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Bei Grauem Star muss operiert werden

Wie Bernd Fischer lassen jährlich 800.000 Deutsche den Eingriff machen. Wer zuzahlt, kommt dann sogar ohne Brille aus.

Von Kornelia Noack
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Was passiert da in meinem Auge? Dr. Nancy Diedenhofen von der Augenklinik im Chemnitzer Klinikum erklärt Bernd Fischer den Grauen Star.
Was passiert da in meinem Auge? Dr. Nancy Diedenhofen von der Augenklinik im Chemnitzer Klinikum erklärt Bernd Fischer den Grauen Star. © Uwe Mann

Bernd Fischer bemerkte zuerst beim Autofahren, dass etwas mit seinen Augen nicht mehr stimmte. Bis dahin hatte der Chemnitzer in der Ferne immer gut gesehen und nur für das Lesen eine Brille gebraucht. Doch im Frühjahr dieses Jahres fiel es dem 83-Jährigen zunehmend schwerer, sich in der Dämmerung zu orientieren. Zudem fühlte er sich schnell von anderen Fahrzeugen geblendet. Ein Besuch beim Augenarzt zeigte die Ursache: Die Linse des rechten Auges war trüb geworden. Die Diagnose: Grauer Star.

Eigentlich sind die Augenlinsen kristallklar, doch im Laufe der Zeit verfärben sie sich gräulich. In der Antike verglichen die Menschen ihre verminderte Sehschärfe oft mit dem Blick durch einen herabstürzenden Wasserfall, auf Griechisch Katarakt. Bis heute hat sich der Begriff als medizinischer Fachausdruck für die Augenerkrankung behauptet. Früher sind Menschen daran oft erblindet und fielen durch einen starren Blick auf. Doch das ist lange her. Heute lässt sich der Graue Star problemlos behandeln.

Bei einem Grauen Star handelt es sich um verhärtete und getrübte Augenlinsen. „Die Linse ist das einzige Organ, das ein Leben lang wächst. Irgendwann ist das Gewebe so dicht, dass Lichtstrahlen nicht mehr bis zur Netzhaut durchdringen können“, erklärt Dr. Nancy Diedenhofen, Leitende Oberärztin der Augenklinik des Klinikums Chemnitz. Zusätzlich verlangsame sich mit den Lebensjahren der Stoffwechsel, wodurch sich die Eiweiße in den Linsen verändern. Ist die Erkrankung vorangeschritten, sieht der Patient wie durch eine Milchglasscheibe.

Die Sehschärfe lässt schleichend nach. Nur langsam werden die Farben blasser, und die Konturen verschwimmen. „Das Auge gewöhnt sich an das schlechte Sehen, daher bemerken viele es erst, wenn der Graue Star schon fortgeschritten ist“, sagt Diedenhofen. Der Graue Star gilt mittlerweile als Volkskrankheit. Etwa die Hälfte der Bevölkerung ist nach Angaben des Kuratoriums Gutes Sehen bereits zwischen dem 52. und 64. Lebensjahr davon betroffen – meist unbemerkt. Vor allem tritt das Leiden bei Menschen ab dem 60. oder 70. Lebensjahr auf. In über 90 Prozent aller Fälle handelt es sich um eine normale altersbedingte Augenveränderung.

Bei jüngeren Menschen kommt eine Linsentrübung nur selten vor. „Oft sind Verletzungen, etwa durch einen Schlag auf das Auge, die Ursache. Auch Stoffwechsel- und Durchblutungsstörungen sind Risikofaktoren, ebenso die dauerhafte Einnahme von Medikamenten, wie Kortison“, sagt Diedenhofen. In Ausnahmefällen könne ein Grauer Star auch angeboren sein. Dann müsse zeitnah operiert werden, damit sich das Auge normal entwickeln kann.

Augenärzte können die Eintrübung der Linse in der Regel mithilfe einer Spaltlampe schnell und einfach feststellen. Durch eine spezielle Lichtführung wird dabei ein „optischer Schnitt“ durch das Auge gelegt, sodass gut zu erkennen ist, welche Stellen der Linse von der Trübung betroffen sind. Ein fortgeschrittener Grauer Star zeigt sich an einer grauweiß erscheinenden Pupille.

