merken
PLUS Freital

"Wir müssen kürzer treten"

Freitals Oberbürgermeister blickt auf das "Corona-Jahr" zurück. Er sieht nicht nur Schlechtes, sondern auch Erfolge. Für 2021 hat er einen großen Wunsch.

Freitals Oberbürgermeister Uwe Rumberg blickt auf ein "verrücktes Jahr" zurück.
Freitals Oberbürgermeister Uwe Rumberg blickt auf ein "verrücktes Jahr" zurück. © Egbert Kamprath

Herr Rumberg, wie fällt Ihre persönliche Bilanz des Jahres 2020 aus?

Auf den ersten Blick war es ein verrücktes Jahr. Vieles drehte sich um Corona und die Beschränkungen. Veranstaltungen, Besuche und liebgewonnene Traditionen mussten ausfallen. Wenn man das leidige Thema aber einmal beiseitelässt, hatte das Jahr auch viele gute Momente, wie zum Beispiel die Karnevalsparade im Februar, die Übergabe unseres neuen Löschfahrzeuges im August, die Fertigstellung der Pesterwitzer Straße im September, Erfolge beim Breitbandausbau durch die FSW, neue Gewerbeansiedlungen im Technologiepark der TGF, die neue Saunalandschaft im Hains oder die vielfältigen Aktivitäten in Vorbereitung des Stadtgeburtstages 2021.

Anzeige
Sachsen krempelt die #ärmelhoch
Sachsen krempelt die #ärmelhoch

Die Corona-Schutzimpfung ist gestartet. Zunächst allerdings nur für Menschen, die zur Gruppe der höchsten Priorität gehören.

Wie ist ihr Blick heute auf die Maßnahmen im Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus?

Die Maßnahmen sind für die Familien, das öffentliche Leben und die Unternehmen gravierende Einschnitte. Als Kommune haben wir da wenig Entscheidungsspielraum und sind an die Weisungen der Behörden gebunden. Die Folgen aber kann man heute noch gar nicht abschätzen, auch was die kommunale Wirtschaft und unseren Haushalt anbelangt. Und wir dürfen bei allen Finanzhilfen nicht vergessen, dass es am Ende Steuergeld bleibt, was die nächsten Generationen schultern müssen. Ich stelle mir schon oft die Frage, ob diese ganzen Beschränkungen - und da rede ich nicht von selbstverständlichen Hygienemaßnahmen, die man ohne weiteres befolgen kann - angemessen sind oder letztlich nicht größeren wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Schaden verursachen, als sie uns nützen. Auch die Auswirkungen auf den Einzelnen sind unvorhersehbar, egal ob es sich um Existenzängste, Einsamkeit oder fehlende Spielfreunde bei Kindern handelt. Bei allem Verständnis dafür, dass man versucht, die schwierige Situation und die Pandemie irgendwie in den Griff zu bekommen, dürfen alle Folgen nicht aus dem Blick geraten.

Welche Auswirkungen haben die Maßnahmen auf die Freitaler Wirtschaft und damit auch auf den städtischen Haushalt?

Pauschal kann man die konkrete Lage aller Unternehmen und Betriebe mangels entsprechender Daten noch nicht einschätzen. Allerdings stehen wir natürlich mit den Unternehmen in Kontakt und hören von etlichen, welche teils dramatischen Probleme es gibt. Insgesamt müssen wir einen Ausfall von Gewerbesteuern in Höhe von rund fünf Millionen Euro gegenüber den Erwartungen im Haushaltsplan 2020 feststellen. Das deutet bereits an, wie die wirtschaftliche Lage ist. Auch unser Anteil an der Einkommensteuer bleibt um rund 1,4 Millionen Euro unter den Erwartungen.

Wie geht Freital mit der Problematik um?

Den Steuerausfällen wurde mit einer allgemeinen Haushaltssperre im Umfang von einer Million Euro begegnet. Darüber hinaus erfolgen Ausgleichszahlungen durch das Land über rund 1,5 Millionen Euro und den Bund in noch offener Höhe. Das kann jedoch die Steuerausfälle nicht vollständig kompensieren. Unter Berücksichtigung der Ergebnisse der Vorjahre bleibt die finanzielle Handlungsfähigkeit der Stadt gesichert. Für den Haushalt 2021, den wir durch die Situation leider erst im März beschlussreif haben werden, hat das erhebliche Folgen. Wir müssen bei den Plänen für die kommenden Jahre kürzer treten und Einsparungen vornehmen. Wir sind uns allerdings der Verantwortung bewusst für die freiwilligen Aufgaben, die das Leben in unserer Stadt attraktiv und angenehm machen – also beispielsweise Bibliotheken, Kulturhaus, Sport, Kultur, Vereine und Freizeit. Hier werden wir mit Augenmaß entscheiden und wollen möglichst keine für die Freitaler spürbaren Veränderungen.

