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Freitaler BSZ-Chefin: "Generation Z kann sich nicht entscheiden"

Im SZ-Interview spricht Ina Driesel über die Auswirkungen der Pandemie auf die Schule und Nachwuchsprobleme im Handwerk.

Ina Driesel
leitet seit vier Jahren das Berufsschulzentrum in Freital.
Ina Driesel leitet seit vier Jahren das Berufsschulzentrum in Freital. © Egbert Kamprath

Anstatt auf die Jugend von heute zu schimpfen, möchte sie lieber mit ihr arbeiten:
Ina Driesel ist seit knapp vier Jahren Schulleiterin des Berufsschulzentrums "Otto Lilienthal" (BSZ) Freital-Dippoldiswalde. Dennoch bereitet auch ihr die Einstellung der sogenannten Generation Z Probleme. Mit Generation Z werden die Jahrgänge um 2000 herum bezeichnet. Viele Jugendliche wollen lieber hinter den Schreibtisch als an die Werkbank. Das zeigt nicht nur die Entwicklung der Azubi-Zahlen im Handwerk, sondern auch am Freitaler Berufsschulzentrum.

Deutschlandweit geht die Zahl der Azubis im Handwerk seit Jahren zurück. Merkt man das an Ihrer Schule?

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Insbesondere in der Metallbranche fällt das bei uns am BSZ auf. Warum, das weiß ich leider auch nicht. Es gibt so viele Berufsorientierungsprogramme, die Metallberufe mit vorstellen. Die Firmen machen ja auch weiterhin Werbung für ihre Lehrstellen, verbunden mit guten Zukunftsaussichten. Generell habe ich das Gefühl, dass alle das Handwerk zwar im täglichen Leben brauchen, aber nur wenige im Handwerk arbeiten wollen. Viele junge Leute möchten lieber ins Büro, weil sie wahrscheinlich glauben, dass sie in diesen Bereichen die Arbeit und Zeit für Familie, Freunde und Hobby besser unter einen Hut bekommen.

Was halten Sie davon, dass immer mehr junge Menschen Abitur machen?

Ich finde das nicht gut. Wenn es so weitergeht, wird es in Zukunft immer schwerer werden, den Fachkräftebedarf in Unternehmen und Betrieben zu decken. Unsere Gesellschaft braucht die Jugendlichen in wertschöpfenden Berufen und nicht in der Schule. Das gilt natürlich nicht für alle. Ich habe aber das Gefühl, dass viele Schüler nur ein Abitur machen, weil sie sich noch nicht sicher sind, was sie werden wollen. Es gibt auch eine zweite Seite. Immer mehr Abiturienten studieren nicht, sondern gehen im Anschluss in eine duale Berufsausbildung. Diese Absolventen nehmen quasi den Real- und Hauptschülern die guten Lehrstellen weg.

Warum sind so viele Jugendliche unsicher, welcher Beruf der richtige ist?

Also es liegt definitiv nicht daran, dass es zu wenige Berufsorientierungsangebote gibt. Ich habe manchmal eher das Gefühl, dass die jungen Menschen von der Auswahl überfordert sind. Es gibt immerhin 320 Ausbildungsberufe. Die Generation Z hat vielleicht oft die Angst, dass eigentlich noch was Besseres kommen könnte und man das verpasst, wenn man sich jetzt entscheidet.

Generation Z will sich also nicht festlegen - was nun?

Man muss die jungen Menschen so annehmen, wie sie sind und mit ihnen arbeiten. Ich glaube zum Beispiel, dass es helfen könnte, wenn man in der Lehre weniger spezialisieren würde. So, dass es in der Metallbranche nur noch zwei bis drei Grundberufe gibt, in denen man breiter ausbildet. Die Spezialisierung kann dann im Unternehmen stattfinden. Weniger Auswahl zu haben, würde einigen die Wahl vielleicht erleichtern. Außerdem entspräche dieses Vorgehen auch viel mehr der Lebensrealität heutiger Berufseinsteiger. Anders als meine Generation arbeiten die ja selten ihre gesamte Karriere lang nur in einem Beruf.

Das Homeschooling lief an vielen Schulen katastrophal. Bei Ihnen auch?

Das BSZ war zum Glück schon vor der Pandemie recht gut digital ausgestattet. Wir haben beispielsweise WLAN in der Schule – notwendig für den Hybridunterricht. Zudem haben wir davor auch schon mal mit der Lernplattform "Moodle" gearbeitet. Die haben wir dann auch während des Homeschoolings benutzt und nicht Lernsax. Wir hatten zwar auch einmal einen Server-Zusammenbruch und mit verschiedenen technischen Problemen zu kämpfen, aber im Vergleich zu Lernsax war das ja sehr wenig.

Wie gut sind Ihre Berufsschüler zurechtgekommen?

Das war sehr unterschiedlich. Manche sind im Homeschooling aufgeblüht, weil sie in ihrem eigenen Tempo lernen konnten und das für sie gut funktioniert hat. Andere hatten Probleme mit der fehlenden Tagesstruktur. Manche Ausbilder haben die Azubis deshalb auch in die Betriebe geholt, damit sie von dort am Homeschooling teilnehmen.

In Bezug auf die Pandemieeindämmung ist das nicht sinnvoll. Was halten Sie vom Vorgehen der Betriebe?

Die Ausbilder können schon sehr gut einschätzen, ob der Azubi gut von zu Hause im Homeschooling zurechtkommt. Einige Jugendliche brauchen einfach diese Unterstützung. Sonst können Sie sich morgens nicht dazu motivieren, den Computer hochzufahren und schieben am Ende technische Probleme vor, wenn der Lehrer fragt, warum sie nicht online waren. Einige Betriebe haben sogar die Mitarbeiter, bei denen das ging, von zu Hause arbeiten lassen, damit sie die Azubis in den Betrieb holen konnten. Ich bin fest davon überzeugt, dass hier die Ausbilder alle mit Augenmaß mit Blick auf die Pandemie gehandelt haben.

Nutzen Sie die Sommerferien, um Ihr Homeschooling-Konzept im Falle eines weiteren Lockdowns zu überarbeiten?

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Auf jeden Fall arbeiten wir weiter. Besser geht immer. Wir haben gelernt, dass wir das Homeschooling noch stärker strukturieren müssen. Und zwar genau so, wie den eigentlichen Unterricht nach Stundenplan. Nur so lassen sich Überschneidungen vermeiden und die Jugendlichen werden nicht zu sehr aus ihrem gewohnten Alltag geworfen. Ich hoffe aber sehr, dass die Schulen nicht noch einmal komplett geschlossen werden. Man sollte stattdessen lieber das Infektionsgeschehen an den einzelnen Schulen im Blick behalten. Wenn es in einer Einrichtung zu viele Infektionen gibt, dann sollt man nur diese für eine gewisse Zeit schließen.

Das Interview führte Angelina Sortino.

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