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Tausende Kinder in Sachsen leiden unter Kreidezähnen

Der Barmer-Zahnreport sieht dafür andere Ursachen als schlechte Ernährung oder mangelndes Putzen.

Etwa jedes 20. Grundschulkind in Sachsen hat laut dem Zahnreport der Krankenkasse Barmer sogenannte Kreidezähne.
Etwa jedes 20. Grundschulkind in Sachsen hat laut dem Zahnreport der Krankenkasse Barmer sogenannte Kreidezähne. © dpa

Dresden. Bei einigen Kindern geht das schon mit den Milchzähnchen los: Der Schmelz hat weiße, manchmal gelblich-bräunliche Flecken, die Zähne wirken stumpf und sind so weich, dass sie wegbröckeln – auch, wenn die Eltern penibel auf Mundhygiene achten und viel Gesundes auf den Tisch bringen.

Weil die Zähne überempfindlich auf Druck reagieren und wehtun, wird jedes Putzen für das Kind zur Tortur und für die Eltern zum Kraftakt. „Dann liegt eine Strukturbildungsstörung des Zahnschmelzes vor. Er baut sich nicht richtig auf. Wir sprechen von Kreidezähnen“, sagte Dr. Fabian Magerl, Chef der Sachsen-Barmer bei der Vorstellung des jährlichen Zahnreports am Mittwoch in Dresden.

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Wer hat Kreidezähne?

Weil Kreidezähne in der Regel erst ab einem Alter von sechs Jahren diagnostiziert werden, hat die Kasse Abrechnungsdaten von rund 300.000 Kindern in Deutschland analysieren lassen, die zwischen 2003 und 2011 geboren wurden. „Wenn sie sich bereits im Milchgebiss zeigen, kann man davon ausgehen, dass auch die bleibenden Zähne betroffen sein werden“, sagte Professor Dr. Christian Hirsch, Leiter der Poliklinik für Kinderzahlheilkunde und Primärprophylaxe des Uniklinikums Leipzig. In Sachsen müssen etwa 10.300 Kinder damit klarkommen. Das sind 5,6 Prozent aller Sechs- bis Zwölfjährigen. „Ein bis zwei Kinder pro Schulklasse haben Kreidezähne. Das zeigt, dass das Problem verbreitet und weit davon entfernt ist, ein Nischenthema zu sein. Auch wenn viele nicht wissen, worum es sich bei Kreidezähnen handelt“, so Magerl. Am meisten sind sie in Sachsen in Leipzig nachgewiesen worden, besonders selten in den Landkreisen Sächsische Schweiz/Osterzgebirge und Mittelsachsen. Das könne auch an der Versorgungsdichte der Kinderzahnärzte liegen, so Hirsch.

Was sind Kreidezähne konkret?

Kreidezähne sind eine Mineralisationsstörung des Zahnschmelzes, die sich während der Zahnbildung entwickelt – das geht zum Teil schon im Mutterleib los und dauert etwa bis zum Alter von drei Jahren. Sie sind also bereits lange vor ihrem Durchbrechen geschädigt. Vorrangig sind die ersten bleibenden Backenzähne und die bleibenden Schneidezähne betroffen. Oft bereiten sie nur kosmetische Probleme. Bei manchen sind die Zähne aber so porös, dass sie schon kurz nach dem Durchbruch gefüllt, überkront oder im schlimmsten Fall gezogen werden müssen. Die Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation (MIH), wie Zahnmediziner sie nennen, kommt inzwischen genauso häufig vor wie die Karies. „Stark betroffene Kinder leiden oft sehr unter der Zahnschädigung“, so Hirsch. Sie hätten nicht nur Schmerzen beim Zähneputzen, sondern auch Schwierigkeiten beim Essen und würden harte Lebensmittel, wie Äpfel oder Möhren, meiden. Auch die optischen Nachteile setzten ihnen sehr zu. Sie schämten sich für ihre Zähne, auch wenn sie gar nichts dafür könnten.

Welche Ursachen gibt es?

