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Krebs ist kein Todesurteil mehr

In Sachsen werden in diesem Jahr 30.000 Menschen an Krebs erkranken. Zwei Direktoren eines Dresdner Top-Zentrums über Fortschritte, Therapien und Grenzen.

Krebsforschung auf höchstem Niveau. Mithilfe eines Inversen Mikroskops lässt sich das Wachstum von Tumorzellen beobachten. Zwei der Direktoren des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen – Professor Martin Bornhäuser (li.) und Professor Hanno Glim
Krebsforschung auf höchstem Niveau. Mithilfe eines Inversen Mikroskops lässt sich das Wachstum von Tumorzellen beobachten. Zwei der Direktoren des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen – Professor Martin Bornhäuser (li.) und Professor Hanno Glim © Christian Juppe

Kaum eine Krankheit macht Menschen so viel Angst wie Krebs. In diesem Jahr werden deutschlandweit mehr als eine halbe Million Menschen neu daran erkranken, davon rund 30.000 in Sachsen, wie die Deutsche Krebshilfe prognostiziert. Die Zahlen steigen. Doch dank intensiver Forschung und neuen Therapien sind die Überlebenschancen, vor allem aber die Lebensqualität der Betroffenen erheblich angestiegen. 

Damit Patienten früher von Innovationen profitieren können, fließen im Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) Wissenschaft und klinische Umsetzung zusammen. Zwei solcher Zentren gibt es in Deutschland – in Heidelberg und in Dresden, auf dem Gelände des Uniklinikums. 

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Sächsische.de hat mit zwei Direktoren des Dresdner NCT – den Hämatologen und Onkologen Professor Martin Bornhäuser und Professor Hanno Glimm – über Chancen und Grenzen von Krebsbehandlungen gesprochen.

Krebs ist die wohl am meisten gefürchtete Erkrankung. Wie gut kennen Sie inzwischen diesen Feind des Menschen?

Professor Hanno Glimm: Die Anzahl der Krebsfälle nimmt zu, das stellt uns vor große Herausforderungen. Positiv ist, dass die Erkrankungen heute meist viel früher erkannt werden und dass sich die Therapien verbessert haben. Starben vor 1980 noch mehr als zwei Drittel der Krebspatienten, können gegenwärtig mehr als die Hälfte der Patienten geheilt werden. Das ist eine gute Entwicklung, die Ängste vielleicht etwas mindert. 

Allerdings handelt es sich beim Krebs nicht nur um einen einzigen Feind, den wir kennen müssen, sondern um ein großes Heer an Feinden. Früher haben wir gedacht, Krebs bestimmter Organe sei recht homogen und damit auch gleichartig zu behandeln. Doch es gibt Hunderte unterschiedliche Krebsarten, und jede Einzelne zeigt wiederum individuelle Schädigungen im Genom sowie spezifische Reaktionen des Körpers auf den Tumor. Darauf fußt der moderne Ansatz der Präzisionsonkologie.

Was versteht man unter Präzisionsonkologie?

Professor Martin Bornhäuser: Das ist vereinfacht gesagt die Kenntnis der Stellschrauben eines Tumors und dessen zielgerichtete Beeinflussung. Detailliert wie nie zuvor können Forscher und Ärzte heute jeden Tumor begutachten und seine zerstörerischen Strategien aufdecken. Die Informationen daraus nutzt man, um die Schwachstellen des Tumors zu identifizieren und individuelle Medikamente dagegen einzusetzen. Diese zielgerichteten Wirkstoffe sind nicht nur nebenwirkungsärmer, sondern auch viel effektiver. 

Prof. Martin Bornhäuser (l.) und Prof. Hanno Glimm.
Prof. Martin Bornhäuser (l.) und Prof. Hanno Glimm. © Christian Juppe

Wir behandeln also nicht mehr nur den Brustkrebs, sondern zum Beispiel den gestörten Reparaturmechanismus einer Tumorzelle, den entgleisten Wachstumsfaktor oder eine Hormonempfindlichkeit. Da diese Eigenschaften bei verschiedenen Krebsarten gleichermaßen vorkommen können, ist es möglich, dass ein Patient mit Darmkrebs das gleiche Medikament bekommt wie eine Patientin mit Brustkrebs. Wir entfernen uns aber immer mehr von der früheren Universaltherapie.

Wird jeder Tumor heute genetisch untersucht?

