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Lungenkrebs: „Ich bin dankbar für jedes Lebensjahr“

62.000 Deutsche bekommen jedes Jahr die Diagnose Lungenkrebs - nicht nur Raucher. Neue Behandlungen lassen hoffen. Doch die Tumorzellen können sich anpassen.

Maryna Preibsch aus Dresden kämpft seit fast zwei Jahren gegen ihren Lungenkrebs. Eine neue Therapie gibt der 50-Jährigen Hoffnung.
Maryna Preibsch aus Dresden kämpft seit fast zwei Jahren gegen ihren Lungenkrebs. Eine neue Therapie gibt der 50-Jährigen Hoffnung. © Matthias Rietschel

Maryna Preibsch aus Dresden weiß noch genau, wie er sich angefühlt hat, der quälende Husten, der sie kaum zu Atem kommen ließ. „Ich konnte nicht sprechen, ohne gleich wieder einen Anfall zu bekommen“, sagt sie. Dazu diese Mattigkeit. Die heute 50-Jährige dachte an einen Infekt, schlimmstenfalls an eine Bronchitis. Ihr Hausarzt wohl auch, denn er verordnete ihr Antibiotika, die aber keine Besserung brachten. 

So vertraute sie sich einem Freund an, der ebenfalls Arzt ist. Er überwies sie ins Lungenzentrum Coswig, hatte offensichtlich schon eine Ahnung. Denn dort erhielt Maryna Preibsch dann die erschütternde Diagnose: Lungenkrebs im fortgeschrittenen Stadium mit Metastasen in der Leber. „Ich hatte Angst, Angst um mein Leben und wie alles weitergehen soll.“ Denn sie ist selbstständig tätig, berät bi-nationale Paare vor der Eheschließung. Maryna Preibsch kam selbst erst vor zwölf Jahren von der Krim nach Dresden.

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So wie sie erkranken pro Jahr rund 62.000 Menschen in Deutschland an Lungenkrebs – mehr als doppelt so viele Männer wie Frauen. Abrechnungsdaten der AOK Plus zufolge bekamen 2018 in Sachsen 1.262 Männer und 589 Frauen erstmals diese Diagnose. Da die Krankenkasse mehr als die Hälfte der Sachsen versichert, muss von doppelt so vielen Erkrankungen im Freistaat ausgegangen werden. Die meisten Lungenkrebspatienten waren zwischen 70 und 90 Jahre alt.

Hauptursache für Lungenkrebs ist das Rauchen. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums Heidelberg haben durch Modellrechnungen ermittelt, dass durch die Kombination von Tabaksteuererhöhung, Werbeverbot für Tabakwaren und eine einheitliche neutrale Verpackung für alle Zigarettenmarken das Rauchen so unattraktiv würde, dass bis 2050 eine Million Krebsfälle vermieden werden könnten. Derzeit rauchen 26 Prozent der Männer und 19 Prozent der Frauen. Auch Frau Preibsch hat früher einmal geraucht – aber nicht viel, wie sie sagt. „Ich lebe gesund und treibe Sport – eigentlich bin ich kein typischer Risikopatient.“ In ihrer Familie seien aber schon Krebserkrankungen vorgekommen.

Verschiedene Tumortypen

Beim Lungenkrebs wird zwischen klein- und nichtkleinzelligen Tumoren unterschieden. „Die Bezeichnung hat nicht zwangsläufig etwas mit der Größe der Tumorzellen zu tun, eher etwas mit ihrer Biologie“, sagt Professor Stefan Hammerschmidt, Chefarzt der Klinik für Pneumologie am Klinikum Chemnitz. Der nichtkleinzellige Lungenkrebs kommt mit etwa 85 Prozent am häufigsten vor. 

