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Weniger Kaiserschnitte – gute Klinik?

Ein Kaiserschnitt kann Folgen für Mutter und Kind haben. In Kliniken mit hohen Raten gibt es oft Qualitätsprobleme.

Willkommen im Leben.
Willkommen im Leben. © Daniel Karmann/dpa

Es ist nur ein kleiner Schnitt unter lokaler Betäubung, und schon ist das Baby da. Ein Kaiserschnitt dauert heute kaum 30 Minuten, eine natürliche Geburt hingegen viele Stunden. Die bessere Planbarkeit des operativen Eingriffs, der geringere Personalbedarf und eine höhere Vergütung durch die Krankenkassen haben diesen Eingriff für Geburtskliniken attraktiv gemacht.

Aus der einstigen lebensrettenden OP für Mutter und Kind ist immer mehr ein Trend geworden. Diesen wollen Krankenkassen, Geburtshelfer und Kinderärzte gerne umkehren, denn natürliche Geburten haben gesundheitliche Vorteile für Mutter und Kind. Hohe Kaiserschnittraten, die nicht im Zusammenhang mit einer Zunahme der Risikoschwangerschaften stehen, werden deshalb von Gesetzes wegen als Qualitätsmangel gewertet und können auf Dauer sogar den Bestand der Klinik gefährden.

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Wo steht Sachsen im Vergleich der Kaiserschnittraten?

Deutschlandweit wurde im vergangenen Jahr fast jedes dritte Kind per Kaiserschnitt geboren. Sachsen hat seit langem mit rund 23 Prozent bundesweit die niedrigste Rate.

Wann sind Kaiserschnitte wirklich nötig?

„Medizinisch notwendig ist eine Sectio zum Beispiel, wenn das Kind zu schwach oder zu groß für eine natürliche Geburt ist, Fehlbildungen hat oder wenn sich die Plazenta vor den Muttermund geschoben hat“, sagt Dr. Udo Nitschke, Chefarzt der Frauen- und Geburtsklinik am Städtischen Klinikum Dresden. Auch Beckenendlagen – wenn das Kind also nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Po nach unten liegt, oder Zwillingsgeburten sind oft ein Grund für den Kaiserschnitt. Sind solche Voraussetzungen gegeben, wird meist nicht bis zum Einsetzen der Wehen gewartet, sondern das Kind etwas vor dem Geburtstermin auf die Welt geholt, da das Risiko bei einem Notfallkaiserschnitt höher ist als bei einem geplanten Eingriff.

Wie wird ermittelt, wie hoch die Rate in der Klinik sein darf?

Dafür gibt es das Qualitätsmerkmal „risikoadjustierte Kaiserschnittrate“. Es zeigt das Verhältnis der tatsächlich erfolgten Kaiserschnitte zu den erwartbaren an. Die erwartbare Zahl wird speziell für jede Klinik berechnet. Hier fließen zum Beispiel das Risiko der Schwangeren und die Lage des Kindes mit ein. Die Zahl der tatsächlichen wird durch die Zahl der erwarteten Kaiserschnitte geteilt. Ein Ergebnis von 1 heißt, dass die Anzahl der durchgeführten operativen Entbindungen so hoch war wie erwartet. Eine Zahl von 1,2 heißt, dass die Klinik 20 Prozent mehr Kaiserschnitte durchgeführt hat als erwartet. Ab 1,23 gilt eine Klinik als qualitativ „auffällig“. Für ihre Qualitätsberichte müssen Kliniken diese Daten jährlich veröffentlichen.

Eine Auswertung des Science Media Centers für den neuen Kreißsaal-Finder hat gezeigt, dass in Sachsen 2018 keine Klinik auffällige Werte hatte. 20 Kliniken erreichten sogar einen Wert unter 0,8 – sie führten also 20 Prozent weniger Kaiserschnitte als erwartet durch. Auf diesen Wert sollten Eltern also bei der Klinikwahl achten.

Warum gilt eine hohe Kaiserschnittrate als Qualitätsmangel?

Dr. Björn Misselwitz, der die Landesstelle für Qualitätssicherung in Hessen leitet, hat für den Kreißsaal-Finder diesen Zusammenhang untersucht. „Wir haben tatsächlich bei allen Kliniken, die über dem Toleranzbereich liegen, auch Qualitätsprobleme festgestellt. Da laufen Arbeitsprozesse falsch, es gibt zu wenige Hebammen, oder es fehlen Absprachen zwischen Hebammen und Ärzten.“ Eine weitere Möglichkeit sei, dass die Klinik mit Belegärzten arbeitet, die nicht immer vor Ort sein können und deshalb öfter einen Kaiserschnitt machen.

