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Geschichte einer Annäherung

Eine Studie erfasst das deutsch-tschechische Verhältnis auch auf persönlicher Ebene. Dabei zeichnet sich ein klares Muster ab.

Deutsche Männer heiraten öfter Tschechinnen als Tschechen deutsche Frauen, hat die Studie wieder mal bestätigt. © dpa

Heiraten Tschechen und Deutsche, dann ist der Mann meistens Deutscher und die Frau Tschechin. Das geht aus einer neuen Studie des Prager Think-Tanks AMO (Verband für internationale Fragen) und der Zeitschrift Osteuropa hervor, die dieser Tage in Prag vorgestellt wurde. Warum die Geschlechter in den Mischehen so verteilt sind, beantwortet die Studie jedoch nicht. Der Osteuropawissenschaftler und Redakteur von Osteuropa, Volker Weichsel, sieht das nicht als speziell für das deutsch-tschechische Verhältnis. „Westeuropäer schauen sich nach Frauen aus Osteuropa um, das ist ein allgemeines Phänomen.“ Auf jeden Fall hat sich dieses Verhalten im deutsch-tschechischen Kontext seit 1995 kaum verändert. So weit gehen die Daten zurück, die die beiden Autorinnen Zuzana Lizcova von AMO und Hana Ryzda von der Humboldt-Universität in Berlin untersucht haben. „Wir haben größtenteils öffentlich zugängliche Daten verarbeitet, vor allem der Statistikämter“, sagt Lizcova. Teils war es jedoch schwieriger, an Daten zu kommen. Dann halfen unzählige Mails direkt an Institutionen. Manche Daten blieben aber auch unbekannt.

Ziel der Studie war es, die von Politikern regelmäßig hochgelobten deutsch-tschechischen Beziehungen auf einen Prüfstand zu stellen und mit Fakten zu unterlegen. Da spielten die Mischehen nur ein Puzzleteil in dem vielfältigen Bild, das die knapp 100 A4-Seiten volle Studie zeichnet. Die Autorinnen nahmen Daten aus fast allen Bereichen unter die Lupe, zu denen neben Wirtschaft, Bevölkerungsentwicklung unter anderem auch die Nachbarschaft, Bildung und Sprachkenntnisse sowie die Kultur gehörten. Das gab es in diesem Umfang bisher nicht, wodurch eine wichtige Lücke geschlossen wurde, wie Libor Roucek, einer der zwei Geschäftsführer des Deutsch-Tschechischen Gesprächsforums lobte. 30 Jahre nach dem Mauerfall und der Samtenen Revolution ist sie zugleich eine wichtige Zwischenbilanz.

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Aus dieser Sicht fällt das Urteil positiv aus. „Die Beziehungen haben sich in den letzten 30 Jahren wesentlich verbessert“, resümiert Autorin Lizcova. So seien problematische Themen der Vergangenheit inzwischen weniger problematisch und stünden nicht mehr so stark im Vordergrund. Demgegenüber steht eine rasante wirtschaftliche Entwicklung. Beide Länder sind eng verflochten und wichtige Handelspartner. Es zeigen sich aber auch Parallelen zur innerdeutschen Entwicklung. Der Abstand im Lebensniveau wird nicht kleiner.

Auch auf personeller Basis nimmt die Verflechtung zu. So steigt die Zahl der Beschäftigten im jeweils anderen Land vor allem seit dem Wegfall der Arbeitsbeschränkungen stetig an. Zu betonen ist, dass nicht nur die Zahl der tschechischen Beschäftigten in Deutschland steigt, sondern auch die der Deutschen in Tschechien. Auch die Reisen in das andere Land nehmen dauerhaft zu. Speziell der Autobahngrenzübergang A 17/D 8 hat sich gemeinsam mit dem Übergang Rozvadov/Waidhaus zu Bayern zu dem am stärksten befahrenen Übergang zwischen Tschechien und Deutschland entwickelt.

Weniger erfreulich ist die Entwicklung der Sprachkenntnisse. Dass nur wenige Deutsche Tschechisch können, ist nicht neu. „Aber dass nur 8,5 Prozent der Tschechen aktiv Deutsch sprechen, hat mich wirklich überrascht“, sagt Lizcova. Reserven sieht die Studie aber überraschenderweise auch im kulturellen und studentischen Austausch. Während die Zahl der deutschen Studenten in Tschechien wenigstens auf niedrigem Niveau stetig steigt, geht die Zahl der Tschechen an deutschen Universitäten seit 2004, dem Jahr des EU-Beitritts Tschechiens, kontinuierlich zurück. Positiv zeigt sich in der Studie die Arbeit von Institutionen wie dem Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds. Auch einzelne auf den Nachbarstaat ausgerichtete Kulturaktionen wie das deutschsprachige Filmfest in Prag zeigt steigenden Zuspruch. Anders ist es mit dem Goethe-Institut, wo die Teilnehmerzahlen stagnieren.

In solchen Ergebnissen sieht Lizcova den Sinn der Studie. „Sie kann Defizite und Räume zeigen, in denen man etwas verbessern kann“, sagt sie. Das gilt auch für die Studie selbst und den ihr zugrunde liegenden Daten. Deren Verfügbarkeit muss sich für eine eventuelle Folgestudie noch verbessern. Zumindest ist eine deutsche Version der Studie geplant. Wann sie erscheint, steht aber noch nicht fest.