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Sturmkatastrophe – als es plötzlich Nacht wurde

Ein Unwetter in der Region Freital im Juli 1933 fordert fünf Menschenleben. Das Wilischdenkmal stürzt in die Tiefe.

Zeitgenössische Darstellung der Sturmkatastrophe vom 29. Juli 1933 im Wilischgebiet.
Zeitgenössische Darstellung der Sturmkatastrophe vom 29. Juli 1933 im Wilischgebiet. © Zeichnung: Siegfried Huth

In der fünften Nachmittagsstunde des 29. Juli 1933 scheint die Welt unterzugehen. Aus südlicher Richtung peitscht orkanartiger Sturm eine düstere Wolkenwand auf den Wilisch und seine Umgebung zu. Im Nu breitet sich nachtschwarze Dunkelheit aus, ringsum entladen sich heftige Gewitter. Hagelschlag trommelt auf die Dächer der Wohnhäuser, wütet auf den Feldern der Bauern, knickt selbst mächtige Bäume wie Streichhölzer um.

Wochenlang hatte unerträgliche Hitze geherrscht – die herbeigesehnte Abkühlung sollte katastrophale Ausmaße annehmen. Ein Wilischwanderer erlebt das jäh aufziehende Unwetter mitten im Grün des Berges. Ein Auszug dazu aus seiner Schilderung im „Wilischboten“: „Der Sturm kam aus der Gegend von Reichstädt und Reinberg. Furcht befiel mich, als ich überall umstürzende Bäume sah. Jeden Moment konnte ich selbst etwas abgekommen. Auf Lichtungen und den Schneisen türmten sich wirr durcheinander liegende Stämme und Äste. Man konnte sich kaum noch einen Weg bahnen. Das Ehrenmal auf dem Wilischgipfel mit Steinkugel und vergoldetem Kreuz schleuderte der entfesselte Wind in die Tiefen des Steinbruchs …“

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Im Raum Freiberg zogen dicke Wolkenfelder auf und verdüsterten die Sonne derart, dass aus dem hochsommerlichen Nachmittag eine undurchsichtige Nacht wurde. Hagelschlag setzt ein, der die Fensterscheiben der Wohnhäuser in sekundenschnelle zersplittert. Nicht anders ergeht es den Glasfronten der Schaufenster von Geschäften. Kein Mensch wagt sich vor die Haustür. Bei den mit Sturmböen vermischten Regengüssen hätten Schirme ohnehin keine Überlebenschance.

Im Kreischaer Land fällt das Obstaufkommen dem Hagelschlag zum Opfer. In Reinhardtsgrimma und Hirschbach werden die Verluste bei Hafer und Gerste mit 75 Prozent, bei Roggen und Weizen mit 40 Prozent angegeben. Todesopfer sind zu beklagen. In Maxen hatte die 19-jährige Tochter des Gutsbesitzers Weinrich hinter einer Scheune Schutz vor dem Wetter gesucht. Eine Sturmböe drückte die massiv gebaute Scheune regelrecht platt und begrub die Landwirtstochter unter sich.

Schiff in Not

Erst nach Stunden legt sich die ungeheure Wucht des Sturmes. Als der unheilvolle Spuk vorbei ist, wird deutlich, dass das Wilischgebiet trotz großer Verwüstungen noch relativ glimpflich davon gekommen ist. Noch schlimmer haust das Unwetter im unteren Müglitztal, im Raum Pirna und in der Sächsischen Schweiz. Der große Schornstein einer Ziegelei in Großsedlitz klappt in sekundenschnelle in sich zusammen. Auf dem Rangierbahnhof Pirna werden mehrere Güterwagen zusammengeschoben, die Masten der Licht- und Fernsprechleitungen knicken serienweise um. Drei Arbeiter werden von den Mauern einer ehemaligen Glasfabrik erdrückt, der Besitzer einer Vulkanisieranstalt wird von Trümmern eines abtriftenden Schornsteines tödlich getroffen.

Der Schiffsverkehr auf der Elbe kommt zum Erliegen. Einen Dampfer der Sächsisch-böhmischen Dampfschifffahrtsgesellschaft, eben auf der Rückfahrt aus der Schweiz nach Dresden unterwegs, presst der Sturm gegen das Ufer – die Fahrgäste bleiben wie durch ein Wunder unversehrt.

Hemmungslose Sturmgewalt auch in der Sächsischen Schweiz. Ahnungslose Sommergäste erleben im Garten des Amselfalls Szenen, wie man sie nur von grotesken Stummfilmen her kennt. Windstöße reißen den verblüfften Urlaubern Kaffeetassen und angebissene Kuchenstückchen aus der Hand. Gartenmöbel fliegen durch die Lüfte. Vom Bretterkaffee an der Bastei bleibt nichts übrig. Der Uttewalder Grund sieht aus, als hätten Riesen zwischen den Felsen ein zerstörerisches Spiel getrieben. Nicht minder der Anblick des sonst so idyllischen Polenztals. Tausende Festmeter Waldbestand werden vernichtet. Die Flur- und Baumschäden in der Gegend von Dippoldiswalde konzentrieren sich unter anderem auf den Lindenweg von Berreuth nach Ruppendorf.

Was die Chronisten meinen

Mehrere Chronisten behaupten, es habe sich um die schwerste Naturkatastrophe in unserer Heimat gehandelt. Ein Urteil, dem nicht so ohne Weiteres beizupflichten ist. Über Wettererscheinungen in früherer Vergangenheit lässt sich nur wenig sagen. Warum eigentlich soll es nicht schon im 15. oder 16. Jahrhundert Ähnliches gegeben haben? Hinzuzufügen ist allerdings, dass sich der Sturmtag vom Juli 1933 in der sich anschließenden Zeitspanne ohne Nachfolger blieb. Es gab Stürme, es gab Hagel und tagelangen Regen, allerdings nicht in solchem Ausmaß.

Andere Katastrophen blieben uns in jüngerer Vergangenheit allerdings nicht erspart. Erinnert sei an das extreme Hochwasser von 1897, vor allem ein Kraftakt der beiden Weißeritzen. Im September 1924 geht im Quellgebiet der Triebisch ein Wolkenbruch nieder, die Wassermassen ergießen sich augenblicklich in die Täler von Pohrsdorf, Herzogswalde und Mohorn. Vor allem im Unterlauf der Flüsse werden zahlreiche Häuser unter Wasser gesetzt. Auf den Weiden überraschtes Vieh treibt hilflos in den Fluten. Glück im Glück, dass keine Menschenleben zu beklagen sind.

War schon das bereits zitierte Hochwasser von 1897 von großem Übel, so wurde es 2002 mit der riesigen Flut noch um einiges schlimmer.

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