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Bundeswehr auf Corona-Mission in Freital

Essen verteilen statt Funkverbindungen aufbauen: Wie 14 Soldaten einer Kompanie aus Frankenberg im Pflegeheim Jochhöh aushelfen.

Die Fernmeldekompanie kümmert sich in der Kantine des Seniorenheims ums Verteilen des Essens.
Die Fernmeldekompanie kümmert sich in der Kantine des Seniorenheims ums Verteilen des Essens. © Karl-Ludwig Oberthür

Sie tragen keinen Tarnfleck, sondern weiße Kunststoffoveralls, Schutzbrillen und Mundschutz. Ihre Vornamen haben sie auf Gewebeklebeband geschrieben, sie prangen jetzt oben links auf Brusthöhe. Im normalen Soldatenleben gehören die Männer und Frauen einer Fernmeldekompanie an. Nun verteilen sie im Seniorenheim Jochhöh in Freital das Essen auf die Zimmer, wechseln die Bettwäsche, desinfizieren Türklinken. "Es ist schön, dass wir helfen können. Die Menschen sind sehr froh, dass wir hier sind", sagt einer der Soldaten.

Seit neun Tagen sind die Männer und Frauen in Freital stationiert - auf Corona-Mission. Bis Mitte nächster Woche helfen sie im Pflegeheim noch aus, so die derzeitige Planung. Eventuell wird der Einsatz verlängert, je nach Entwicklung im Infektionsgeschehen. 

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42 der insgesamt 64 Bewohner und 16 Mitarbeiter sind hier positiv getestet. Den meisten Infizierten geht es soweit ganz gut, manche sind symptomfrei. Dennoch war die Situation hier vor eineinhalb Wochen so angespannt, dass der Landkreis einen Hilferuf in Richtung Bundeswehr funken musste. Im Heim war das Personal so knapp geworden, dass die Pflege nicht mehr gewährleistet werden konnte. Daraufhin wurden 14 Soldaten zum Haus Jochhöh nach Freital abkommandiert. 

Mit dabei ist Jenny Preusker. Als Soldatin ist sie mit ihren Kameraden Teil der Panzergrenadierbrigade 37 und zuständig für den Aufbau von Funkverbindungen im Feld. Stationiert ist die Fernmeldekompanie im erzgebirgischen Frankenberg. Dass sie nun plötzlich in einem Freitaler Seniorenheim aushelfen müssen, ist für sie letztendlich ein ganz normaler Auftrag. "Wir haben uns darauf vorbereitet." Zudem, so erzählt die 33-Jährige weiter, sei sie zufälligerweise gelernte Sozialassistentin. "Die Ausbildung ist zwar schon zehn Jahre her, aber jetzt kann ich mein Wissen mal anwenden. Das gefällt mir."

Soldatin Jenny Preusker ist eine der insgesamt 14 Männer und Frauen ihrer Einheit, die derzeit in Freital helfen.
Soldatin Jenny Preusker ist eine der insgesamt 14 Männer und Frauen ihrer Einheit, die derzeit in Freital helfen. © Karl-Ludwig Oberthür

15.000 Soldaten stehen bereit

Die Bundeswehr hat sich seit dem Frühjahr mit insgesamt 15.000 Soldaten für den Corona-Ernstfall bereit gehalten. "Aber nur wenige Hundert wurden zunächst angefordert", berichtet Generalleutnant Martin Schelleis, für den Corona-Einsatz des Heeres bundesweit verantwortlich. Die Nachfrage hat sich mit den rasant steigenden Infektionszahlen rapide verändert. Derzeit sind um die 5.000 Soldaten in Deutschland im Corona-Einsatz, gut 150 davon in Sachsen. Innerhalb des Freistaates helfen die meisten Soldaten im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge aus: 52 Männer und Frauen sind hier momentan eingesetzt. Im Landkreis Görlitz helfen 24 Soldaten, in Leipzig weitere 20.

Sie unterstützen die Landratsämter und Rathäuser bei der Nachverfolgung von Infektionsketten, helfen in den Test-Centern und in Pflegeheimen. Weil Soldaten keine geschulten Pflegekräfte sind, sollen sie in den Heimen wie am Jochhöh vor allem all die vielen kleinen Handgriffe erledigen, um den verbliebenen Altenpflegern den Rücken freizuhalten. Weil das Haus unter Quarantäne steht, müssen die Bewohner auf ihren Zimmern bleiben, was die Arbeit fürs Personal noch aufwendiger macht. 

Arbeit in drei Schichten

"Deshalb bringen wir das Essen auf die Zimmer, räumen auch wieder ab, helfen beim Reinigen, beim Bettwäschewechsel, messen bei den Bewohnern Fieber", zählt Jenny Preusker auf. Sie arbeiten im Dreischichtsystem: jeweils sechs Soldaten kommen zur Früh- und der Spätschicht, zwei in der Nachtschicht. Untergebracht sind sie im Wohnheim am Backofenfelsen. 

Zu befürchten ist, dass der Bundeswehr-Einsatz in Freital nur einer der ersten von weiteren ist. Landrat Michael Geisler kennt anhand der neusten Zahlen schon den nächsten Krisenherd. In einem Pflegeheim in Kleingießhübel sind beinahe alle Bewohner und auch fast jeder Mitarbeiter infiziert. "Dort bereiten wir jetzt den nächsten Einsatz vor", sagt er und lobt die Bundeswehr: "Als wir vor ein paar Wochen kurzfristig um Hilfe baten, ging alles ganz schnell."

Generalleutnant Martin Schelleis ist für den bundesweiten Einsatz der Bundeswehr bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie verantwortlich. Er besuchte die Soldaten in Freital am Donnerstagvormittag und sprach anschließend mit dem Landrat über weitere Hilfsei
Generalleutnant Martin Schelleis ist für den bundesweiten Einsatz der Bundeswehr bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie verantwortlich. Er besuchte die Soldaten in Freital am Donnerstagvormittag und sprach anschließend mit dem Landrat über weitere Hilfsei © Karl-Ludwig Oberthür

Generalleutnant Schelleis betont, man könne über die ohnehin bereitstehenden 15.000 Soldaten weitere Einsätze organisieren. "Wir haben noch Reserven." Denkbar seien zum Beispiel logistische Aufgaben, wie man sie derzeit schon in Sachsen-Anhalt ausführt: Dort hat die Bundeswehr ein Lager für medizinische Schutzkleidung aufgebaut und übernimmt die Verteilung in die Landkreise. Die ABC-Experten der Bundeswehr wiederum können Desinfektionsmittel herstellen und in großem Stil Desinfektionsmaßnahmen durchführen. In Bayern wurde das bereits im Frühjahr praktiziert. Selbst der Schutz kritischer Infrastruktur sei denkbar, sollten Polizei- oder Sicherheitskräfte aufgrund der Pandemie personell an ihre Grenzen kommen.    

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