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Die tägliche Angst vor dem Knochenbruch

Bei einer Dresdnerin wurde Osteoporose früh festgestellt. Sie kämpft sich zurück in ein selbst bestimmtes Leben. Ein Netzwerk soll Erkennung und Nachsorge verbessern.

Von Niels Heudtlaß
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Anne (l.) kann sich wieder freier bewegen. Auch dank des Oberarztes der Unfallchirurgie und stellvertretendem Leiter des Osteoporosezentrums am Städtischen Klinikum Dresden Christoph Böhme(r.)
Anne (l.) kann sich wieder freier bewegen. Auch dank des Oberarztes der Unfallchirurgie und stellvertretendem Leiter des Osteoporosezentrums am Städtischen Klinikum Dresden Christoph Böhme(r.) © René Meinig

Dresden. Anne* steht im Frühjahr 2020 in ihrer Wohnung vor dem Bücherregal. Als sie sich umdreht, hört sie ein Knacken. Ihr Bein bricht. Sie stürzt. "Ich lag auf dem Boden und mein Bein stand praktisch im rechten Winkel ab, dabei habe ich nichts anderes gemacht, als mich zu drehen", erzählt die 82-Jährige.

Zum Glück war ihr Sohn zu Besuch und konnte Hilfe rufen. Sie selbst wäre nicht zum Schreibtisch gekommen, wo das Telefon steht. "Ich lag einfach da und konnte nicht mal nach vorne robben", sagt die Dresdnerin.

Niedrigenergie-Trauma nennen Ärzte einen solchen Vorfall, der meistens ein Anzeichen für die Krankheit Osteoporose ist, erklärt Tim Fülling, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie am Städtischen Klinikum Dresden. Das heißt, dass Patienten sich bei Tätigkeiten einen Bruch zuziehen, bei denen sich gesunde Menschen nichts brechen würden. Ein oft genutztes Beispiel ist das Stolpern über die Teppichkante. Grund dafür ist die geringere Knochendichte bei Osteoporose-Erkrankten. Deswegen wird Osteoporose umgangssprachlich auch Knochenschwund genannt.

Die Abnahme der Knochendichte tritt vor allem bei Älteren auf. Frauen können den Knochenschwund aber häufig bereits ab den Wechseljahren bekommen, da ein Absinken des Östrogenspiegels den Knochenabbau verstärken kann. Auch eine Behandlung mit Kortison kann Osteoporose begünstigen. Die Krankheit ist momentan nicht heilbar, lässt sich aber durch eine Mischung aus Sport, bewusster Ernährung und medikamentöser Behandlung verlangsamen.

Osteoporose ist eine Krankheit ohne direkte Symptome

Bei Anne wurde Osteoporose bereits Anfang der 2000er-Jahre im Alter von 60 Jahren festgestellt. Ihr Orthopäde hatte den Knochenschwund bei ihr diagnostiziert.

Doch nach der Diagnose fühlte sie sich nicht krank. Sie habe sich weiter bewegt wie immer und sei sogar mehrmals Ski gefahren, berichtet die Dresdnerin. Trotz der Behandlung mit Medikamenten und Vitaminen durch den Facharzt ist es 20 Jahre nach der Diagnose nun zu dem schweren Bruch gekommen.

Dass die Krankheit bei dieser Patientin überhaupt so früh erkannt worden war, sei eher untypisch, sagt Fülling. Typisch sei allerdings, dass sie sich nicht krank gefühlt habe. Ungefähr sieben Millionen Menschen in Deutschland seien an Osteoporose erkrankt, aber nur rund ein Drittel der Fälle sei in Behandlung, so der Mediziner weiter.

Denn Osteoporose ist eine Krankheit ohne direkte Symptome. Erst, wenn ein Niedrigenergie-Trauma entsteht, fällt die Krankheit auf. Bis zum Bruch sei Osteoporose eine stumme Volkskrankheit, sagt Fülling.

