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Kreischas vergessenes Freibad

Vor nahezu 100 Jahren begann der Badespaß im Ortsteil Lungkwitz. Von dem ehemaligen Erholungsort bleibt nur noch der Name einer Bushaltestelle.

Heute hat sich die Natur das ehemalige Freibad zurückgeholt.
Heute hat sich die Natur das ehemalige Freibad zurückgeholt. © Matthias Schildbach

Von Matthias Schildbach

Das Lungkwitzer Freibad ist heute nur noch eine Kindheitserinnerung derjenigen, die es erleben durften und wohl einige ihrer schönsten Sommertage hier verbrachten. Denn wo einst Kinder tobten und sich sonnenbadende Besucher entspannten, quaken heute heimische Lurche ihr Lied. Um 1875 legte man auf den „oberen Wiesen“, südlich der Ortslage des Kreischaer Ortsteiles Lungkwitz, einen Fischzuchtteich an. Er wurde durch einen Wassergraben gespeist, der Wasser des Lockwitzbaches zuleitete. Der Abfluss mündete gegenüber des alten Forsthauses wieder in die Lockwitz.

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Enstanden durch eigene Eigeninitative

Auf Initiative des Lungkwitzer Arbeiterturnvereines kam nach dem Ersten Weltkrieg die Idee auf, im Ort ein Freibad zu errichten. Dafür kam nur der alte Fischzuchtteich in Frage. Unter großem Engagement von Jung und Alt wurde angepackt, der Teich abgelassen und ein Becken gemauert. Im Sommer 1926 wurde das neue Freibad zum ersten Mal in Betrieb genommen. Auf der Wiese hinter dem Becken fanden Fußballspiele, Sportfeste und Vogelschießen statt.

Die vielen Sportvereine der Umgebung traten gegeneinander an. Ein großer Bretterzaun schütze in Richtung Ortslage vor neugierigen Blicken. Am Eingang befand sich anfangs eine Holzlaube, in der der Bademeister seinen Platz hatte und das Eintrittsgeld kassierte. Lange war das ein Herr Hofmann, er wohnte im Stiftsgut. Er war von so stattlicher Natur, dass er noch an der tiefsten Stelle Grund unter den Füßen hatte und entsprechenden Eindruck bei den Kindern hinterließ. Aus dieser Zeit stammen auch noch die mächtigen Erlen an der ehemaligen Badewiese.

Gewagte Pläne, schwere Zeiten

Auf der Suche nach attraktivem Bauland entstanden in den 1920er-Jahren Pläne, das gesamte Areal um die Badewiese mit Eigenheimen zu bebauen und einen eigenen Sportplatz anzulegen. Aber daraus wurde nichts. Als der Krieg ausbrach, war es auch mit dem Freibad – zumindest erst einmal – vorbei.

Es wurde wieder als Fischaufzuchtteich genutzt, doch der Zahn der Zeit nagte stark in ihm. Um 1948 wurde von den Lungkwitzern ein erster Versuch gestartet, das Freibad wieder flott zu machen. Gras und Gestrüpp wurden gerade entfernt, da hieß es, im verschlammten Becken könnte sich weggeworfene Kriegsmunition und Waffen befinden.

Die Arbeiten wurden zu gefährlich und man stellte die Aktivitäten ein. 1959 gab es den nächsten Anlauf und der sollte gelingen. Das Badebecken wurde entrümpelt, der Zuflussgraben gesäubert, die Seitenwände, der Ein- und Ablauf vollkommen neu gemauert. Alles wurde mit Manneskraft und ohne Bezahlung von den Lungkwitzern bewerkstelligt. Die Gemeinde stellte Zement und Kies und ließ „Wurschtbemmen“ an die Baustelle bringen.

Begehrtes Ausflugsziel

Am neu installierten Schlagbaum am Eingang des Badegeländes hing eine Eisenkassette, in die das freiwillige Eintrittsgeld eingeworfen wurde: zehn Pfennige für Kinder, zwanzig für Erwachsene. In Spitzenzeiten beliefen sich die Einnahmen pro Tag um die 100 Mark, die Saison brachte schon mal weit über 1.000 Mark ein. Von dem Ertrag wurden in den 1960er-Jahren die Bänke errichtet, die Außenpflasterung angelegt, Toiletten und Umkleidekabinen gebaut und eine Wippe für Kinder aufgestellt. In dem Häuschen rechts vom Eingang, worin sich die Umkleidekabinen befanden, hatte später auch der Kassierer seinen Platz. Dieses Amt übernahm immer mal jemand anderes.

In den 1960er-Jahren war der Teich gut besucht.
In den 1960er-Jahren war der Teich gut besucht. © Geschichtswerkstatt Kreischa

Die Qualitäten des Lungkwitzer Bades sprachen sich schnell herum, es verzeichnete Besucherzustrom aus nah und fern. Unter Ihnen waren Städter aus Dresden, Gäste aus dem ehemaligen Sportmedizinischen Institut und auch die Soldaten der Roten Armee durften ihre Pause hier verbringen, wenn sie gerade zu Übungen auf dem Lungkwitzer Schießplatz da waren. Mit lautem Freudenschrei stürmten die Kinder vom Ferienheim Finckenfang in den Sommerferien aus dem Wald am Braunsberg hervor. An den Sommerabenden fanden wie vor dem Krieg Veranstaltungen und Filmvorführungen auf der Badewiese statt.

Das Ende des Freibades

Im Zuge der Eingemeindung von Lungkwitz nach Kreischa kamen 1973 Fragen nach hygienischen Standards in dem Freibad auf. Da das Wasser weder aufbereitet noch gechlort wurde und auch kein ausgebildeter Rettungsschwimmer zu stellen war, wurde es für den Badebetrieb gesperrt. Trotzdem fanden auf der Badewiese weiterhin Feste und Spiele des Lungwitzer Kindergartens und der Kreischaer Schule statt. Bei einer letzten Renovierungsaktion säuberten Lungkwitzer Kinder und Jugendliche das Becken von Wildbewuchs und setzten den Zuflussgraben instand.

Es gelang noch einmal, das Wasser im Becken voll anzustauen – dann kam das endgültige Ende. Auch die abenteuerlichsten Investmentideen der Nachwendezeit waren nicht umsetzbar. Und so tat auch die Gemeindeverwaltung Kreischa das einzig Richtige: In einer Renaturierungsmaßnahme wurde die Ruine des Badebeckens beseitigt und der Teich als Biotop hergerichtet. Das ist nun auch schon einige Jahre her. Das Zuflusswehr an der Lockwitz riss das Hochwasser von 2002 mit aller Gewalt davon.

Den Zuflussgraben erkennt man in der Wiese, auch wenn er längst verlandet ist. Die hundertjährigen Erlen der Badewiese rauschen noch immer im leisen Sommerwind und fast scheint es, als würden jeden Moment die Ferienkinder aus dem Wald gestürmt kommen. Fast nostalgisch halten die Verkehrsbetriebe am Namen der nahen Bushaltestelle fest: sie trägt noch heute den Namen „Lungkwitz Bad“.

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