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Allerlei aus der närrischen Weißeritztalfibel

Tolle Nächte sind keine Erfindung jüngeren Datums. Sie zählten bereits vor über 100 Jahren zu den populärsten Vergnügungen.

Hochstimmung im großartig dekorierten BC-Saal im Jahre 1969. Gefeiert wird ein Rokoko-Fasching mit dem Titel „Rokokolorus“. Hainsberg ist der dienstälteste Elferrat in unserer Heimat.
Hochstimmung im großartig dekorierten BC-Saal im Jahre 1969. Gefeiert wird ein Rokoko-Fasching mit dem Titel „Rokokolorus“. Hainsberg ist der dienstälteste Elferrat in unserer Heimat. © Foto: Erhardt Freund

Gegen Corona kämpfen selbst die Schöpfer Freitaler Faschingsnächte vergeblich. Eigentlich müssten sie am kommenden Mittwoch die Regierungsgewalt im fast 100-jährigen Städtchen am Windberg übernehmen. Aber die närrischen Exzellenzen waren in Absprache mit dem Rat der Stadt vernünftig genug, den nun schon zur Tradition gewordenen Sturm aufs Potschappler Rathaus am 11.11. abzublasen.

Da wir gerade beim 11.11. sind – der Auftakttermin für die närrische Zeit spielt in unserer Gegend erst nach 1945 eine Rolle, auch Elferräte gab es kaum. Ihre Funktion übernehmen so etwa ab 1850 Handwerksinnungen, Vereine aller Couleur, Sportvereinigungen und Wirte.

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Ich habe eine Quizfrage: Wissen Sie, was am Mittwoch, dem 8. Februar 1899 auf späterem städtischen Terrain los war? Machen wir es kurz: An diesem Tag hat der damalige Wirt der legendären Steiger-Gaststätte, Ernst Thieme, mit Potschappel und Umgebung großes vor. Er wirbt mit nicht zu übersehenden Plakaten und auffälligen Inseraten in örtlichen Zeitungen und Dresdner Journalen für einen öffentlichen Maskenball.

Ein Wirt warnt

Wirt Thieme hat freilich Probleme. Eingedenk unliebsamer Vorkommnisse in jüngster Vergangenheit im Steiger-Saal lässt der Chef Handzettel mit folgendem Text vertreiben: „Anständige und moralisch unbedenkliche Kostüme sind erwünscht. Als Harlekine haben nur einige von mir bestimmte Herren Zutritt. Grober Unfug, insbesondere Schlägereien, sind strengstens untersagt.“ Eine Warnung, die nicht von ungefähr kommt. Erst vor einer Woche hatte es auf der Tanzfläche wegen einer Eifersüchtelei eine handfeste Rauferei und blutige Nasen gegeben. Die Kampfhähne, zwei Herren in Harlekinkostümen, schlugen so lange aufeinander ein, bis sie der Wirt des Hauses verwies.

An besagtem Mittwoch herrscht typisches Matschwetter, aufgeweichte Wege, Nieselregen und ein halbes Dutzend Pfützen. Mit aufgespannten Schirmen strömt eine Riesenschar maskierter Karnevalisten zum Maskenball. Zwei Tage drauf schildert der angesehene „Dresdner Anzeiger“: „Prinz Karneval schwang im fantastisch geschmückten Saal das Zepter. Ritter, spanische Granden, polnische Edelleute, Dominos, Dorfpolizisten, Scherenschleifer – sie alle buhlten um die Gunst des schwachen Geschlechts, das als Burgfräulein oder Köchin mit der Männerwelt kokettierte. Schlag 23 Uhr wird dem Mummenschanz Einhalt geboten. Don Juan und die Christel von der Post und alle Karnevalisten im Saal lassen die Masken fallen. Ein Augenblick der Wahrheit, der so manche aufkommende Leidenschaft abkühlte. Nach Einnahme der von der Küche des Hauses verabreichten Stärkung in Form von Hackepeterbrötchen und saurem Hering kommt der Tanz erneut in Gang. Endspurtstimmung bis früh um Dreie. Unser Kompliment: In Potschappel versteht man sich aufs Feiern!“

Damals im Poisental

Am Anfang der Narreteien rund um den Windberg steht allerdings nicht der Maskenball im Steiger-Saal vor 121 Jahren. Von den über 80 Vereinen, die um 1850 im Weißeritztal existieren, stürzen sich weit über die Hälfte in den karnevalistischen Trubel. Das älteste uns vorliegende Faschingsdokument stammt vom 3. Februar 1867. Ein Zeitungsinserat mittlerer Größe informiert: „Turnverein Niederhäslich, ergebenste Einladung zum großen Faschingsball im Gasthof Poisental. Zum Tanz spielt eine Blaskapelle und die beliebte Schrammelgruppe Wenderlein.“

Die verrückten 20er-Jahre schaukeln den Freitaler Karneval nach oben. Vor allem diverse Vereine und Gastwirtschaften erbringen den Nachweis, dass es auch im Weißeritztal närrisch zugeht. In Deuben wird der Sächsische Wolf zu einem Treffpunkt einheimischer Faschingsgeister. Der Turnverein Hermania Hainsberg startet 1926 in allen Räumlichkeiten der BC-Gaststätte ein Maskenfest mit dem Titel „Sorgenbrecher“. Eintrittspreise: Herren 1,50 RM, Damen 1 RM.

Nach der Zwangspause im Zweiten Weltkrieg bricht eine neue Faschingsära an. Sie wird u.a. von Wurgwitz, Hartha, Hainsberg, Somsdorf, Bannewitz und Pesterwitz geprägt. Die Freitaler Rassegeflügelzüchtersparte, deren Vorsitzender Arno Fleischer auch als Elferratspräsident erste Wahl ist, inszeniert im Steiger und später im Goldenen Löwen den sehr populären Hühnerfasching. Pro Saison bis zu neun Veranstaltungen. Mit dem Abklingen der züchterischen Arbeit kommt der Fasching 1990 zum Erliegen. Arno Fleischer zählt zu den Ersten, die für eine zentrale Faschingsparade eintreten. In einem SZ-Interview von 1987 gibt er zu Protokoll: „Ich finde es an der Zeit, dass sich Freitals Faschingsbewegung auch in den Straßen der Stadt stark macht. Das wäre zugleich eine echte Werbung für den hiesigen Karneval.“ Keine Frage, Arno hat Recht. Schon die erste Parade von 1988 übertraf alle Erwartungen. In der Regie der im heimatlichen Präsidentenrat vertretenen Elferräte wurde die Parade zu einer Tradition entwickelt.

Es ist nicht übertrieben: Freital war eine sächsische Faschingshochburg, und daran wird sich wohl nach der Überwindung von Corona nichts ändern. Wir wünschen den närrischen Teams schon heute für Kommendes viel Erfolg.

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