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Worüber rede ich mit einem Sterbenskranken?

Der baldige Tod macht sprachlos. Medizinjournalistin Anke Nolte erklärt, wann und wo welche Themen angebracht sind.

Die Medizinjournalistin Anke Nolte erklärt, worüber man mit Sterbenden spricht.
Die Medizinjournalistin Anke Nolte erklärt, worüber man mit Sterbenden spricht. © 123rf/Katarzyna Bialasiewicz

Angesichts des bevorstehenden Todes eines nahen Menschen verfallen viele in Hilf- und Sprachlosigkeit: „Das wird schon wieder!“ oder „Du musst nur kräftig essen!“ Doch diese Phrasen wollen Todkranke nicht hören. Die Medizinjournalistin Anke Nolte hat für ein Buch mit Patienten und ihren Familien, mit Hospizmitarbeitern, Psychologen und Palliativmedizinern darüber gesprochen, was sich Sterbende und ihre Angehörigen wünschen.

Frau Nolte, warum fällt es den Menschen so schwer, über das Sterben oder den eigenen Tod zu reden?

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Auch wenn das Thema in den Medien recht präsent ist – sobald jemand in der Familie betroffen ist, ist es noch immer ein sehr großes Tabu. Die Fachleute nennen das „gekreuztes Schweigen“: Sowohl die sterbenskranken Menschen als auch die Angehörigen sprechen das Thema Tod nicht an.

Warum nicht?

Zum einen haben wir einfach Angst. Es ist für uns nicht vorstellbar, dass wir selbst sterben oder ein Vertrauter. Weder in der Philosophie noch in der Medizin gibt es ja eine Antwort auf die Frage: Was kommt eigentlich danach? Uns fehlt aber nicht nur der Mut. Vielmehr dient das Schweigen auch dem nötigen Selbstschutz. Das gilt für den Sterbenskranken ebenso wie für die Angehörigen. In der Psychologie werden Phasen der Verarbeitung von Trauer beschrieben. Dazu gehört auch, den baldigen Tod nicht so nah an sich heranzulassen, weil man es einfach nicht verkraften würde. Viele Menschen möchten andere schonen und ihnen die Wahrheit nicht zumuten. Auf Dauer tut das jedoch nicht gut.

Worüber möchten Sterbenskranke denn reden?

Das hängt stark von dem jeweiligen Menschen ab. Redet Die- oder Derjenige generell über sich und seine Gefühle oder eher nicht? Sie oder er wird sich fragen: Wer sitzt da überhaupt am Bett? Haben wir eine gute Beziehung und können wir miteinander reden? Gezeigt hat sich, dass Sterbenskranke oftmals formale Dinge regeln wollen – Patientenverfügung, Testament oder sogar die Beerdigung. Das eröffnet einen guten Zugang zum Thema Tod und Sterben. Viele empfinden das als erleichternd. Ich habe zum Beispiel mit einem Geschwisterpaar gesprochen. Der Bruder war sterbenskrank und hatte genaue Vorstellungen von seiner Beerdigung. Jeder Gast sollte zwei Schnapsgläser bekommen, eins für sich und eins für das Grab. Er meinte scherzend: Ich werde sternhagelvoll sein. Die Schwester und er konnten darüber lachen. Das ist eine Möglichkeit, damit umzugehen. Es gibt aber auch Menschen, die bis zum Schluss nicht wahrhaben wollen, dass sie sterben werden. Das kann für alle sehr belastend sein.

Welche Rolle spielen persönliche Erinnerungen?

Ein Rückblick auf das Leben ist ganz wichtig. Sterbenskranke suchen Antworten auf Fragen wie: Habe ich das Leben gelebt, was ich leben wollte? Habe ich meine Werte gelebt? Welche Krisen habe ich überstanden und wie bin ich daraus hervorgegangen? Habe ich jemanden verletzt und kann ich das wieder gutmachen? Schuldgefühle können auftauchen und der Wunsch, alte Familienkonflikte zu bereinigen. Eltern wollen beispielsweise ihre Kinder sehen, zu denen sie jahrelang keinen Kontakt hatten. Wenn das nicht erwünscht ist, ist das oft nur sehr schwer auszuhalten. Doch neben der Vergangenheit geht es auch um die Gegenwart und Zukunft.

