wochen Urlaub und fuhren zu ihrem neu erworbenen Gartenhäuschen in die Niederlausitz. "Uns ging es gut, wir haben lange Radtouren gemacht, am See gelegen, Tiere beobachtet. Es war schön." Ein letzter unbeschwerter Sommer - ohne dass das Ehepaar dies zu dem Zeitpunkt ahnte.

Im September fühlte sich Brit Roß hin und wieder unwohl, verspürte ein Druckgefühl im Oberkörper. Die umtriebige Geschäftsfrau steckte das weg, klagen wollte sie nicht. Als die Schmerzen vor gut fünf Wochen plötzlich unerträglich wurden, brachte ihr Mann sie in die Notaufnahme. "Es wurde sofort ein Ultraschall gemacht. Dann kamen noch mehr Ärzte hinzu, es wurde ganz ruhig im Raum und ich wurde rausgeschickt", erinnert sich der Fleischermeister. 

Das Handwerk geliebt

Die Diagnose: Darmkrebs. Eine Krankheit, die man per Vorsorgeuntersuchung gut erkennen und in einem frühen Stadium erfolgreich behandeln kann. Eine Krankheit auch, die vor allem ältere Menschen betrifft. Brit Roß ist 51. Sie hat Krebs im Endstadium, der bereits in andere Organe gestreut hat. Es erfolgte sofort eine Operation, eine Chemotherapie wurde angesetzt. Doch es ist zu spät. "Meine Frau hat die Chemo auf eigenen Wunsch abgebrochen. Es bringt aus ihrer Sicht nichts mehr, sich da durchzuquälen", sagt Jörg Roß leise. Er fährt nun jeden Tag in die Palliativstation, wo seine Frau liegt, während die Familie auf einen Platz in einem Hospiz wartet.

Die Fleischerei hat Jörg Roß aufgegeben. "Das war unser gemeinsames Geschäft. Ohne meine Frau ist es für mich undenkbar, hier weiterzumachen." Er könnte jederzeit eine Stelle als Fleischer in einem Betrieb finden. Doch das schließt er für sich aus. "Ich war 19 Jahre selbstständig, konnte mich selbst verwirklichen und meine Philosophie umsetzen." Sein Handwerk leben zu können und von den Kunden gelobt zu werden, sei für ihn das schönste gewesen, was er beruflich erreichen konnte. "Ich will einen Schlussstrich ziehen."

Er möchte die Branche wechseln, würde gerne eine Aufgabe im Bereich Naturschutz oder Landschaftspflege übernehmen. "Ranger in einem Nationalpark - das wäre mein Ding", sagt der Naturfreund. Um sich von den traurigen Gedanken abzulenken, spricht er lieber über die Lausitz. Über Mufflons, Schwäne und Kraniche. Über den Wolf, der in seinem Garten in eine Fotofalle tappte. Und über die Eulen, die er nachts nahe seines Gartenhäuschens hörte. Die Natur ist immer sein Ruhepol und Ausgleich gewesen. Allein die Erinnerungen daran geben ihm jetzt wenigstens ein bisschen Kraft.   

Thüringer Spezialitäten in der Adventszeit

Ganz verschwinden soll die Fleischerei aber nicht. Demnächst wird ein Berufskollege bis Jahresende den Laden pachten. Der Mann handelt mit Thüringer Spezialitäten auf Märkten. Weil wohl keinerlei Weihnachtsmärkte stattfinden, mietet er nun Ladengeschäfte an. 

Außerdem hat sich ein junger Mann bei Jörg Roß gemeldet. Er will sich aus dem elterlichen Betrieb heraus selbstständig machen und hat großes Interesse, die Fleischerei zu übernehmen. "Er verfolgt einen ähnlichen Ansatz wie wir. Das könnte etwas werden", ist Jörg Roß zuversichtlich. Es ist ein kleiner Lichtblick für ihn, eine Sorge weniger. 

Was bleibt ihm sonst? Jörg Roß fährt sich mit den Händen übers Gesicht. "Ich werde jetzt so viel Zeit wie möglich mit meiner Frau verbringen. Vielleicht geht es ihr bald etwas besser und sie kommt mal raus, kann eventuell noch mal nach Wilsdruff kommen. Das wäre schon was."

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