Auch Maryna Preibsch hat diese Form. Er wächst etwas langsamer als der kleinzellige und bildet nicht so schnell Metastasen. „Das klingt nach einer besseren Prognose. Doch Lungenkrebs ist sehr heimtückisch. Er zeigt lange keine Symptome. Wird er erkannt, hat er meist schon das Stadium IV erreicht und Metastasen gebildet“, so Hammerschmidt. „Tumore in den Stadien I bis III sind oft Zufallsbefunde.“

Computertomografie-Aufnahmen von Maryna Preibsch vor der Therapie: Gelb markiert sind die Krebsherde (1– Herz; 2–Wirbelsäule; 3– linke Lunge; 4– rechte Lunge).
Computertomografie-Aufnahmen von Maryna Preibsch vor der Therapie: Gelb markiert sind die Krebsherde (1– Herz; 2–Wirbelsäule; 3– linke Lunge; 4– rechte Lunge). © NCT

Um Lungenkrebs früher erkennen und damit auch heilen zu können, plädieren Lungenfachärzte für ein Screening – vor allem bei Rauchern. Möglich sei das durch eine Niedrigdosis-Mehrschicht-Computertomografie, die trotz geringer Strahlendosis aussagekräftige Bilder liefert. Internationale Studien zeigen einen Überlebensvorteil von Screening-Teilnehmern. Besonders Frauen profitierten davon. Bei ihnen nahm das Sterberisiko durch Lungenkrebs um 69 Prozent ab.

Noch bis vor Kurzem bedeutete die Diagnose „metastasierter Lungenkrebs“ für die Patienten eine auf wenige Monate begrenzte Überlebenszeit. Sie erhielten nebenwirkungsreiche Chemotherapien, die oft nur relativ kurz wirkten. Der Deutschen Krebsgesellschaft zufolge überleben nur 21 Prozent der Frauen und 16 Prozent der Männer die Krankheit fünf Jahre und länger. Diese Gedanken gingen auch Frau Preibsch durch den Kopf, bis sie von den neuen Behandlungen erfuhr. Jetzt hat sie wieder Hoffnung.

CT-Aufnahmen zum jetzigen Zeitpunkt: Die Krebsherde (gelb) sind deutlich reduziert (1– Herz; 2–Wirbelsäule; 3– linke Lunge; 4– rechte Lunge).
CT-Aufnahmen zum jetzigen Zeitpunkt: Die Krebsherde (gelb) sind deutlich reduziert (1– Herz; 2–Wirbelsäule; 3– linke Lunge; 4– rechte Lunge). © NCT

Auch Maryna Preibsch bekam in Coswig zunächst eine Chemotherapie. Kombiniert wurde sie mit einer Immuntherapie, um das körpereigene Abwehrsystem auf die Krebszellen anzusetzen. Sie erholte sich und bekam etwas besser Luft. Gut vier Monate blieb ihr Zustand stabil, dann stiegen die Tumormarker wieder an, und in der Computertomografie wurde ein Wachstum der Tumorherde festgestellt.

„Das Problem an dieser Behandlung ist, dass die Tumorzellen oft neue Strategien entwickeln, um dem Immunsystem entgehen zu können. Sie werden praktisch resistent gegen die Medikamente“, sagt Dr. Martin Wermke, Onkologe und Leiter der Einheit für frühe klinische Studien am Nationalen Centrum für Tumorkrankheiten (NCT) Dresden. „Bei Frau Preibsch war die stabile Phase vergleichsweise kurz. Andere Patienten kommen ein Jahr und länger gut damit zurecht. Bei etwa 15 Prozent der immuntherapierten Patienten hält der Erfolg sogar viele Jahre an.“

Zusammenschluss der Forscher

Die Erkenntnisse der Genomforschung haben in den letzten Jahren personalisierte Therapien ermöglicht, die gezielt auf bestimmte genetische Veränderungen in den Tumoren wirken – auf sogenannte Treibermutationen. „Gegen eine Reihe solcher Mutationen gibt es bereits zugelassene Medikamente, weitere werden im Rahmen von Studien behandelt“, sagt Stefan Hammerschmidt. Die Neuentwicklung solcher Medikamente geschehe in einem ungeahnten Tempo. 

Da die Diagnostik dafür hochkomplex ist, könne sie nur an speziellen Zentren – zum Beispiel an Lungenkrebszentren – durchgeführt werden. Die genetischen und molekularbiologischen Untersuchungen erfolgen deutschlandweit an 15 universitären Zentren, zu denen auch das NCT Dresden gehört. Sie haben sich zum nationalen Netzwerk Genomische Medizin zusammengeschlossen.