Glimm: Nein. Aber genetische Untersuchungen halten immer stärker Einzug in die Routine der Krebsdiagnostik. Das gilt vor allem für fortgeschrittene Tumorerkrankungen. Bei verschiedenen Formen der Leukämie und häufigen Erkrankungen wie Brust- und Darmkrebs ist die Untersuchung auf bestimmte genetische Merkmale schon Standard. Bei anderen Krebsarten ist die Wissenschaft noch nicht so weit, relevante Genveränderungen erkennen und vor allem auch behandeln zu können. Denn nur dann macht es im klinischen Alltag Sinn, sie zu erfassen. In wissenschaftsgetriebenen Programmen jedoch werden alle genetischen Parameter des Tumors erfasst. 

"Das Hodgkin- Lymphom oder frühe Formen von Brust- und Darmkrebs sind sehr häufig heilbar."

Das Nationale Centrum für Tumorerkrankungen in Dresden verfügt über eine große Biobank, in der Tumorgewebe und seit Kurzem auch Blutbestandteile von Krebspatienten zur wissenschaftlichen Untersuchung eingelagert werden. In bestimmten Zeitabständen entnommen und verglichen, geben sie einen Einblick in die Wirksamkeit bestimmter Krebsbehandlungen oder ermöglichen es der Wissenschaft, Marker zu finden, mit denen die Krankheit bereits im Blut erkannt werden kann.

Darmspiegelung, Mammografie und andere Früherkennungsuntersuchungen werden noch zu wenig genutzt. Gebe es einen einfachen Bluttest, wäre die Beteiligung sicherlich höher. Wie weit ist man damit?

Bornhäuser: Ein Screening mit Bluttests wird kommen, da bin ich mir ganz sicher. Diese Form der Frühdiagnostik ist eines der welt- und deutschlandweit am stärksten beforschten Themen. Ob es aber einen Test für alle Tumorarten geben wird oder nur spezifische Genveränderungen gefunden werden können, lässt sich jetzt noch nicht sagen. 

Wichtig ist aber, dass mithilfe geeigneter Bildgebung der Tumor dann auch sichtbar und damit behandelbar gemacht wird. Die Tatsache, dass im Körper Krebs entstanden ist, muss sachkundig bewertet und etwaige Konsequenzen mit dem Patienten im Vorfeld auch offen besprochen werden. Die Einordnung und Interpretation der Werte gehört in die Hände von Spezialisten, zum Beispiel in Krebszentren.

Hat heute jeder Krebspatient das Recht, sich in einem Krebszentrum behandeln zu lassen?

Bornhäuser: Ja. Er hat auf jeden Fall den Anspruch, dass seine Erkrankung in einem interdisziplinären Tumorboard besprochen und eine Behandlungsstrategie festgelegt wird. Zu den Netzwerken um Krebszentren gehören auch Spezialpraxen mit onkologischer Expertise. Sie garantieren allen Patienten die bestmögliche Behandlung, auch ohne ins Krebszentrum zu müssen. Diese Netzwerke gilt es weiter auszubauen.

Welche Krebserkrankungen sind heute besonders erfolgreich zu behandeln und welche nicht?

Glimm: Gut behandelbar sind in erster Linie die Krebsarten, die frühzeitig erkannt werden können. Doch es kommt auch auf die Eigenschaften des Tumors an und inwieweit wir schon Medikamente oder Therapiestrategien dagegen haben. Eine gute Prognose hat zum Beispiel das Hodgkin-Lymphom – eine Form des Lymphdrüsenkrebses. Auch frühe Formen von Brust- und Darmkrebs sind sehr häufig heilbar. Weniger erfolgreich sind wir beim Bauchspeicheldrüsenkrebs. Er verursacht erst spät Symptome, und wir verfügen über keine effizienten Screeningmethoden, sodass die Erkrankung bei Diagnosestellung häufig nur schwer oder nicht mehr zu operieren ist.

Jetzt lesen: Das sind die Dresdner Spezialisten für die Krebstherapien.

Bornhäuser: Doch auch wenn bestimmte Krebsarten noch nicht heilbar sind, können die Menschen dank wirksamer Medikamente oft viele Jahre damit leben. Auch in einer guten Lebensqualität. Krebs wird immer mehr zur chronischen Erkrankung und ist nicht zwangsläufig ein Todesurteil.

Welche neuen Therapien haben aus Ihrer Sicht großes Potenzial?

