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Afghanistan-Soldaten im Blick der Forscher

Was hat der Militäreinsatz gebracht? Die Soldaten sind geteilter Meinung. Jetzt werfen Wissenschaftler einen umfassenden Blick auf die Situation von Veteranen und aktiven Soldaten.

Deutsche Soldaten am Observationspunkt Juliet 92 in Char Darah in der Provinz Kundus (Archivfoto vom 25. Oktober 2010). © dpa/Can Merey

Berlin. Viele in Afghanistan eingesetzte Bundeswehrsoldaten sind nach einer neuen Untersuchung nicht von der langfristigen Wirksamkeit der internationalen Mission überzeugt. Etwa die Hälfte (52 Prozent) der Befragten teile die Einschätzung, dass der Einsatz einen sinnvollen Beitrag zur Hilfe für die Menschen dort geleistet habe, heißt es in einem Forschungsbericht des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr. Etwa 27 Prozent der Befragten sei hingegen davon überzeugt, dass der Einsatz letztendlich nutzlos gewesen ist, da er zu keiner grundlegenden Verbesserung beigetragen hat. Weitere 26 Prozent stimmten dieser Aussage teilweise zu.

Der Forschungsbericht "Leben nach Afghanistan - Die Soldaten und Veteranen der Generation Einsatz der Bundeswehr" untersucht am Beispiel des 22. "Isaf"-Kontingents erstmals Folgen und Wirkungen über mehrere Jahre. Die befragten Soldaten waren von März bis Oktober 2010 in Afghanistan. Sie wurden wenige Wochen vorher, während des Einsatzes, kurz nach Rückkehr und knapp drei Jahre später befragt. Das Einsatzjahr 2010 war der Studie zufolge das gewaltintensivste der Bundeswehr in Afghanistan. Es seien 7 Soldaten des Kontingents gefallen, 22 wurden verwundet, teils auch schwer.

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Aggressiver, zurückgezogener, fremd im eigenen Leben

Die Forscher untersuchten die Lebenssituation und die persönliche Bilanz der eingesetzten Soldaten sowie der aus dem aktiven Dienst ausgeschiedenen Veteranen. Ein Teil gibt an, seit der Rückkehr aus dem Einsatz aggressiver geworden zu sein (13 Prozent der Soldaten beziehungsweise 15 Prozent der Veteranen), sich immer mehr vom privaten Umfeld zurückgezogen zu haben (10 Prozent der Soldaten, 12 Prozent der Veteranen) oder sich noch immer fremd im eigenen Leben zu fühlen (4 Prozent der Soldaten und 8 Prozent der Veteranen).

Insgesamt werden dem Einsatz aber überwiegend positive Wirkungen auf die eigene Person zugeschrieben: Mehr als zwei Drittel der Befragten berichten, dass der Einsatz sie selbstbewusster gemacht habe. Diese Einschätzung teilen vor allem Jüngere (94 Prozent der bis zu 25-Jährigen) und Gefechtserfahrene (89 Prozent). Mehr als die Hälfte weiß heute zudem das Leben mehr zu schätzen. Fast ebenso viele glauben, psychisch belastbarer sowie gelassener geworden zu sein. Jeder Fünfte gibt aber an, sich direkt nach der Rückkehr in ärztliche oder psychologische Behandlung begeben zu haben.

Mehr Beziehungen, weniger Geschiedene

Einsatzsoldaten und Veteranen sind nach der Untersuchung häufiger als der Durchschnitt der Bevölkerung in Partnerschaften gebunden: Dies gilt für 77 Prozent der Soldaten und 76 Prozent der Veteranen, im Bevölkerungsdurchschnitt sind es 43 Prozent. Auch der Anteil Geschiedener fällt geringer aus: Bei den Soldaten sind es 3 Prozent, bei Veteranen 2 Prozent, während im Bevölkerungsdurchschnitt 6 Prozent geschieden sind. Eine Ausnahme stellen im Einsatz psychisch oder physisch Verwundete dar: Sie geben wesentlich häufiger an, dass sich ihre Paarbeziehung nach dem Einsatz zum Schlechteren verändert hat.

Fast die Hälfte der Soldaten (44 Prozent) und mehr als die Hälfte der Veteranen (56 Prozent) sind der Auffassung, dass die Teilnahme am Einsatz mit dem Kontingent sie beruflich nicht weitergebracht hat. Nur etwa ein Viertel (27 Prozent) der Soldaten und ein Fünftel (18 Prozent) der Veteranen sagen, dass der Einsatz zu einer Verbesserung der Karriereaussichten in der Bundeswehr beigetragen hat. "Aus Sicht der meisten Soldaten und Veteranen ist die Einsatzteilnahme offenbar weitgehend folgenlos für das weitere berufliche Fortkommen geblieben", stellen die Forscher fest.

Im Einsatzzeitraum des "Isaf"-Kontingents war 2010 eine Strategie zur Bekämpfung Aufständischer im deutschen Verantwortungsbereich im Norden Afghanistans sukzessive umgesetzt worden. Das deutsche Einsatzkontingent wurde dafür reorganisiert und die Einsatzstrategie angepasst. Erstmals seit Beginn der Auslandseinsätze wurde ein Gefechtsverband der Bundeswehr geschlossen und dauerhaft über mehrere Monate außerhalb militärischer Einsatzliegenschaften eingesetzt und mit umfassenden Angriffen Aufständischer konfrontiert.

Für die Nato-Missionen "Isaf" und "Resolute Support" in Afghanistan hat Deutschland nach einer früheren Aufstellung des Verteidigungsministeriums bisher mehr als zehn Milliarden Euro ausgegeben. (dpa)