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Freitaler Glashütte in der Energiekrise

Das Werk drosselte die Produktion, weil der Energielieferant die Verträge kündigte. Die Ursachen für die Misere liegen weit weg von Freital.

Von Annett Heyse
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Die Flaschenproduktion in der Glashütte Freital ist ein energieintensives Geschäft.
Die Flaschenproduktion in der Glashütte Freital ist ein energieintensives Geschäft. © Karl-Ludwig Oberthür

Von außen wirkt alles so, wie immer. Am Mast neben der Zufahrt flattern die blauen Fahnen mit dem markanten Flaschen-Firmensymbol im Wind, dahinter im Hof reihen sich Paletten mit der Produktion der vergangenen Monate aneinander, ein Sattelschlepper passiert das Werktor.

Doch der Schein der Normalität trügt. Die Glashütte Freital GmbH ist in der Krise, genauer gesagt, in der Energiekrise. Als Großverbraucher von Strom und Gas musste das Unternehmen kürzlich die Reißleine ziehen.

Nach einem Bericht der Dresdner Morgenpost musste die Glashütte kurz vor Jahresende eine komplette Produktionsanlage außer Betrieb nehmen. Die Glasschmelze wurde nicht einmal mehr verarbeitet, sondern kam zum Abkühlen in ein Wasserbecken.

Energielieferant kündigte gültige Verträge

Der Grund für die Drosselung der Produktion waren nicht etwa Absatzschwierigkeiten. Wie die Morgenpost weiter berichtete, hatte der Energielieferant der Glashütte die eigentlich bis Ende 2022 gültigen Lieferverträge gekündigt.

Warum, wieso, weshalb - darüber hätte Sächsische.de gerne mit einem Verantwortlichen des Unternehmens gesprochen. Doch eine Presseanfrage blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet.

So kann nur gemutmaßt werden. Fakt ist, dass die Glashütte enorme Mengen an Energie verbraucht. Allein die CO2-Zertifikate, also die Genehmigungen, bestimmte Mengen Kohlendioxid zu emittieren, sollen einem Branchenkenner zufolge bei rund 70.000 Euro liegen. Dazu kommen dann noch die Kosten für den Verbrauch von Strom und Gas. "Das ist schon eine große Last", sagt der Mann.

Hans-Bernhard Führ ist einer von drei Geschäftsführern und musste kürzlich die Entscheidung mittragen, eine komplette Produktionsanlage stillzulegen.
Hans-Bernhard Führ ist einer von drei Geschäftsführern und musste kürzlich die Entscheidung mittragen, eine komplette Produktionsanlage stillzulegen. © Karl-Ludwig Oberthür

Gläser für Nudossi, Flaschen für Wackerbarth

Mit dem Glaswerk trifft es ein Freitaler Traditionsunternehmen, eines der ältesten der Stadt überhaupt. Bereits 1802 als Friedrich-August-Hütte im damaligen Döhlen gegründet, gilt die Fabrik als Wiege der Hohlglasproduktion. Flaschen und Konservengläser für den täglichen Gebrauch laufen hier vom Band.

In der Glashütte werden unter anderem die Gläser für den Nussaufstrich von Nudossi und die sogenannte Sachsenkeule für Weine und Sekte von Schloss Wackerbarth hergestellt.

Immer wieder investierten die Eigentümer in den vergangenen Jahrzehnten in den Betrieb. Zuletzt wurde 2019 ein neuer Glasschmelzofen aufgebaut, mit dem sich die Produktion von 120 Tonnen Glas pro Tag mehr als verdoppeln ließ. Personal wurde eingestellt, die Belegschaft wuchs von gut 90 Mitarbeitern auf 130 Angestellte.

Branchenkenner bezeichnen die Glashütte als "eigentlich gesund". Der Umsatz sei in den vergangenen Jahren kontinuierlich gesteigert worden. Dann kam die Corona-Pandemie.

Grundstücksverkauf für schnelles Geld

Erste Anzeichen, dass die Glashütte in einem Tief steckte, zeigte sich für die breite Öffentlichkeit auf lokalpolitischer Ebene. Als die Stadt Freital Anfang 2020 in Nachbarschaft des Glaswerks ein Baugrundstück für ihre neue Feuerwache suchte, fragte die Verwaltung auch bei der Geschäftsführung des Glaswerks an. Doch die wollte das unbebaute Flurstück behalten.

Wenige Monate später kam die Kehrtwende. Im Dezember 2020 stand ein Teil des Glaswerk-Geländes plötzlich doch zum Verkauf. Oberbürgermeister Uwe Rumberg deutete in einer Stadtratssitzung an, die wirtschaftliche Lage habe die Glashütte dazu bewegt, dem Grundstücksgeschäft doch noch zuzustimmen. Das brachte dem Glaswerk 600.000 Euro ein, die offenbar dringend benötigt wurden.

Denn die Umsatzerlöse aus dem Glasgeschäft lagen zwar 2020 bei 14,5 Millionen Euro, der Gewinn vor Steuern jedoch nur noch bei knapp 52.000 Euro. Nach Zahlung aller Steuern blieben 2.000 Euro übrig, auch weil man aufgrund der Corona-Pandemie insgesamt weniger Glas produzierte und absetzte, als geplant. Vor allem die Monate April und Mai 2020 verzeichnete man einen dramatischen Umsatzeinbruch. So steht es in einem Lagebericht.

Die Zahlen für das gerade abgelaufene Geschäftsjahr liegen noch nicht vor, das Unternehmen selbst rechnete mit einer besseren Bilanz, hieß es zuletzt aus Kreisen der Geschäftsführung.

Strom- und Gaspreise explodieren nahezu

Insgesamt stehe das Unternehmen immer noch solide und gut da, sagt der Branchenkenner weiter. Aber die Strom- und Gaspreise belasten die Bilanz erheblich. "Dass jetzt ein Ofen komplett außer Betrieb genommen und das auch noch so publik wurde, ist ein Hilferuf an die Politik."

Und das Freitaler Glaswerk dürfte nicht der einzige Produktionsstandort sein, der aufgrund der gestiegenen Energiepreise so unter Druck gerät. Das Branchenjournal Strom-Report gibt eine Preissteigerung an den Strombörsen von beinahe 320 Prozent im Vergleich zum Vorjahr an. Auch die Preise für die CO2-Zertifikate hätten sich mehr als verdoppelt. Bei den Gaspreisen sieht es nicht viel besser aus. Experten sprechen von einer regelrechten Kostenexplosion.

Welche Auswirkungen das auf die Glashütte Freital hat und wie lange die Produktion gedrosselt bleibt, ist derzeit unklar. Noch sind die Lager voll, die Kunden könnten beliefert werden, heißt es. Näher wolle man sich nicht äußern.