Bornhäuser: Da gibt es einige, doch unbedingt dazu gehört die Immuntherapie. Ein ganz neuer Weg ist es dabei, Immunzellen eines Patienten zu entnehmen, sie genetisch zu verändern und dem Patienten zu übertragen, sodass diese Zellen den Tumor zerstören. Diese CAR-T-Zellen-Therapie wird derzeit bei Patienten mit aggressivem Lymphdrüsenkrebs oder akuter Leukämie eingesetzt, hat aber auch Potenzial für einige andere Krebserkrankungen. 

Das im vorigen Jahr gegründete Zentrum für Zell- und Immuntherapie, in dem das Klinikum Chemnitz und das Uniklinikum Dresden zusammenarbeiten, ist hinsichtlich der Behandlungszahlen und -erfahrungen eine der größten Einrichtungen in Deutschland und Europa mit diesem Schwerpunkt.

Weiß die Wissenschaft inzwischen, wie Krebs entsteht und was Krebszellen dazu bringt, plötzlich zu entarten?

Glimm: Zu einem ganz großen Teil ist es das Alter. Denn je älter der Mensch wird, umso mehr Fehler haben die Reparatursysteme der Zellen gemacht. Das hat zur Folge, dass der Körper anfälliger wird für Erbgutschäden, aus denen ein Tumor entstehen kann. Viele unserer Patienten sind heute 80 Jahre und älter. Zu früheren Zeiten hätten sie die Krebserkrankung gar nicht erst erlebt. Das heißt aber nicht, dass Krebs ein unabänderliches Schicksal einer älter werdenden Menschheit sein muss. Denn rund 40 Prozent aller jährlich in Deutschland diagnostizierten Krebsneuerkrankungen wären vermeidbar, wenn die Menschen aufs Rauchen verzichten, wenig Alkohol trinken, vernünftig mit UV-Strahlung umgehen, ein normales Körpergewicht haben, Risikoinfektionen vermeiden und sich regelmäßig bewegen. Das hat das Deutsche Krebsforschungszentrum untersucht. Auch völlig neuartige, smarte Digitaltechnologien sollen künftig dazu beitragen, Krebs zu vermeiden oder frühzeitig zu erkennen. Diese Technologien zu entwickeln, wird eine Aufgabe der ersten Außenstelle des Deutschen Krebsforschungszentrums sein, die hier in Dresden entstehen wird.

Die Präventionsempfehlungen sind bekannt. Warum erkranken dann aber Menschen, die sich an all die Vorgaben halten, trotzdem an Krebs?

Bornhäuser: Einerseits ist Krebs eine Altersfrage, andererseits gibt es auch eine genetische Veranlagung, zum Beispiel familiäre Häufungen bestimmter Krebserkrankungen. Jeder hat ein eigenes Risikopotenzial. Diese genetischen Faktoren zu erkennen und die Menschen früher zu untersuchen, muss das Ziel unserer künftigen Arbeit sein. Keinesfalls geht es um Schuldzuweisung. Niemand ist schuld an einer Krebserkrankung. Dazu ist das Geschehen im Körper viel zu komplex.

Wird in zehn Jahren vielleicht niemand mehr an Krebs sterben müssen?

Glimm: Das ist das Ziel aller in der Onkologie tätigen Wissenschaftler und Ärzte. Doch dazu brauchen wir noch mehr Erkenntnisse über den Krebs. Es gibt eine Menge ungehobener Datenschätze klinischer Versorgung und Forschung, die uns auf diesem Weg weiterbringen können. Die Digitalisierung kann hier eine entscheidende Rolle spielen. Die Verbesserung der Früherkennung und die politische Förderung der Prävention sind aber ebenso unverzichtbar. Wenn all diese Disziplinen eng zusammenarbeiten, werden wir auf dem Weg zu diesem großen Ziel deutlich vorankommen.

Das Gespräch führte Stephanie Wesely.

Diese Krebstherapien gibt es:

Grundsätzliche Therapien I: Operation

Die chirurgische Entfernung des Tumorgewebes ist eine der ältesten Behandlungsmethoden bei Krebs. Sie hat sich in den letzten Jahren extrem weiterentwickelt, ist präziser und zugleich schonender geworden.Operativ entfernt wird neben dem Tumor ein sogenannter Sicherheitssaum zum gesunden Gewebe sowie häufig auch die angrenzenden Lymphknoten. 

Immer häufiger erfolgen Tumoroperationen heute mit minimalinvasiven Techniken wie der Schlüsselloch-Operation oder mithilfe von OP-Robotern. Neuartige Assistenzsysteme für die Krebschirurgie werden im kürzlich eröffneten Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen Dresden entwickelt – zum Beispiel Navigationssysteme für Operationen im Bauchraum. 