Für Professor Holger Stepan, der die Abteilung Geburtsmedizin an der Uniklinik Leipzig leitet, ist eine hohe Kaiserschnittrate, die nicht mit mehr Risikoschwangerschaften begründbar ist, ein klares Indiz für eine problematische Personalsituation, schlechte Infrastruktur und mangelnde Ausbildung. „Die Kaiserschnittrate ändert sich nicht so schnell und bleibt oft über Jahre hoch.

Selbst wenn die Qualitätsberichte zwei Jahre alt sind, ehe sie öffentlich zugänglich gemacht werden, sind sie dennoch ein guter Marker für die Klinikwahl.“ Den bundesweit schlechtesten Wert hat die Klinik Hochfranken im bayerischen Münchberg. Mit einer risikoadjustierten Kaiserschnittrate von 1,9 führt sie fast doppelt so viele chirurgische Entbindungen durch als notwendig wären. Mehr als jedes zweite Kind kommt dort durch einen chirurgischen Eingriff zur Welt.

Im Notfall kann ein Kaiserschnitt schnell erforderlich sein. Woran erkennt man, dass eine Klinik auch hier gut arbeitet?

In den Qualitätsberichten der Kliniken, die für Laien aber schwer zu lesen sind, gibt es dazu zwei weitere wichtige Merkmale – die „Antibiotikaprophylaxe“ und die „E-E-Zeit beim Notfallkaiserschnitt“. Zur Vorbeugung von Infektionen sollen der Mutter kurz vor oder kurz nach einer Kaiserschnittgeburt Antibiotika gegeben werden. Die Zahl der Fälle, in denen das nicht geschieht, wird ins Verhältnis zur Zahl der Kaiserschnitte gesetzt. „Auffällig“ ist eine Klinik, die das in weniger als 90 Prozent der Fälle schafft.

In Sachsen war das bei keiner Klinik der Fall, hat die Analyse gezeigt. Beim Qualitätskriterium „E-E-Zeit beim Notfallkaiserschnitt“ geht es um den Zeitraum zwischen der Entscheidung, einen Notfallkaiserschnitt durchzuführen, und der Geburt des Kindes. Diese Zeitspanne darf 20 Minuten nicht überschreiten. Jede Fristüberschreitung gilt als „auffällig“ und muss überprüft werden. 35 von 38 Kliniken in Sachsen waren in diesem Punkt „unauffällig“, drei konnten aufgrund von Datenfehlern nicht beurteilt werden.

Welche gesundheitlichen Folgen kann ein unnötiger Kaiserschnitt haben?

Der chirurgische Eingriff selbst hat ein vergleichsweise geringes Risiko. Doch danach könnte es passieren, dass die Naht wieder aufbricht, sich schlecht verschließt oder infiziert, sagt Dr. Udo Nitschke. Es könne auch innere Verwachsungen geben. Viele Frauen sind nach einem Kaiserschnitt auch nicht so mobil. Durch Stress und Schmerzen könnte die Milchbildung nicht richtig in Gang kommen und die Mutter-Kind-Bindung leiden.

Auch fürs Baby gibt es Folgen. „Hinter vieles kommen wir jetzt erst“, so Nitschke. Es wird vermutet, dass für eine intakte Immunabwehr der Kontakt mit Keimen aus der mütterlichen Vagina wichtig ist, den das Kind nur bei einer spontanen Geburt hat. Kaiserschnittkinder haben häufig Anpassungsstörungen und brauchen mitunter Atemhilfe auf der neonatologischen Station.

Warum wollen trotzdem immer noch Frauen einen Wunschkaiserschnitt?

„Vielen Frauen fehlt das Grundvertrauen in die eigene Kraft sowie das Wissen, dass die Geburt ein natürlicher Vorgang ist und keine Krankheit“, sagt Nitschke. Die gute Beratung und Begleitung durch eine Hebamme könne aber viele Frauen überzeugen, ihr Kind auf natürlichem Weg zur Welt zu bringen.

Doch die angespannte Personalsituation in vielen Kliniken Deutschlands und Sachsens erschwert eine solche Entscheidung. Deshalb fördern bereits einige Krankenkassen Kliniken, die den Fokus stärker auf die natürliche Geburt legen. „Mit acht Kliniken in Sachsen haben wir bereits solche Qualitätsvereinbarungen abgeschlossen“, sagt Katrin Lindner, Sprecherin der TK in Sachsen. Das hat neben dem gesundheitlichen Aspekt natürlich auch Kostengründe. So wird eine natürliche Geburt mit rund 2.200 Euro, ein Kaiserschnitt mit 3.300 Euro vergütet.

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Alle Ergebnisse zur Kaiserschnittrate sowie zur Verfügbarkeit von Ärzten und Hebammen gibt es im neuen Kreißsaal-Finder unter www.kreisssaal-navi.de

Unsere Serie zeigt, wo werdende Eltern auch in Corona-Zeiten eine Geburtsklinik finden, die zu ihnen passt. Hier geht es zur Übersicht: So finden Eltern eine gute Geburtsklinik in Sachsen.

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