Ein großes Themenfeld ist die Kinderbetreuung. Wo steht Freital gerade?

Auch da hat uns Corona natürlich viel abverlangt. Eltern, Kinder, Kindergärten und Schulen wurden vor ganz neue Herausforderungen gestellt. Die von allen pädagogischen Teams sehr gut bewältigte Organisation der Notbetreuung führte zu dem Ergebnis, dass in Spitzenzeiten bis zu 750 Kinder in sicherer Umgebung betreut werden konnten. Darüber hinaus fordern die Abrechnung der Elternbeiträge für rund 2.500 Kinder und vor allem die derzeitigen Schließungen kompletter Einrichtungen noch einmal alle Kräfte in der Stadtverwaltung.

Gibt es denn jetzt ausreichend Kita-Plätze und Erzieher?

Kurzfristig konnten weitere 72 Kindergartenplätze neu geschaffen werden. Parallel erfolgt die Planung von zwei weiteren Kindereinrichtungen, um den Bedarf an Plätzen in Freital langfristig zu sichern. Die Fördermittel für die Erweiterung des Kitastandorts am Storchenbrunnen stehen in Aussicht. Außerdem konnten wir mit zusätzlichem Personal und großem Engagement aller Beteiligten weitere Plätze in den städtischen Einrichtungen belegen. Bislang war es auch aufgrund der Vielzahl von Maßnahmen in diesem Schuljahr möglich den Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz zu bedienen. Auch zeigen unsere vielfältigen Werbeaktivitäten Wirkung, Erzieherpersonal zu gewinnen. So konnten wir die Zahl der Bewerbungen und Einstellungen in diesem Jahr noch einmal deutlich steigern.

Es gibt zahlreiche Bauprojekte in der Stadt. Wie geht es da voran?

Mit der Entwicklung unseres Stadtzentrums kommen wir schrittweise voran. Die Wohnungsgesellschaft Freital konnte 2020 die Sanierung des City-Centers als maßgeblichen und attraktiven Beitrag fürs Stadtbild abschließen und treibt einen Neubau an der Leßkestraße voran. Am Sächsischen Wolf haben wir mit dem Investor den Kaufvertrag abgeschlossen und erarbeiten nun mit ihm gemeinsam den Bebauungsplan. Das sollte kommendes Jahr abgeschlossen werden sodass wir dann auch einmal in Richtung Spatenstich schauen können. Klar hätten wir uns alle gewünscht, dass es schneller gegangen wäre. Aber das Projekt ist sehr komplex – vom Wechsel des Investors über die Altlastenproblematik bis hin zu bürokratischen Hürden. Das braucht viel Zeit, Geduld und Verhandlungsgeschick. Und damit am Ende das Ergebnis stimmt, sollte man sich diese Zeit auch nehmen. Ich bin froh, wie weit wir nun gekommen sind und hoffe, dass es nun auch zügig weiter geht. Ein Baustein für das neue Zentrum ist auch die Fläche der ehemaligen Lederfabrik an der Poisentalstraße. Das Gebäude konnten wir komplett abreißen und die Fläche sanieren.

Wie geht es dort weiter?

Nun geht es um die Gestaltung der Fläche und des Mühlgrabens sowie die Beseitigung von Altlasten auf einer kleinen Restfläche. Das soll 2021 abgeschlossen sein. Leider sind die Kosten insbesondere für die Altlastenbeseitigungen sehr hoch und wir mussten dort mit Zustimmung des Stadtrates noch einmal finanziell nachbessern. Wie einmal eine endgültige Bebauung für das Areal aussehen kann, darüber laufen gerade Gespräche mit dem Freistaat. Wir glauben ganz fest an die Zusagen des Innenministers, das Landesamt für Schule und Bildung nach Freital zu bekommen.

Welche Vorhaben waren außerdem prägend für 2020?

Die Sanierung der Oberschule Geschwister Scholl in Freital-Hainsberg ist im vollen Gange, der Rohbau ist abgeschlossen. Hier soll es 2021 straff weiter gehen, um dann 2022 fertig zu werden. Parallel dazu erfolgen die Planungen für die Erweiterung des Kitastandorts und Schulcampus an der Lessingschule in Freital-Potschappel. Dafür haben wir bereits die Fördermittelzusage erhalten. Eine große Baustelle ist natürlich die Sanierung der Ballsäle in Coßmannsdorf. Hier sind wir aus unterschiedlichsten Gründen – Corona, Umplanungen, Preissteigerungen, Probleme in der Genehmigung, Lieferverzögerungen und wegen der Situation im Baugewerbe - leider im Verzug. Das Gebäude ist inzwischen entkernt, die Trockenlegung abgeschlossen, verschiedene Ausschreibungen, die Rohbauarbeiten und die Decken- und Kellersanierung laufen. In Sachen Neubau Stadion des Friedens haben wir unseren städtischen Anteil an der Finanzierung bereitgestellt, es sind die Fördermittel beim Freistaat beantragt und die Grobplanungen abgeschlossen. Die Gespräche mit dem Freistaat, wie wir das Projekt gemeinsam umsetzen können, laufen.

