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Freitals tollkühne Genuss-Biker

Acht Freitaler Motorradfreunde starteten zu einer Etappenfahrt nach Venedig. Es ist ein modernes Abenteuer, die Fahrzeuge sind fast 100 Jahre alt.

Auf den Spuren früherer Generationen - die Motorradfahrer Thomas Pilz, Marco Krauß, Andreas Rennecke, Gunter Schmelzer, Stefan Linke, Jörg Uhlemann, Robert Hambsch und Olf Bräuer
(v.l.).
Auf den Spuren früherer Generationen - die Motorradfahrer Thomas Pilz, Marco Krauß, Andreas Rennecke, Gunter Schmelzer, Stefan Linke, Jörg Uhlemann, Robert Hambsch und Olf Bräuer (v.l.). © Egbert Kamprath

Dieser Sound ist unvergleichlich. "Hören Sie doch selbst", sagt Andreas Rennecke und tritt den Starthebel seiner NSU 500 T, einem Oldtimer-Motorrad. Im Standgas klackt der Motor ruhig Takt für Takt. Dann gibt er etwas Gas und das Geknatter geht los. Bei allen Umstehenden schiebt sich ein Grinsen ins Gesicht.

Etwa 40 Leute waren am frühen Donnerstagmorgen nach Freital auf den Platz der Jugend gekommen, um acht tollkühne Motorradfahrer zu verabschieden. Sie machen sich auf eine Gedenkwanderfahrt nach Venedig. "Das wird genau dieselbe Route, wie sie einst von Motorradfahrern 1929 gewählt wurde", sagt Marco Krauß, einer der Organisatoren von heute.

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Schon länger wurde darüber am Motorradstammtisch Freital diskutiert, zu dem Krauß und alle anderen Venedig-Fahrer gehören. Es existiert noch eine Plakette der Fahrt von damals. Zudem wurden in Archiven Zeitungsartikel gefunden, wo über diese Wanderfahrt geschrieben wurde.

Bis zum 100. Jubiläum der Fahrt wollte aber niemand mehr warten. So wurden die Feierlichkeiten von "100 Jahre Freital" die Initialzündung. In deren Rahmen wird die Gedenkwanderfahrt nun zelebriert. Im Internet wird täglich über die einzelnen Etappen berichtet.

Kraxeln über Alpen-Pässe

In den 1920er-Jahren war die Fahrt ein Ereignis. Die Weltwirtschaftskrise bahnte sich bereits an. In Deutschland stieg die Arbeitslosenzahl rasant. Im Oktober 1929 gab es schließlich den Börsen-Crash in New York. Aus der allgemeinen Katastrophenstimmung nahmen sich die Nachrichten über die tollkühnen Motorradfahrer positiv aus. Die Alpenpässe so zu überwinden, war noch ein Abenteuer. Autobahntunnel gab es noch nicht.

Das ist heute zwar anders. Doch für die acht Biker vom Freitaler Motorradstammtisch ist die Strecke das gleiche Abenteuer wie damals. "Wir fahren die originale Route", sagt Krauß. Die führt über die Alpen-Pässe. Der höchste ist das Stilfser Joch auf 2.757 Metern Höhe.

Hinzu kommt, dass mit den gleichen Motorrädern gefahren wird, die damals auf den Straßen unterwegs waren. "Jedes der acht Motorräder ist Baujahr 1929 oder früher", sagt Krauß. Er selbst fährt mit einer Standard AS 500. Vor zwei Jahren ist er eher zufällig auf die Maschine gestoßen. "Sie stand bei jemandem hinterm Sofa", sagt er.

Er musste sie erst wieder fahrtüchtig machen. Nun hat sie TÜV und hat die letzte Testfahrt am Wochenende auch gut überstanden. Da war Krauß 200 Kilometer im Erzgebirge unterwegs.

Gefährliche Berg-und-Tal-Fahrten

Auch ein Gespann mit Beiwagen ist mit dabei. "Das ist ein D-Rad mit Dessauer Reisewagen", erklärt Fahrer Thomas Pilz aus Freiberg den interessierten Schaulustigen am Start. Er hat schon länger darauf gelauert, dass es so eine historische Tour gibt.

Als er von der Initiative der Freitaler gehört hatte, war er sofort Feuer und Flamme. "Das ist eine einmalige Chance und die Organisation bis jetzt top", sagt er. Unter anderem rollt ein Begleitfahrzeug mit, in dem das Reisegepäck der Biker transportiert wird. Respekt hat Pilz aber trotzdem vor der Tour. "Mit der alten Technik über Pässe, Steigungen und Abfahrten, das ist nicht ganz ohne", sagt er.

Freitals 1. Bürgermeister Peter Pfitzenreiter wünschte den acht "Botschaftern der Stadt Freital" deshalb auch gutes Wetter und freut sich sehr über diese Initiative. "Die Idee ist genau nach unserem Geschmack. Das ist historisch und war damals genauso eine verrückte Idee wie heute." Am Sonntag, dem 12. September, werden die tollkühnen Fahrer wieder zurückerwartet und sollen dann im Rahmen des Windbergfestes gebührend begrüßt werden.

Wertsteigerung der Oldtimer eher gering

Der älteste Teilnehmer ist Gunter Schmelzer. Der Höckendorfer ist 71 Jahre alt. Beinahe wäre seine Teilnahme noch schief gegangen. "Am Sonntag habe ich gemerkt, dass der Tank undicht ist", erzählt er. Auf Lager hatte er einen Ersatz-Tank für sein D-Rad Baujahr 1925 aber nicht. Da machte sich erneut der Zusammenhalt des Motorradstammtischs bezahlt. Schnell fand sich jemand, der das Ersatzteil hatte.

Das Reparieren war zwar wegen der bevorstehenden Tour etwas stressig. Für Schmelzer und die anderen ist das Schrauben an ihren Maschinen aber keine Arbeit, sondern ein schönes Hobby. Als er zum ersten Mal ein D-Rad bei einem Oldtimer-Treff "gesehen und gehört" hat, war seine Leidenschaft geweckt. Schließlich entdeckte er irgendwann ein Kaufangebot und hat zugeschlagen.

Wie viel er dafür genau ausgegeben hat, behält er für sich. Im Internet werden gut erhaltene Motorräder aus den 1920er-Jahren für mehr als 10.000 Euro gehandelt. "Eine Wertanlage ist das aber nicht", sagt Andreas Rennecke. Die Wertsteigerungen im Laufe der Jahre sind eher gering, anders als etwa bei Automobil-Oldtimern.

Dann reihte auch er sich in die Kolonne ein. Beim Start war die Witterung noch trocken. Die Regensachen hatten alle aber vorsorglich in ihren Seitentaschen verstaut. Fast alles Originalteile. Auch die Kluft und Helme stammen aus früherer Zeit. Nur die Warnwesten passen optisch nicht. Aber Sicherheit geht dabei vor.

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Der erste Zielort ist Bayreuth. Keine Etappe ist viel länger als 250 Kilometer. Das hört sich nicht viel an, solche Strecken schaffen auch geübte Radfahrer. "Wir fahren ja in einem gemütlichen Tempo", sagt Rennecke. Die durchschnittliche Reisegeschwindigkeit liegt bei 60 bis 70 Stundenkilometern, im Gebirge entsprechend niedriger. "Wir sind eben Genuss-Fahrer und wollen die Landschaft erleben. Das schnelle Fahren reizt mich gar nicht", sagt der Freitaler.

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