An einem Eingriff führt dann kein Weg vorbei. Die Katarakt-Operation, bei der die getrübte Linse gegen eine Kunstlinse ausgetauscht wird, zählt zu den häufigsten in Deutschland. Jedes Jahr wird die OP mehr als 800.000 Mal vorgenommen. „Der richtige Zeitpunkt dafür hängt vor allem davon ab, wie sehr sich die Patienten in ihrem Alltag beeinträchtigt fühlen“, sagt Diedenhofen. Zu lange hinausschieben sollte man den Eingriff aber nicht, rät der Berufsverband der Augenärzte Deutschlands. Die Linse würde sonst immer trüber und härter, was die Operation erschweren könnte.

Bernd Fischer hat nach der Diagnose nicht lange gezögert. „Mir war wichtig, dass ich normal weiterleben kann, ganz ohne Einschränkungen“, sagt der Rentner. Angst vor dem Eingriff kannte er nicht. Vor sechs Jahren hatte sich bereits seine Frau Helgard beide Augen operieren lassen, alles war gut verlaufen. „Ich bin daher ganz optimistisch rangegangen“, sagt Fischer.

Laser-OP wird nicht bezahlt

Vor der Operation wird das Auge mit Tropfen örtlich betäubt. Der Arzt setzt dann am Rand der Hornhaut drei feine, maximal 2,5 Millimeter breite Schnitte in die periphere Hornhaut. Durch die Öffnungen wird eine dünne Ultraschallröhre eingeführt, um die getrübte Linse zu zerkleinern, zu verflüssigen und abzusaugen. „Anschließend wird eine faltbare Linse aus weichem Kunststoff eingeschoben, die sich von selbst entfaltet“, erklärt Diedenhofen. Da sich die minimalen Schnitte von allein wieder abdichten, ist kein Nähen nötig. Der Eingriff an einem Auge dauert etwa 15 bis 20 Minuten. Er wird meist ambulant durchgeführt. Das heißt, wenige Stunden danach kann der Patient nach Hause gefahren werden.

Seit einigen Jahren kommt auch ein Laserverfahren zum Einsatz. Schätzungsweise zwei bis drei Prozent aller Eingriffe werden derzeit mit der neuen Methode durchgeführt. „Der mögliche Vorteil ist, dass der Laser einige Operationsschritte übernimmt. Der Nachteil ist, dass die OP länger dauert und teurer ist“, sagt Diedenhofen. Gesetzliche Krankenkassen übernehmen die Kosten nur für die herkömmliche Operationsmethode (Phakoemulsifikation), nicht aber für einen Eingriff mit dem Femto-Laser. Diese liegen zwischen 1.000 und 1.500 Euro pro Auge.

© Grafik: Spectaris

Die Katarakt-OP hat noch etwas Gutes: Eine Kurzsichtigkeit, Weitsichtigkeit oder Hornhautverkrümmung lassen sich ohne großen Aufwand gleich mitkorrigieren. Es ist jedoch möglich, dass nach dem Eingriff weiterhin eine Sehhilfe benötigt wird, wie die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (DOG) erklärt. Der Grund: Die gesetzliche Krankenversicherung zahlt in der Regel nur für die Implantation einer Einstärkenkunstlinse (Monofokallinse). Die bildet eine Entfernung scharf ab. Meist wählen Patienten laut DOG die Fernsicht. Für alle anderen Abstände müssen sie auch nach der OP eine Brille tragen. „Es kann ebenso die Nahsicht korrigiert werden, dann brauchen Patienten eine Brille für die Ferne“, sagt Diedenhofen. Was die Patienten sich für den Alltag wünschen, sollte in einem Vorgespräch geklärt werden. Abhängig ist die Linsenwahl aber auch davon, wie gesund die Hornhaut und die Netzhaut sind.

