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„Ich konnte das Ding in meiner Brust tasten“

Madeleine Burisch aus Leipzig erkrankt mit 33 an einem aggressiven Brusttumor. Eine neuartige Immuntherapie soll ihre Abwehr mobilisieren.

Optimistisch und fast immer positiv – so geht Madeleine Burisch aus Leipzig mit ihrer Brustkrebserkrankung um. Doch es gibt auch schwache Momente.
Optimistisch und fast immer positiv – so geht Madeleine Burisch aus Leipzig mit ihrer Brustkrebserkrankung um. Doch es gibt auch schwache Momente. © Jürgen Lösel

Madeleine Burisch hat es einfach nicht fertiggebracht. Sie konnte und wollte ihr Haar nicht komplett abrasieren. Stattdessen hat sie es nur stark gekürzt. „Mit Hut oder Mütze ist das okay“, sagt die 33-Jährige, die in Beucha im Leipziger Land lebt. „Wenn ich mich im Spiegel anschaue, kann ich es manchmal gar nicht glauben, dass ich Krebs habe. Bis auf das dünnere Haar sehe ich gesund aus. Vielleicht wurden auch nur die Proben vertauscht?“

Dass das nur ein Trugschluss ist, weiß sie selbst am besten. Denn sie konnte „das Ding“, wie sie es nennt, in ihrer rechten Brust tasten. Im Februar dieses Jahres war das. Der Kontrolltermin beim Frauenarzt lag erst zwei Monate zurück. „Da ich vor der Menstruation immer Wassereinlagerungen und einen ziehenden Schmerz in der Brust habe, dachte ich, der Knoten hängt vielleicht damit zusammen. Aber der Knoten blieb, auch nachdem die Wassereinlagerungen zurückgegangen waren.“

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Ihre Frauenärztin sprach bei der Ultraschalluntersuchung von Fibroadenomen, die sie entdecken könne. „Zur Abklärung schickte sie mich noch am selben Tag ins Krankenhaus.“ Dort folgten Mammografie, Ultraschalluntersuchung und eine Gewebeprobenentnahme. „Bei der Ultraschalluntersuchung habe ich der Ärztin in die Augen geschaut und wusste, was los ist. Sagen durfte sie mir nichts, das ist Sache des behandelnden Arztes“, erinnert sich Madeleine Burisch. Nach einer Woche dann das schockierende Ergebnis: ein bösartiger, aggressiver Tumor, der hormonunabhängig wächst und nicht mit einem speziellen Wachstumsblocker behandelbar ist. Ärzte sprechen hier von einem triple (dreifach) negativen Tumor.

Auch Männer können an Brustkrebs erkranken

Die Diagnose setzte der jungen Frau stark zu. „In schlimmen Träumen dachte ich, der Krebs explodiert und verbreitet sich über den ganzen Körper. Ich habe viel geweint, obwohl ich sonst ein positiver Mensch bin.“

Jedes Jahr erkranken fast 70.000 Frauen in Deutschland neu an Brustkrebs. Abrechnungsdaten der AOK Plus zufolge, die in Sachsen die Hälfte aller Versicherten versorgt, bekamen im Jahr 2018 im Freistaat 2.706 Frauen diese Diagnose. Was viele nicht wissen: Auch Männer können an Brustkrebs erkranken. Allerdings passiert das extrem selten. 58 Fälle waren es im Jahr 2018 laut AOK Plus, die Hälfte dieser Männer war über 70 Jahre alt

Bei den Frauen trat der Krebs meist zwischen dem 46. und 80. Lebensjahr auf. Madeleine Burisch ist da eher die Ausnahme: So jung wie sie sind nur etwa zehn Prozent der Betroffenen. „Bei ihnen liegt dann häufig eine genetische Veranlagung vor“, sagt Professorin Pauline Wimberger, Direktorin der Frauenklinik des Uniklinikums Dresden.

