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Freital: Wie weiter bei der WG Raschelberg?

Ein kleiner, aber gut organisierter Teil der Mitglieder protestiert gegen den Vorstand und den Aufsichtsrat. Was die Kritiker antreibt.

"Herzlich willkommen" fühlen sich nicht mehr alle Mitglieder der Genossenschaft. Sie protestieren.
"Herzlich willkommen" fühlen sich nicht mehr alle Mitglieder der Genossenschaft. Sie protestieren. © Egbert Kamprath

Seit 1953 steht der Stahlwerker an der heutigen Wilhelm-Müller-Straße und schaut fest entschlossen den Betrachter an. Ebenfalls fest entschlossen und in Sichtweite der Plastik trafen sich kürzlich auf offener Straße mehr als 200 Mitglieder der Wohnungsgenossenschaft Raschelberg.

Ihnen ging es aber nicht um einen Ausflug, sondern um nichts geringeres als einen Protest gegen den Vorstand und den Aufsichtsrat der Genossenschaft. Aufgerufen dazu wurde in den Tagen zuvor per Flyer, der von den Initiatoren in die Briefkästen der Anwohner eingeworfen wurde. Darin wurden unter anderem die gestrichenen Sprechzeiten der WG-Verwaltung, eine nachlässige Pflege der Grünanlagen und fehlende Informationen über Bauvorhaben kritisiert.

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Vom Vorstand wurde das Flugblatt im Gegenzug als "anonyme Stimmungsmache" kritisiert und eine eigene Mitteilung an die rund 950 Mitglieder in Umlauf gebracht.

Frust über viele Kleinigkeiten

Doch handelt es sich hier um einige Rebellen, die frustriert nach Kleinigkeiten suchen, um mal Dampf abzulassen? Nein, sagt Klaus Gelfert, der im Aufsichtsrat der Genossenschaft sitzt. "Es sind über 200 Leute gekommen. Die sind dem Aufruf doch nicht gefolgt, weil sie nichts anderes zu tun hatten."

Auch seiner Meinung nach ist bei der WG einiges aus dem Ruder gelaufen. "Sicherlich ungewollt, vielleicht auch ungeschickt, aber wir haben ein Problem", sagt Gelfert.

Die Entrüstung muss sich lange aufgestaut haben. Möglicherweise auch bedingt durch den Lockdown stachen einigen Mietern plötzlich Unzulänglichkeiten ins Auge, die sie sonst nicht bemerkt hatten: vom Wind angewehte Tüten in den Hecken, der nicht kurz geschorene Rasen, die eine oder andere Schramme in Treppenhäusern.

Dazu kam, dass die Geschäftsstelle seit Monaten pandemiebedingt keine festen Sprechzeiten mehr anbietet. Persönliche Gesprächstermine werden nur nach telefonischer oder schriftlicher Anmeldung vergeben - für viele ältere Mitglieder ein nerviger Umstand.

39 Garagen gekündigt

Das Fass zum Überlaufen brachte die Kündigungen von 39 Garagen in der Straße Am Buchlicht. Der kleine Garagenhof soll einem Bauprojekt weichen - welchem, wollen die beiden Vorstände Jeannette Effenberg und Lutz Trept vorerst nicht öffentlich kommunizieren. "Es handelt sich um Vorplanungen, die Mitte September erst im Aufsichtsrat besprochen werden sollen", begründet Effenberg.

Doch die Kündigung eines Garagenhofes - im Osten, die Mieter teils ältere Genossenschaftler und ehemalige DDR-Bürger - ist kein Routinevorgang. Zumindest nicht für die Mieter. "Man hätte mal vorher mit uns reden sollen, statt uns einfach mit zwei dürren Sätzen vor vollendete Tatsachen zu stellen", sagt Torsten Klimpel, einer der WG-Kritiker.

Für ihn wie für viele andere habe der Raschelberg-Vorstand und auch der Aufsichtsrat das Vertrauen verspielt. "Wir haben 219 Unterschriften gesammelt und fordern eine außerordentliche Mitgliederversammlung", sagt Klimpel. Die Liste mit den Unterschriften - 96 wären laut Satzung mindestens notwendig gewesen - gehe den Verantwortlichen in den nächsten Tagen per Post zu.

Umbesetzung im Aufsichtsrat gefordert

Doch nicht alle Raschelberger stehen hinter dem Protest. Viele jüngere Mieter und auch erst kürzlich Zugezogene halten sich aus der Affäre heraus. Andere, oft betagte Mitglieder, wollen keinen Ärger und lieber ihre Ruhe.

"Ich will eigentlich auch nur meine Ruhe", sagt Siegfried Hochmuth, der bei den WG-Protestlern als Sprecher fungiert. Aber, so Hochmuth, es müssten einige Dinge auf den Tisch. "Der Vorstand hat Fehler gemacht, der Aufsichtsrat hat Fehler gemacht - so sehen wir das. Darüber müssen und wollen wir diskutieren. Wir sind eine Genossenschaft, als Mitglieder sind wir ein Teil davon. Wir wollen gehört werden und bei wichtigen Dingen auch mitreden."

Ganz offen reden die Rebellen darüber, die Vertrauensfrage zu stellen und den Aufsichtsrat neu zu besetzen. Dessen Mitglieder könnten dann wiederum personelle Wechsel beim Vorstand, also der Geschäftsführung der Wohnungsgenossenschaft Raschelberg, vornehmen. Klimpel: "Wir bereiten derzeit Beschlussvorlagen für die außerordentliche Mitgliederversammlung vor."

Alles nur ein Kommunikationsproblem?

Zumindest ein Aufsichtsratsmitglied kann den Veränderungswillen nachvollziehen. "Wir hatten mal neun Aufsichtsratsmitglieder, dann waren es sieben, jetzt sind es fünf. Warum? Weil keiner beim Aufsichtsrat mitarbeiten wollte."

Deshalb sei extra die Satzung entsprechend geändert worden. Wenn nun endlich mal neue Leute hinzustoßen, die auch andere Sichtweisen und Ideen mitbringen, habe er nichts dagegen. Er regt auch an, den Aufsichtsrat personell aufzustocken und einen Beschwerdeausschuss zu gründen.

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Gelfert: "Unsere Wohnungen sind beliebt, wir haben keinen großen Leerstand und sind wirtschaftlich auf einem guten Weg. Der Vorstand macht eigentlich einen guten Job. Dieser unsägliche Streit ist meiner Meinung nach vor allem ein Kommunikationsproblem."

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