Wer gar nicht mehr auf eine Sehhilfe angewiesen sein möchte, kann bestimmte Premiumlinsen wählen, muss für die Kosten dann aber selbst aufkommen. Pro Linse und Auge liegt die Zuzahlung nach Expertenangaben zwischen 200 und 1.500 Euro. Es gibt zum Beispiel Mehrstärken-Linsen (Multifokallinsen), die ein Sehen in unterschiedlichen Entfernungen ermöglichen. Geeignet sind sie aber nur für Patienten, deren Augen ansonsten gesund und nicht etwa durch altersabhängige Makuladegeneration vorgeschädigt sind.

Soll bei der Operation eine Hornhautverkrümmung ausgeglichen werden, können sogenannte torische Linsen verwendet werden. Es gibt sie in Mono- und Multifokalausführung. Dafür müssen Patienten bis zu 2.000 Euro pro Linse zuzahlen. Spezielle Blaufilter-Linsen sollen helfen, die Netzhaut besonders zu schützen. Sie enthalten zusätzlich zum UV-Filter gegen Sonnenstrahlen eine Blautönung. In Sachsen übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen größtenteils die Kosten dafür.

Ändert sich die Sehschärfe oder Hornhautkrümmung nach der Katarakt-Operation noch einmal, können sogenannte Add-on-Linsen eingesetzt werden. Sie sind erst seit wenigen Jahren verfügbar. „Diese ,Huckepack-Linsen‘ werden zu den implantierten Kunstlinsen ins Auge eingesetzt“, sagt Diedenhofen. Beide zusammen würden wie ein optisches System funktionieren. Eine alternative Korrekturmöglichkeit bei bestehenden Restfehlsichtigkeiten trotz Premiumlinsen bietet die Laserchirurgie.

In der Regel sehen Patienten schon einen Tag nach der OP deutlich klarer. Auch der Augenverband wird entfernt. „Selbst, wenn der Eingriff schmerzlos war, sollte man nicht reiben oder drücken und wegen der Infektionsgefahr ein bis zwei Wochen auf Schwimmbad und Sauna verzichten“, rät Diedenhofen.

Jeder Fünfte leidet unter Nachstar

Die häufigste, wenn auch harmlose Nebenwirkung der OP ist ein Nachstar. Rund 20 Prozent aller Patienten leiden darunter. Manchmal nach Wochen, oft erst nach Jahren trübt die hintere Linsenkapsel ein. Ursache sind mikroskopisch kleine Linsenzellen, die in der Kapsel verblieben sind. Sie vermehren sich und lagern sich hinter der Kunstlinse ab.

Mit einem Yag-Laser lässt sich der Nachstar in nur wenigen Minuten beheben. Dabei wird ein kleines Loch in die hintere Kapselwand geschossen – die optische Achse ist wieder frei, und der Patient sieht wieder scharf.

Bernd Fischer hat den Eingriff im April gut überstanden. Vor ein paar Wochen tauschten ihm die Ärzte in der Chemnitzer Augenklinik auch die Linse am zweiten Auge aus. „Ein bisschen lichtempfindlich bin ich noch, aber das gibt sich erfahrungsgemäß wieder“, sagt der Rentner. Hin und wieder sieht er noch kleine, tanzende Punkte vor seinem Auge.

Sorgen muss er sich nicht machen. „Es handelt sich um Glaskörpertrübungen, die störend sein können, aber harmlos sind“, erklärt Diedenhofen. Meist seien diese „fliegenden Mücken“ bereits vor der Grauer-Star-Operation da, viele Patienten hätten sich nur daran gewöhnt. „Durch den Linsentausch kommt wieder mehr Licht ins Auge, und die Punkte fallen deutlicher auf“, sagt die Ärztin. In der Regel verschwinden sie von allein .

Der Augen-Tipp

  • Bleiben Sie locker! Vermeiden Sie, Ihre Augen aufzureißen oder zuzukneifen.
  • Stattdessen sollten Sie immer wieder mal blinzeln und dazu mit den Augenlidern flattern. Das Blinzeln wirkt sehr entspannend, weil die Vitalfunktionen des Auges davon profitieren. Gleichzeitig wird nährende Tränenflüssigkeit über die Augenvorderseite verteilt.
  • Auch körperliche Entspannung tut letztlich den Augen gut. Yoga, progressive Muskelentspannung – oder einfach mal harmonischer Musik lauschen. (Quelle: „Natürlich besser sehen“ (humboldt))

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