Nicht so bei Madeleine. Sie war in ihrer Familie die erste Krebskranke. „Alle hofften, dass ich schwanger bin. Doch die Nachricht, die ich für sie hatte, war nicht so positiv.“ Warum es sie erwischt hat, kann sie sich nicht erklären. Denn sie ernährt sich vegetarisch, ist sportlich aktiv und hat kein Übergewicht. Außerdem geht sie regelmäßig zum Frauenarzt und tastet ihre Brust auch selbst ab. Es ist genau die Lebensweise, die Ärzte zur Prophylaxe von Krebserkrankungen empfehlen.

Eierstockgewebe gefrierkonservieren

Nach dem ersten Schock sah Madeleine aber auch etwas Positives an der Krankheit: Brustkrebs gehört zu den Tumorarten mit den höchsten Überlebensraten. Statistiken zeigen, dass etwa 90 Prozent der betroffenen Frauen noch fünf Jahre und länger nach ihrer Krebserkrankung leben. Doch es gibt eben auch die zehn Prozent, die es nicht schaffen. Bei ihnen ist der Tumor stärker als jede Therapie.

Madeleine Burisch entschied sich für eine Behandlung in der Universitätsfrauenklinik Dresden. Diese ist sowohl als Nationales Krebszentrum als auch als Zentrum für familiären Brust- und Eierstockkrebs anerkannt. Dort werden viele Frauen in ihrem Alter behandelt, man hat große Erfahrung damit. Die Spezialisten gaben ihr auch den Tipp, dass sie Eierstockgewebe gefrierkonservieren lassen könne – für einen späteren Kinderwunsch. Frühestens zwei Jahre nach der Chemo sei das möglich. „Das hat mir meine Ängste etwas genommen. Wenn man mir so etwas anbietet, steht es vielleicht doch nicht so schlimm um mich?“

In der Uniklinik wollte sie sich eigentlich nur eine Zweitmeinung einholen. Darauf haben gesetzlich Versicherte einen Anspruch, informiert die Sächsische Krebshilfe. Doch dann war die Frau so überzeugt, dass sie gleich blieb. Aufgrund des Forschungsschwerpunkts der Klinik gebe es zahlreiche neue Behandlungsmöglichkeiten, die in Studien untersucht werden. „Studien bieten die Möglichkeit, innovative, zielgerichtete Therapien gegen die Krebserkrankung zu erhalten, die noch nicht zugelassen sind“, erklärt Pauline Wimberger. Hohe Fallzahlen, aber vor allem die Beteiligung an Studien – das gebe schon ein hohes Maß an Sicherheit.

Teure Therapie

Knapp 15 Prozent der Betroffenen leiden wie Madeleine an einem triple negativen Tumor. Für sie gibt es bisher nur die Chemotherapie. Doch die Erfolgsaussichten sind bei diesem Brustkrebstyp deutlich geringer als etwa bei hormonell bedingten Krebsarten. Entsprechend groß ist die Gefahr, dass der Krebs zurückkommt.

Das könnte sich aber schon bald ändern, sagt die Klinikchefin. Denn ein neuer Antikörper mit dem Namen Atezolizumab, ein sogenannter Checkpoint-Inhibitor, gibt jetzt Hoffnung. Checkpoint-Inhibitoren aktivieren die Tumorabwehr. Atezolizumab bindet direkt an das Oberflächenprotein PD-L1. Dieses Protein ist in der Lage, die Immunantwort des Körpers zu unterdrücken. Der Antikörper kann diese Hemmung aufheben. „Die Tarnkappe der Tumorzellen wird damit weggenommen, und das Immunsystem bekämpft die Tumorzellen wieder gezielt“, sagt Wimberger. Voraussetzung für den Einsatz von Atezolizumab sei aber der Nachweis von mehr als einem Prozent PD-L1-positiven Immunzellen. „Ist der Anteil wie bei Frau Burisch hoch, ist es wahrscheinlicher, dass eine derartige Immuntherapie wirkt.“ Das Gute an dieser Behandlung sei, dass die Patienten sehr lange darauf ansprechen.

Eine gezielte Auswahl der Patienten sei wichtig, denn die Therapie ist teuer. Jahresbehandlungskosten von 150.000 Euro fielen pro Patient an. Bisher sei das Medikament nur bei Brustkrebs, der schon in andere Organe gestreut hat, zugelassen – also dann, wenn keine Heilung mehr möglich ist. Im Rahmen einer Studie könnten aber auch Patientinnen wie Madeleine, die glücklicherweise keine Metastasen hat, davon profitieren.

