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Fünf Kilo Gold für falsche Polizisten

Eine betagte Frau aus Radebeul wurde mit einer perfiden neuen Masche um 400 000 Euro betrogen. Die Spur führt in die Türkei.

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© dpa

Von Alexander Schneider

Die Polizei warnt vor Telefonbetrügern. Die Täter geben sich als Polizisten aus und haben allein im vergangenen Jahr vor allem in Dresden und Umgebung rund 825 000 Euro ergaunert. Bundesweit beziffern Dresdner Betrugsermittler den Schaden auf „mindestens 15 bis 18 Millionen Euro“. Hinter der Masche vermutet die Polizei eine gut organisierte, international tätige Bande, die aus Call-Centern in der Türkei Kontakt zu ihren Opfern aufnimmt. Dresdner Ermittler kritisieren nun das Fehlen einer zentralen Sondereinheit, um bundesweit den Verfolgungsdruck auf die Betrüger zu erhöhen.

Die ersten Fälle in Dresden wurden im März vergangenen Jahres in Dresden bekannt. Schnell war klar, die Täter treten extrem perfide auf und erbeuten sehr hohe Summen – bis zu 100 000 Euro und mehr. Im Herbst vergangenen Jahres wurde eine 78-jährige Frau aus Radebeul sogar um 400 000 Euro erleichtert. Mehrere Wochen lang haben die Telefonbetrüger sie immer wieder angerufen. Die „Polizisten“ warnten vor Einbrechern, säten Zweifel, das Geld der Dame sei auf ihrer Bank nicht mehr sicher. Die Frau hatte Vertrauen gefasst, hatte den falschen Beamten sogar helfen wollen, die vermeintlichen Gauner zu schnappen – und ging so den Betrügern erst richtig auf den Leim. 200 000 Euro Bargeld holte eine Kurier-Fahrerin bei der Geschädigten ab. Danach brachte die Rentnerin höchstpersönlich auch noch etwa fünf Kilo Gold nach Berlin und deponierte das wertvolle Paket an einer Tankstelle unter einem Auto.

„Das ganze Geld ist weg“, sagt ein Ermittler der Dresdner Kripo. Er glaubt nicht, dass die Frau davon jemals etwas wiedersehen wird. Erst Anfang dieses Jahres hat die 78-Jährige den Fall bei der „echten“ Polizei angezeigt. So gelang es den Beamten immerhin, mehrere Verdächtige zu ermitteln. „Wir hatten Telefonverbindungsdaten, konnten Bewegungsprofile erstellen und sehen, dass die Verdächtigen tatsächlich am Ort der Geldübergabe waren“, so der Beamte. Im April wurden zwei Verdächtige in Berlin und zwei in Nordrhein-Westfalen festgenommen, drei Türken und ein Mann aus dem Libanon. Noch ist nicht klar, ob dieser Erfolg die Dresdner Ermittler entscheidend weiterbringt.

Die Beamten warnen vor dem außergewöhnlichen Vorgehen der falschen Polizisten. Der erste Anrufer behauptet, man haben die Anschrift oder sogar Bankdaten des Angerufenen bei einer Einbrecherbande sichergestellt. Das Geld der Angerufenen sei daher nicht mehr sicher. Wenn nicht bereits jetzt schon die Angerufenen den Fehler machen, mit dem Unbekannten am Telefon über ihre Wertsachen zu sprechen, dann oft am nächsten Morgen – dann nämlich ruft ein zweiter Täter an.

Er gibt sich nun als Ermittler vom Bundeskriminalamt aus und fragt: „Wie können Sie denn am Telefon nur ihr Vermögen offenlegen?“ Er warnt dann vor „falschen Polizisten“ und spielt den Geschädigten sogar einen Mitschnitt ihres Telefonats mit dem Komplizen vom Vortag vor. Hinzu kommt, dass die Gauner am Telefon oft Geräusche einspielen, wie die Festnahme angeblicher Täter, das Durchladen von Waffen oder Sprechfunkverkehr. Tagelang würde der falsche Polizist nun immer wider mit seinem Opfer telefonieren, um es in Sicherheit zu wiegen.

„Die Senioren freuen sich darüber, dass sie mit jemandem reden können“, sagt der echte Dresdner Polizist. Auch das gehört zur Masche. „Den Betrügern gelingt es, ihre Opfer davon zu überzeugen, dass ihr Geld auf ihrer Bank angeblich nicht mehr sicher ist.“ Dazu spielen sie ihren Opfer gerne auch ein angeblich mitgeschnittenes Gespräch einer Bankmitarbeiterin mit einem Angehörigen der „Russenmafia“ vor. Sie heben das Geld ab und übergeben es einem Kurier. Oder – auch das kam in Dresden mehrfach vor – Geschädigte werden von den falschen Polizisten als „verdeckte Ermittler“ eingesetzt, um ihrerseits Briefumschläge anderer Opfer dieser Betrugsmasche abzuholen. Die „verdeckten Ermittler“ glauben, es handele sich um Beweise für die Polizei, tatsächlich befindet sich Geld in den Umschlägen. Ohne es zu ahnen, werden Geschädigte zu Mittätern.

Bundesweit sind Fälle bekannt, bei denen die Täter mehr als eine Million Euro von einem Geschädigten erbeutet haben. Ein Jäger aus Bayern fuhr sogar sein Auto bis nach Bremen. Darin alle Fahrzeugpapiere, ein sechsstelliger Geldbetrag und alle seine Waffen samt Munition.

Nur selten gelingt es den Beamten, Taten vor einer Geldübergabe zu vereiteln. Dazu müssten die Ermittler rechtzeitig davon erfahren. Doch die Täter instruieren ihre Opfer nachhaltig, sich nicht an die Polizei zu wenden. Daher appelliert die Polizei an mögliche Opfer, aber auch deren Angehörige, sich mit solchen Betrugsfällen auseinanderzusetzen.