Aufgrund der großen Beweglichkeit der dortigen Strukturen ist es für Chirurgen eine besondere Herausforderung, hier höchst präzise zu operieren. Mittels künstlicher Intelligenz soll dem Chirurgen künftig während der OP in Echtzeit angezeigt werden, wo der Tumor und wo zu schonende Risikostrukturen liegen. Im vernetzten OP-Saal erfassen Sensoren und Geräte den Behandlungsablauf und verknüpfen viele Informationsquellen. (sw)

Grundsätzliche Therapien II:  Bestrahlung

Etwa jeder zweite Krebspatient wird bestrahlt. Meist werden dazu heute sogenannte Linearbeschleuniger verwendet. Diese erzeugen zwei Arten von Strahlen: Ultraharte Röntgenstrahlen, die sich vor allem für die Behandlung von Tumoren eignen, die tief im Körper liegen, und negativ geladene Teilchen (Elektronen), die nur wenige Zentimeter tief ins Gewebe eindringen und deshalb besser geeignet sind, um oberflächlich gelegene Krebszellen zu bekämpfen.

Am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen Dresden soll bis Ende 2021 ein neuartiger Linearbeschleuniger zum Einsatz kommen, der MRT-Bildgebung in die Strahlentherapie integriert.Viel Hoffnung setzen Forscher in die Protonentherapie. Protonen sind positiv geladene Teilchen des Atomkerns. 

Sie können mithilfe elektrischer Felder beschleunigt und mit Magneten gelenkt werden. Damit lassen sich auch tief liegende Tumore punktgenau bestrahlen. Protonen haben den Vorteil, dass sie sich überwiegend auf den Tumor richten und auf ihrem Weg wenig Strahlung verlieren. Dadurch wird gesundes Gewebe besser geschont. (sw)

Grundsätzliche Therapien III: Immuntherapie

Die Selbstheilung des Körpers gegen den Krebs zu aktivieren, gilt als wichtigste Weiterentwicklung auf dem Gebiet der Krebstherapie. Da Tumorzellen aus gewöhnlichen Zellen des Körpers hervorgegangen sind, erkennt sie das Immunsystem oft nicht. Zusätzlich entwickeln sie Techniken, mit denen sie sich der Abwehr entziehen.Immuntherapeutika machen Krebszellen wieder für das Abwehrsystem sichtbar, woraufhin dessen Killerzellen den Krebs attackieren. 

Für die Entdeckung der sogenannten Checkpoint-Inhibitoren haben ein US-amerikanischer und ein japanischer Forscher 2018 den Nobelpreis für Medizin erhalten.

Eine besondere Form der Immuntherapie ist die Behandlung mit CAR-T-Zellen. Die T-Zellen gehören zu den weißen Blutkörperchen und sind wichtige Bestandteile des Immunsystems. Insbesondere bei der Behandlung von Leukämie oder Lymphomen werden dem Patienten T-Zellen entnommen und gentechnisch so verändert, dass sie ein bestimmtes Merkmal der Krebszellen erkennen.Immuntherapien vertragen nicht alle gleich gut, weil die Abwehr auch überschießen kann. Entzündungen sind dann die Folgen. (sw)

Grundsätzliche Therapien IV: Personalisierte Therapie

Viele Tumore besitzen eine verwundbare Stelle. Das sind Mutationen mit charakteristischen Eigenschaften, die für das Wachstum der Krebszelleentscheidend sind. Viele solcher Mutationen lassen sich bereits gezielt mit modernen Wirkstoffenbekämpfen.

Krebsspezialisten bestimmen diese Merkmale –sogenannte Biomarker – mithilfe molekularbiologischer Untersuchungen von Tumorgewebe oder Blut. Die passenden Medikamente unterdrücken dann zum Beispiel Wachstumssignale, schneiden den Tumor von der Nahrungszufuhr ab oder unterbinden Reparaturmechanismen der Krebszelle. 

Eine solche personalisierte Therapie wirkt nur auf eine bestimmte Tumorkonstellation und ist meist nicht auf andere Patienten übertragbar. Die Behandlungen werden mit Chemo- oder Strahlentherapie kombiniert. Sie können den Krebs nicht heilen, aber sein Fortschreiten um viele Jahre aufhalten.

Im Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen Dresden gibt es mehrere molekulare und zellbiologische Labore, in denen komplette Erbgutanalysen der Tumore erfolgen. An gezüchteten Minitumoren werden neue Medikamente getestet. (sw)

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