Eine Zweigstelle des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik in Freital entstehen. Wie geht es mit der Ansiedlung voran?

Ein Projekt dieser Tragweite und Größenordnung stemmt man natürlich nicht in ein paar Tagen. Das sind schwierige und langwierige Verhandlungen. Wir stehen nun mit dem Bund und allen Beteiligten vor einer Lösung mit dem Objekt an der Hüttenstraße. Ich bin dankbar, dass unser Landrat hier unterstützt und den Umzug seiner Behörde mit den entsprechenden Abteilungen aus der Hüttenstraße in die Sparkasse vorantreibt. Damit ist auch der Verwaltungsstandort des Landratsamts in Freital gesichert, darüber sind wir sehr froh.

Am 1. Oktober 2020 startete Uwe Rumberg die Uhr zum Countdown für die 100-Jahr-Feier der Stadt Freital.
Am 1. Oktober 2020 startete Uwe Rumberg die Uhr zum Countdown für die 100-Jahr-Feier der Stadt Freital. © Egbert Kamprath

100 Jahre Freital – jetzt geht‘s wirklich los. Unter den gegebenen Umständen – wie bewerten Sie den Stand der Vorbereitungen, was wird ausfallen müssen, was darf trotzdem stattfinden?

Für das Jubiläum soll ja nicht nur am eigentlichen Geburtstag, dem 1. Oktober 2021, etwas stattfinden. Getragen von unserem Leitbild „Von Freitalern für Freitaler“, werden unsere Freitaler das ganze Jahr 2021 über die Freude über den 100. Stadtgeburtstag zum Ausdruck bringen. Einige Vorhaben und Veranstaltungen, vor allem im Januar und Februar, mussten bedauerlicherweise schon abgesagt oder verschoben werden – allen voran der Tag der Sachsen. Aber das sollte uns nicht entmutigen. Ich freue mich über die vielen Menschen, die sich über Monate in die Planung, Organisation und Vorbereitung von Projekten und Veranstaltungen eingebracht haben und weiterhin einbringen. Gerade sie stehen für eine beachtliche Vielfalt im bevorstehenden Jubiläumsjahr. Freuen wir uns daher über alles, was stattfinden kann - wenn auch ein wenig später oder anders als geplant. Und hoffen wir, dass sich die Lage baldmöglichst verbessert und Wege gefunden werden, gewohnte Freiheiten trotz Corona zurückzuerlangen.

Was möchten Sie den Freitalern für 2021 mit auf den Weg geben?

Weiterführende Artikel

Freitals CDU wird durchgeschüttelt

Freitals CDU wird durchgeschüttelt

Es war der politische Paukenschlag des Jahres 2020: Oberbürgermeister Uwe Rumberg und acht weitere, teils bekannte Mitglieder treten aus der CDU aus.

Wir sind in diesen Zeiten vor tiefgreifende Herausforderungen gestellt. Viele Menschen treiben Sorgen und Ängste um, wie es mit ihnen, mit der Stadt, mit unserem Land und der Welt weitergeht. Deshalb wünsche ich uns allen Zuversicht, Tatkraft und Vertrauen, diese Zeit gemeinsam durchzustehen und gestärkt aus ihr hervorzugehen. Wohlstand, Sicherheit, Freiheit und alle Möglichkeiten zur Selbstentfaltung wurden uns nicht geschenkt. Sie wurden von Generationen im gesellschaftlichen Miteinander mühevoll erarbeitet und können nur gemeinsam erhalten bleiben. Gerade jetzt erleben wir aber auch, dass es auf ausschließlich materiellen Reichtum nicht unbedingt ankommt, sondern wir uns wieder auf die wichtigen Werte wie Liebe und Zusammenhalt in der Gesellschaft besinnen. So unterschiedlich wir zum Teil auch sind, sollten wir fair, friedlich und respektvoll miteinander umgehen. Wenn uns das gelingt, trotz aller belastender Umstände, dann finden wir auch künftig Lösungen, mit denen wir alle gut weiterleben werden. Danken möchte ich an dieser Stelle auch nochmals allen, die sich für das Gemeinwohl einsetzen – ob ehrenamtlich oder hauptamtlich. Ich wünsche uns allen ein gesegnetes, friedliches und erfolgreiches Jahr 2021.

Das Interview führte Tilman Günther.

Mehr Nachrichten aus Freital und Umgebung lesen Sie hier.

Täglichen kostenlosen Newsletter bestellen.

Mehr zum Thema Freital