Maryna Preibsch (r.) mit Dr. Martin Wermke und Prof. Daniela Aust vom Dresdner Uniklinikum.
Maryna Preibsch (r.) mit Dr. Martin Wermke und Prof. Daniela Aust vom Dresdner Uniklinikum. © Matthias Rietschel

Konkret heißt das, dass Tumorproben von Patienten am Wohnort entnommen und von Diagnostikern im Netzwerkzentrum untersucht werden. Diese beraten dann die behandelnden Ärzte auf der Basis der molekularpathologischen Befunde. Die Behandlung selbst kann dann im gewohnten Umfeld erfolgen.

Als Dresdnerin konnte Frau Preibsch gleich am NCT zur Weiterbehandlung bleiben. Doch ihr Tumor war etwas Besonderes: Er wies eine sehr seltene Mutation am sogenannten RET-Gen auf. Dadurch wird das Gen unkontrolliert aktiviert, was zu einer ungebremsten Vermehrung der betroffenen Tumorzellen führt. Gegen diese RET-Mutation gibt es in Deutschland noch kein zugelassenes Medikament, sagt Dr. Wermke. „Doch in den USA gibt es eins, das die Studien der Phasen 1 und 2 bereits durchlaufen hat. Aufgrund der guten Erfolge wurde die breite Anwendung von der amerikanischen Zulassungsbehörde genehmigt.“ 

Noch andere Behandlungsansätze

In Deutschland würden Zulassungsverfahren jedoch etwas länger dauern. Im Zusammenhang mit Härtefallprogrammen stellen die Hersteller die Medikamente aber auch kostenfrei für deutsche Patienten zur Verfügung, so Wermke. „Die Beantragung war sehr aufwendig, aber es hat geklappt. Wir dürfen das Medikament bei Frau Preibsch verwenden und liefern parallel dazu Daten mit klinischen Befunden und möglichen Nebenwirkungen an den Hersteller.“ Das neue Medikament Selpercatinib unterbricht die Signalweiterleitung in die Tumorzelle. Sie wird damit von der Versorgung abgeklemmt und in der Folge abgetötet. Eine Immuntherapie pusht zusätzlich die körpereigene Abwehr.

„Doch es gibt auch noch andere vielversprechende Behandlungsansätze“, so Stefan Hammerschmidt. In zertifizierten Lungenkrebszentren wie den beiden Kliniken werde an den Tumorboards die Abfolge und Art der Behandlung eines jedes Patienten besprochen. Haben Patienten zum Beispiel nur wenige, vereinzelte Metastasen, ließen die sich oft auch chirurgisch und strahlentherapeutisch behandeln. Bei Frau Preibsch war das jedoch nicht möglich, die Anzahl der Krebsherde war dafür zu hoch.

Strahlentherapie verbessert

Bei Operationen und Bestrahlung wurden in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht. Viele Betroffene haben immer noch Angst vor einer Strahlenbehandlung, doch die Strahlen wirken heute viel präziser nur auf den Krebsherd, umliegendes Gewebe wird weitestgehend geschont, erklärt Hammerschmidt. Auch operativ könne man punktgenauer arbeiten. Im Rahmen von Studien werden neue und etablierte Behandlungsansätze verglichen, mit dem Ziel, den Patienten mehr Lebenszeit und Lebensqualität zu geben.

Maryna Preibsch bekommt regelmäßig die Medikamente aus den USA und kann seitdem sogar wieder Sport treiben, wie sie sagt. Die Aufnahmen der Computertomografie stimmen sie zuversichtlich, denn von den Krebsherden in der Lunge ist nach nunmehr fast zwei Jahren nicht mehr viel zu sehen. „Wir wissen natürlich nicht, wie lange die Wirkung des Medikaments anhält“, sagt Martin Wermke. Doch Frau Preibsch ist erst einmal sehr glücklich. „Wenn das Mittel nicht mehr anschlägt, gibt es vielleicht wieder etwas Neues“, hofft sie. „Ich freue mich aber auch, der Wissenschaft einen Dienst zu leisten, und bin dankbar für jedes Lebensjahr.“

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