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Freitals Altbürgermeister Walter Daehn ist tot

Er war 18 Jahre im Amt – so lange wie kein anderer. Mit dem Ende der DDR musste er in den Ruhestand gehen.

Es war eine seiner letzten Amtshandlungen als Bürgermeister von Freital: Walter Daehn (2.v.l.) unterschrieb am 26. März 1990 in Oberhausen die Urkunde über die Partnerschaft beider Städte und siegelte sie mit dem Emblem der DDR.
Es war eine seiner letzten Amtshandlungen als Bürgermeister von Freital: Walter Daehn (2.v.l.) unterschrieb am 26. März 1990 in Oberhausen die Urkunde über die Partnerschaft beider Städte und siegelte sie mit dem Emblem der DDR. © Jürgen de Waal

Bis vor wenigen Wochen noch kurvte Walter Daehn mit seinem Auto durch Freital – oder mit dem Fahrrad. Selbst im hohen Alter saß der ehemalige Bürgermeister von Freital, stets ein Mann der Tat, selbstbewusst hinter dem Steuer und lenkte souverän die Geschicke seiner Gefährte. Am zweiten Weihnachtsfeiertag hatte er seinen 91. Geburtstag feiern können. Nun ist Walter Daehn tot. Er starb am 29. Januar wohl an den Folgen einer Lungenentzündung im Freitaler Krankenhaus. Überraschend für Familie und Freunde.

„Ich konnte es erst gar nicht glauben“, sagt Heidi Weigel, die in Daehns Amtszeit Mitglied des Rates für Kultur war und seit Jahren eine Art Ehemaligentreffen der Stadtverwaltung organisiert. Sie stand mit ihrem ehemaligen Chef ständig in Kontakt. „Das hat mich erschüttert“, sagt die 73-Jährige, die jetzt Seniorenbeauftragte der Stadt ist. Vor zwei Jahren erst hatte Walter Daehn nach zwei Operationen eine schwere Virusinfektion überstanden. „Er hatte sich wieder erholt, war geistig fit und körperlich gut belastbar“, sagt Heidi Weigel.

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Vom politischen Gegner zum Freund

Walter Daehns unerwartetes Ableben hat auch seinen Nachfolger im Amt schmerzlich berührt. „Ich habe ihn in der Wendezeit kennengelernt und bin ihm mit Hochachtung begegnet“, sagt Dietmar Lumpe, der nach den ersten freien Kommunalwahlen der DDR im Mai 1990 Oberbürgermeister in Freital wurde. Walter Daehn, damals 61 Jahre alt und Träger des Vaterländischen Verdienstordens in Bronze, ging in den Ruhestand – nach 18 Amtsjahren. „Mit Anstand und Fairness“, sagt Lumpe. „Er wollte, dass es ohne Umbrüche in der Verwaltung weitergeht. Er ist vom politischen Gegner zum Freund geworden.“ Das brachte Lumpe dann selbst in Bedrängnis. „Ich stand zwischen den Fronten. Die einen wollten Blut sehen, die anderen alles unter den Teppich kehren“, erinnert er sich. „Ich bemühte mich um Sachlichkeit.“

Walter Daehn, der mit seiner Frau Eva in Wurgwitz wohnte, hing an seiner Stadt. Kein Wunder: So lange wie er hat in den 100 Jahren seit Stadtgründung keiner in Freital regiert. Und er hätte wohl gern noch ein bisschen weitergemacht, gerade nach der Wende, als der Bürgermeister nicht mehr zuerst ein Verwalter des Mangels war. Damit hatte Daehn, der in Großgrimma in Sachsen-Anhalt aufgewachsen ist, einem Ort, der 2006 der Braunkohle weichen musste, von Anfang an zu kämpfen. Auch schon, als er, gerade dreißigjährig, 1959 Bürgermeister in der damals selbstständigen Gemeinde Wurgwitz wurde.