Darüber ist bislang kaum etwas bekannt. Der Zahnreport weist jedoch einen Zusammenhang zwischen Kreidezähnen und der Einnahme von Antibiotika im Kleinkindalter nach. So sei Kindern mit Kreidezähnen in den ersten vier Lebensjahren zehn Prozent mehr Antibiotika verordnet worden als Gleichaltrigen ohne MIH. Gefunden wurde dieser Zusammenhang bei häufig angewendeten Medikamenten wie Penicillinen, Cephalosporinen und Makroliden, die vor allem bei Atem- oder Harnwegsinfektionen eingesetzt werden. „Die Verordnung von Antibiotika steht damit in einem erkennbaren Zusammenhang mit dem Auftreten von Kreidezähnen. Allerdings ist noch unklar, wie genau sie deren Entstehung fördern“, so Magerl.

Die Fallzahlen steigen, obwohl an Sachsens Kleinkinder in den vergangenen 15 Jahren wesentlich weniger Antibiotika verabreicht worden sind. Wegen dieser Diskrepanz geraten auch andere Faktoren in den Blick. „Wir haben Umweltschadstoffe, wie Weichmacher in Plastikspielzeugen oder Möbeln und Chemikalien in Putzmitteln, im Verdacht“, sagte Hirsch. Entsprechende Studien stünden aber noch aus. Eine genetische Veranlagung könne in den meisten Fällen ausgeschlossen werden, weil oft nur wenige Zähne oder Zahngruppen betroffen sind.

Wie werden Kreidezähne behandelt?

Abhängig vom Schweregrad der Schädigung oder der Überempfindlichkeit kann der Zahnarzt Kreidezähne mit härtenden Lacken oder Gelen behandeln und desensibilisieren. Er kann die Fissuren, also die Grübchen in den Kauflächen der Zähne, versiegeln, Löcher mit Füllungen oder Stahlkronen versorgen oder mit Kunststoff- oder Keramikteilen restaurieren.

Schwer betroffene Zähne werden gezogen. Mit einer Spange wird dann versucht, die Lücke zu schließen. Die Behandlung kosmetischer Probleme, wie Farbveränderungen, werden von den Krankenkassen meist nicht übernommen. Auch die seien meist invasiv.

Zähne könnten gebleicht werden, damit die weißen Flecken weniger gut sichtbar sind. Oder der veränderte Zahnschmelz wird abgetragen und durch Kunststoff ersetzt. „Da kommen schnell einige Hundert Euro zusammen“, sagte Kinderzahnmediziner Christian Hirsch.

Was können Eltern tun?

Wer Kreidezähne hat, muss ein Leben lang mit ihnen klarkommen. Eine Heilung gibt es nicht, nur Linderung. Daher sollte schon in der Schwangerschaft auf ausgewogene Ernährung geachtet werden. „Eltern sollten Umweltschadstoffe, soweit es geht, verhindern, und zum Beispiel keine neuen Möbel für das Kinderzimmer kaufen. Denn die dünsten oft noch Chemikalien aus“, so Hirsch. Er riet auch von Plastikspielzeugen und der übermäßigen Nutzung von Putzmitteln ab. Ganz wichtig sind frühzeitige und regelmäßige Besuche beim Zahnarzt. Bereits wenn der erste Milchzahn durchbricht, sollten Eltern ihr Baby zum ersten Mal vorstellen – und von da ab einmal pro Jahr bis zum sechsten Geburtstag, danach zweimal pro Jahr. Aber das machen in Sachsen nur 37 Prozent der Eltern. „Sie warten oft zu lange“, so der Barmer Landeschef.

Eltern können auch selber regelmäßig überprüfen, ob die Backen- und Schneidezähne ihrer Kinder auffällige Stellen haben. Gründliche Pflege mit Zahnpasten, die den Zahnschmelz härten, können Schäden an Kreidezähnen vorbeugen. Höchste Priorität hat, Antibiotika bei Kleinkindern nur mit größter Vorsicht einzusetzen. Hier gelte der Grundsatz: „So viel wie nötig, so wenig wie möglich“, sagte Magerl.

  • Speziell geschulte Zahnärzte finden Sie bei der Gesellschaft für Kinderzahnheilkunde: www.dgkiz.de

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