Handgelenk-, Schulter- und Oberarm- sowie Wirbelbrüche sind typisch für Erkrankte, erklärt Christoph Böhme, stellvertretender Leiter des Osteoporose-Zentrums am Städtischen Klinikum.

Aber auch Oberschenkelhalsbrüche oder Hüftbrüche kommen oft vor. Das kann für die Betroffenen schwere Folgen haben. Ungefähr ein Drittel der Patienten verliere die Selbständigkeit und wiederum ein Drittel dieser Menschen sei nach einem Jahr nicht mehr am Leben, beschreibt Fülling die Gefahr einer unerkannten Osteoporose.

"Zuerst konnte ich gar nicht laufen, später dann nur mithilfe von zwei Stöcken"

Obwohl Anne einen solchen Bruch erlitten hat, kann sie sich heute wieder einigermaßen frei bewegen. Doch der Weg dahin hat von ihr viel Stärke gefordert. Nach der Operation im Städtischen Klinikum Dresden, bei der ihr eine Schraube in den Oberschenkel eingesetzt wurde, musste sie in die Reha. Dort lernte sie wieder zu laufen. "Zuerst konnte ich gar nicht laufen, später dann nur mithilfe von zwei Stöcken", schildert die 82-Jährige. Ein Jahr lang konnte sie kein Auto fahren, beim Einkaufen war sie ebenfalls auf Hilfe angewiesen.

Bei einer späteren Untersuchung wurde festgestellt, dass kein Heilungsprozess eingetreten war. Deswegen muss sie sich nun zweimal im Monat eine Spritze mit einem neu zugelassenen Osteoporose-Medikament setzen.

Was von dem Bruch bleibt, ist Angst, aber auch der Stolz, es geschafft zu haben. Angst hat sie vor allem vor einem erneuten Sturz. Bis heute traut sie sich nicht, Fahrrad zu fahren. Am Anfang sei die Angst unheimlich stark gewesen, bei jedem kleinen Stolpern dachte sie, es ist wieder so weit, jetzt käme der nächste Bruch, sagt Anne.

Deswegen bewegt sie sich heute viel bewusster. Sie schaut beim Laufen grundsätzlich auf den Boden. Allerdings sei es eine lange Entwicklung gewesen, bis sie sich zum Beispiel wieder getraut habe, die Treppe hochzugehen, ohne sich am Geländer festzuhalten.

Stolz ist die Dresdnerin darauf, es selbst zurück in ein selbstbestimmtes Leben geschafft zu haben. Dazu macht sie noch heute regelmäßig Sport. Sie geht schwimmen und hat sich ein Rudergerät angeschafft, auf dem sie jeden Tag 20 Minuten trainiert. Eine Smartwatch an ihrem Handgelenk überwacht ihre Werte, warnt sie, wenn sie sich überanstrengt und ruft Hilfe, falls sie sich nicht bewegen kann.

Damit es im besten Fall erst gar nicht zu einem so schweren Bruch wie bei Anne kommt, haben Fülling und Böhme am Städtischen Klinikum das Dresdner Netzwerk Osteoporose gegründet. 44 Prozent aller Menschen über 50 erleiden einen Bruch, erklärt Fülling. Die behandelt er dann als Unfallchirurg. Aus diesen Patienten werden mithilfe eines Fragebogens die herausgefiltert, die weitere Kriterien einer Osteoporose aufweisen. So wird unter anderem nach Knochen- oder Rückenschmerzen, Ernährungsgewohnheiten und Medikamenteneinnahme gefragt. Über das digitale Netzwerk, in dem sich momentan zehn niedergelassene Orthopäden mit einer Spezialisierung in Osteoporose befinden, kann dann direkt ein Termin für die Nachsorge vereinbart werden.

*Anne hat darum gebeten, dass ihr Name geändert wird, da sie mit ihrer Krankheit nicht in der Öffentlichkeit stehen möchte.