Mit Beginn des Jahres 1972 übernahm Karl-Heinz Hofmann die Amtsgeschäfte. Daehn wechselte als Stadtrat für Verkehr in die Verwaltung der Stadt Freital. Schließlich wurde der SED-Genosse Walter Daehn mit Wirkung vom 1. Juli 1972 zum Bürgermeister von Freital gewählt. Und zwei Jahre später war er es auch wieder von Wurgwitz – als nämlich 1974 sein einstiger Wirkungsort nach Freital eingemeindet wurde. Wie auch Somsdorf und Kleinnaundorf, auf dessen Friedhof Walter Daehn seinem Wunsch gemäß seine letzte Ruhestätte finden soll.

In seine Amtszeit fielen einige wichtige Bauprojekte, wie die Schwimmhalle in Hainsberg, der Kindergarten und die Schule in Wurgwitz, die Schillerschule in Döhlen. Ein zentrales Problem, das Walter Daehn zu lösen hatte, war die Versorgung der Freitaler mit angemessenem Wohnraum. Ein Ziel, das die Partei bis 1990 erreichen wollte. Der Weg dahin war steinig und voller Ungerechtigkeiten. „Der Bürgermeister saß zwischen allen Stühlen, er war nicht zu beneiden“, sagt Dietmar Lumpe. „Von oben drückte die SED-Kreisleitung, von unten das Volk.“ Täglich musste Daehn um Baumaterial kämpfen, um Kapazitäten der in Produktionsgenossenschaften vereinten Handwerker, band in den Achtzigern die volkseigenen Betriebe in die Sanierung der ruinösen Häuser entlang der Dresdner Straße ein.

Wenn es dann neue Wohnungen wie im Neubaugebiet in Zauckerode gab, einem von Berlin aus vorangetriebenen Projekt unter Regie des Rates des Kreises und der SED-Kreisleitung, musste einer entscheiden, wer einziehen darf. Für alle reichte es nicht, und der Unmut entlud sich auf der Verwaltung, auf Walter Daehn. Im Grunde hörten die Anfeindungen auch in seinem Ruhestand nie auf, weiß Olaf Köllner, der damals Sekretär des Rates der Stadt war. „Die Wohnraumvergabe in Zauckerode war natürlich ein heißes Eisen“, sagt Köllner, der 1990 mit Daehn aus der Stadtverwaltung ausscheiden musste.

Nicht nur Chef, auch Mensch

Ja, manchmal habe er gepoltert, besonders, wenn er von der Sitzung bei der SED-Kreisleitung kam. „Das hat er mir mal erzählt, da musste er immer arg an sich halten“, sagt Dietmar Lumpe. Als Chef aber sei Walter Daehn sehr kollegial und verständnisvoll gewesen, sagt Heidi Weigel. Und handelte ganz menschlich sogar gegen die Direktive der Partei. Das rechnet ihm sein einstiger Stellvertreter Jochen Scherpe bis heute hoch an. „Ich musste 1985 aus der Stadtverwaltung ausscheiden, weil meine Tochter geheiratet hatte und Westbesuch da war. Das hatte ich nicht gemeldet.“ Bei seiner Verabschiedung im Rathaus, erinnert sich der 89-Jährige, sei Walter Daehn der Einzige gewesen, der ihm alles Gute gewünscht und ihn umarmt hatte.

Fünf Jahre später musste auch Walter Daehn gehen – und durfte kurz vorher noch ganz offiziell Westbesuch empfangen und in die BRD reisen. Eine seiner letzten Amtshandlungen war die Unterzeichnung der Urkunde über die Städtepartnerschaft mit Oberhausen, die bis heute Bestand hat. Wie manches andere, dass zu Daehns Amtszeiten in Freital entstanden ist. Er war ein Mann der Tat, unter widrigen Umständen, aber voller Zuversicht, auch wenn er letztlich falsch lag: „Was die Partei verspricht, das hält sie auch“, schrieb er am 3. Februar 1973 in einem Leitartikel in der Sächsischen Zeitung. Aber da war Walter Daehn ja erst ein Jahr im Amt.

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