Medikamente sind die erste Wahl

„Immuntherapien sind zwar allgemein gut verträglich, doch da sie direkt das Immunsystem stimulieren, könnten auch überschießende Reaktionen auftreten – praktisch an allen Organen“, sagt die Ärztin. Wichtig sei, diese Nebenwirkungen frühzeitig zu erkennen. Dann könne mit relativ einfachen Mitteln, zum Beispiel einer Cortisontherapie, geholfen werden. „Eine gute Interaktion zwischen Patient und Arzt ist hier entscheidend.“

Medikamente sind bei der Behandlung von Brustkrebs die erste Wahl. Die Radikalität einer Operation, also das großzügige Entfernen der Brustdrüsen, verliert dagegen immer mehr an Bedeutung. „Oft ist nach einer neuartigen Chemotherapie gar kein vitales Brustkrebsgewebe mehr feststellbar, gerade bei triple negativen Tumoren“, sagt die Klinikdirektorin.

Neben OP und Medikamenten kommt meist auch eine Strahlentherapie zum Einsatz. „Nach einer brusterhaltenden Operation ist die Bestrahlung derzeit Standard, weil dadurch die Wahrscheinlichkeit, dass der Krebs wiederkommt, deutlich gesenkt werden kann“, informiert die Deutsche Krebsgesellschaft. Musste die Brust jedoch entfernt werden, sei meist keine Bestrahlung erforderlich. Die Strahlentherapie wird bei Brustkrebs in der Regel nur ergänzend – adjuvant – angewendet.

Bestrahlt wird außerdem, wenn in den Lymphknoten Metastasen gefunden oder nicht alle Tumorreste entfernt werden können. In diesem Fall richtet sich die Strahlung auch auf die Abflusswege der Lymphe, die meist in der Achselhöhle oder am Schlüsselbein liegen.

Teilnahme an Studie

Die Bestrahlung sollte möglichst schnell nach der OP beginnen, sobald die Wunde verheilt ist. Wird aber zusätzlich mit Chemotherapie behandelt, ist eine zeitliche Verschiebung aufgrund der Nebenwirkungen ratsam. Die Bestrahlung könne dann zwischen zwei Zyklen Chemotherapie erfolgen, so die Krebsgesellschaft. Antihormon- oder Antikörpertherapien seien jedoch kein Hinderungsgrund für eine Strahlenbehandlung.

Madeleine Burisch nimmt an einer internationalen Studie teil. Sie bekommt neben der bestmöglichen Chemotherapie zusätzlich alle drei Wochen eine Infusion – entweder mit Atezolizumab oder Placebo. In welcher Gruppe Madeleine ist, wissen weder sie noch ihre Ärztin, „Die kleineren Chemos mit nur einem Medikament vertrage ich ganz gut. Bis auf den Haarausfall habe ich keine Nebenwirkungen.“ In den Wochen mit dem anderen Medikament sei sie aber für etwa fünf Tage lahmgelegt. „Da fehlt mir für alles die Kraft.“

Noch bis vor Kurzem sei sie die Gesündeste in der Familie gewesen, erzählt Madeleine. Sie war für alle der Fels in der Brandung, die, die immer half und immer einsprang. „Jetzt brauche ich selbst Unterstützung, und das ist für mich schwer zu begreifen.“ Ihr Freund Tino Kobuch nimmt sie in solch schwachen Momenten, wenn die Tränen fließen, in die Arme. „Man rückt noch näher zusammen“, sagen beide. Er hat Angst, Madeleine zu verlieren. Umso mehr hofft er, mit dieser Therapie die richtige gefunden zu haben.

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Madeleine Burisch ist eine Kämpfernatur. „Ich habe meine Ziele immer erreicht. Und deshalb lasse ich es nicht zu, dass so ein kleines Ding eine so große Macht über mich hat. Wir haben noch so viel vor.“ Während sie das sagt, wandert ihr Blick zu ihrem Freund. Er nimmt sie in den Arm und drückt sie. Ganz fest.

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