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Gefährliche Winterfreuden

Acht Leute sind am Sonntag im Eis eingebrochen. Wer zahlt den Rettungseinsatz? Warum sorgt niemand für sicheres Laufen auf dem Moritzburger Schlossteich?

© Arvid Müller

Von Sven Görner

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Moritzburg. Am Sonntagnachmittag ging alles sehr schnell. Innerhalb kurzer Zeit brachen acht Menschen ins Eis des Moritzburger Schlossteiches ein (die SZ berichtete). Alle schafften es noch vor dem Eintreffen der Moritzburger Feuerwehr zurück aufs Eis und ans sichere Ufer. Ein Ehepaar wurde vom Rettungsdienst ins Krankenhaus gebracht.

Dieses Bild zeigt, dass es noch immer gefährliche Stellen im Eis gibt.
Dieses Bild zeigt, dass es noch immer gefährliche Stellen im Eis gibt. © Arvid Müller

Trotz der Ereignisse vom Sonntag waren auch am Montag wieder Eisläufer auf dem Schlossteich unterwegs. Allerdings nicht Hunderte, sondern nur ein paar Vereinzelte. Was aber wohl vor allem daran lag, dass es ein normaler Arbeitstag war und auch die Kinder den ersten Tag nach den Ferien wieder zur Schule mussten. Ein paar Touristen waren auch ohne Schlittschuhe auf dem zugefrorenen Teich unterwegs. Sie wussten nichts von dem Geschehen am Vortag und hatten auch das Verbotsschild am Ufer nicht gesehen. Nach dem Hinweis bedankten sie sich und verließen das Eis.

Am Sonntag waren die meisten Leute weniger einsichtig gewesen. Einige meinten sogar, das Eislaufen sei doch offiziell erlaubt. Dieser Eindruck drängt sich in der Tat auf, wenn man Jahr für Jahr die Menschenmassen sieht, die auf dem Eis die Winterfreuden genießen. Doch warum kontrolliert niemand die Eisstärke und gibt den Teich frei, wenn das Wasser dick genug gefroren ist?

Moritzburgs Bürgermeister Jörg Hänisch (parteilos) war in den 1990er-Jahren Kämmerer in der Gemeinde, bevor er zunächst ins Schloss und dann in die Zentrale des staatlichen Schlösserbetriebs wechselte. „Die Diskussionen gab es schon damals. Es gab auch Ideen, ein paar Stände aufzubauen, Getränke auszuschenken und Musik abzuspielen. In Hamburg ist es Tradition, dass die Feuerwehr die Eisstärke auf der Alster prüft und dann Schlittschuh gelaufen werden kann.“ Das Problem dabei sei allerdings: „Wer den Teich freigibt, übernimmt auch die Haftung für Schäden. Das kann die Gemeinde nie und nimmer.“ Nicht zuletzt, weil auch der ruhige Schlossteich seine Tücken hat und eben nicht, wie viele denken, nur ein knietiefes Gewässer ist.

Einer, der sich damit bestens auskennt, ist Henry Lindner, Geschäftsführer der Teichwirtschaft Moritzburg GmbH. Die bewirtschaftet auch den Schlossteich, der wie die anderen großen Gewässer um Moritzburg dem Freistaat gehört. „Nach dem Abfischen im Oktober ist der Schlossteich in diesem Jahr bereits schon zeitig wieder komplett gefüllt. Auf der Ostseite, wo die Unfälle am Sonntag passiert sind, ist das Wasser damit im Schnitt etwa einen Meter tief.“ Allerdings gibt es im hinteren Bereich ein in den Boden eingearbeitetes Profil, damit das Wasser beim Abfischen unter der Brücke zum Schlosspark in Richtung der Fischgrube am Parkplatz Kalkreuther Straße abläuft. „In dieser Rinne haben wir einen Wasserstand von über zwei Metern. Unter der Brücke friert der Teich meist auch viel schwerer zu“, weiß der Teichwirt. Noch gefährlicher ist es an der Fischgrube. „Wer dort einbricht, hat keine Chance mehr, mit den Füßen festen Boden zu erreichen. Dort ist der Teich vier Meter tief.“

Henry Lindner war am Montag früh auf Kontrollfahrt an mehreren Teichen gewesen. „Fast überall gibt es noch viele und teilweise auch große offenen Stellen. Wer da aufs Eis geht, handelt sehr leichtsinnig. Erst recht, wenn er auch noch Kinder mit dabei hat.“ Auch wenn die Frostperiode bisher kurz war, wundert sich der erfahrene Teichwirt, dass das Eis diesmal noch nicht stärker ist. Möglicherweise hängt das ja auch mit der Sonne zusammen, die in den vergangenen Tagen sehr viel und schon sehr warm geschienen hat. „Eine richtige Erklärung habe ich allerdings nicht.“

Zuständig für den Moritzburger Schlossteich ist der Schlösserbetrieb Sachsen. Der hat auch die Schilder am Ufer aufstellen lassen, die das Betreten der Eisfläche verbieten und gleichzeitig darauf hinweisen, dass Lebensgefahr besteht. Für viele Moritzburger, aber auch Dresdner und andere Besucher ist Schlittschuhlaufen auf dem zugefrorenen Schlossteich dennoch ein Muss. Als dann am Sonnabend die Touristinfo der Gemeinde unkommentiert Eisbilder bei Facebook postet und die vom Freistaat finanzierte Imagekampagne sogar einen Läufer auf Eis schickt, war das sicher für viele ein Signal. Auch sz-online hatte am zeitigen Sonntagnachmittag Bilder und einen Text vom eisigen Treiben ins Netz gestellt. Allerdings auch ein Foto mit besagter Tafel und dem unmissverständlichen Text drauf.

Vom Schlösserbetrieb gab es gestern auf SZ-Nachfrage noch einmal eine klare Absage an erlaubtes Schlittschuhlaufen auf dem Teich. „Wir können das nicht gestatten, weil wir nicht die Mittel und Möglichkeiten haben, um ständig die Stärke des Eises zu überwachen“, sagt Sprecher Uli Kretzschmar. Schließlich sei der Moritzburger auch nicht der einzige in Zuständigkeit des Schlösserbetriebes.

In Kommentaren bei sz-online und auf Facebook fordern viele Leser, dass die ins Eis Eingebrochenen die Kosten für den Rettungseinsatz zahlen müssten. Schließlich ist es verboten, den Teich zu betreten. „Wir prüfen bei technischen Hilfeleistungen durch unsere Feuerwehren immer, ob wir den Verursachern die entstandenen Kosten in Rechnung stellen können“, sagt Moritzburgs Bürgermeister. „Die Prüfung ist noch nicht abgeschlossen. Gerettet werden musste ja aber niemand.“