Wie meinen Sie das?

Man vergisst häufig, dass Sterbenskranke je nach Diagnose ja vielleicht noch einige Wochen und Monate, vielleicht sogar Jahre leben. Es geht also auch um folgende Fragen: Wie möchte ich jetzt leben? Gibt es einen Herzenswunsch, den ich mir erfüllen möchte? Das können große oder kleine Sachen sein. Ein Freund von mir etwa wollte gerne noch einmal einen Nachtspaziergang im Berliner Grunewald machen. Auch wenn jemand bettlägerig ist, gibt es erfüllbare Wünsche, wie etwa eine Oper zusammen zu hören. Das ist auch eine Grundaussage des Buches: Es ist nicht alles vorbei, wenn man nur noch eine bestimmte Zeit zu leben hat, sondern es geht darum, diese Zeit soweit es geht mitzugestalten.

Gibt es den richtigen Ort und die richtige Zeit für solche Gespräche?

Gute Gespräche können oft nur in einer guten Atmosphäre entstehen. Für mich ist ein Hospiz zum Beispiel ein wohltuender Ort dafür. Dort gehen die Mitarbeiter auf natürliche, teilweise fröhliche Art mit dem Thema Sterben um. Der Tod wird angenommen, nicht verdrängt. Ich habe ein Paar kennengelernt, das sich immer nachmittags in den Garten des Hospizes gesetzt, Kaffee getrunken und dort viele gute Gespräche geführt hat. Man kann auch in ein Café gehen. Ist der sterbenskranke Mensch zu Hause, sollte die Familie für krankheitsfreie Räume sorgen. In einer Sitzecke lässt es sich besser reden als am Bett.

Wie gelingt ein guter Einstieg?

Menschen stecken immer wieder in diesen Verdrängungsphasen und machen dicht. Da sind Vorwürfe und ein Satz wie „Na nun sag doch mal“ nicht förderlich. Besser man beginnt aus der eigenen Perspektive mit Ich-Botschaften: „Ich erlebe das gerade so“, „Ich habe damit zu kämpfen, dass“, „Ich habe etwas auf dem Herzen. Hast du jetzt ein Ohr dafür oder morgen?“. Man kann sich verabreden und sich so besser auf ein Gespräch einstellen. Wichtig ist, immer zu sagen, wenn einem etwas auf dem Herzen liegt, sich nicht entmutigen zu lassen, sondern immer wieder zu probieren, was geht. Man kann es aber auch über formale Dinge versuchen: „Du, wir haben noch keine Patientenverfügung gemacht. Das sollten wir noch mal klären.“

Man kann also gar nichts Falsches sagen?

Ich glaube, das größere Problem ist es, zu wenig miteinander zu reden. Zur Not muss man sich etwas einfallen lassen. Ich habe mit einem Ehepaar mit zwei kleinen Kindern gesprochen. Die Frau litt unter einem Gehirntumor. Es gab jede Menge zu regeln, doch sie wollte darüber nicht reden. Irgendwann schlug der Mann ihr vor: Wir müssen das jetzt klären, also sag nur ja oder nein. Möchtest du zu Hause sterben, ja oder nein? Möchtest du verbrannt werden, ja oder nein? Möchtest du bei deinem Vater beerdigt sein, ja oder nein? Heute sagt der Mann, dass es der richtige Weg für sie war.

Gibt es Themen, die man besser nicht ansprechen sollte?

Das hängt von der Situation ab. Gut ist, immer von sich auszugehen, egal ob als Kranker oder Angehöriger: Wenn ich über etwas sprechen möchte, sollte ich das tun und auf den richtigen Zeitpunkt warten. Das heißt aber nicht, es immer weiter herauszuschieben. Irgendwann kann man auch auf den Tisch hauen und sagen: „Du, mir liegt wirklich was auf dem Herzen. Ich sag dir jetzt mal, wie ich das sehe!“

Also sollten sich Angehörige nicht aus Rücksicht zurückhalten?

Mir hat eine Frau geschildert, dass sie nie geweint hat, wenn sie bei ihrer sterbenskranken Mutter war. Sie wollte das nicht zeigen und hat nur nachts zu Hause geweint. Ihrem innigen Verhältnis zueinander hat das keinen Abbruch getan. Generell sollte man ruhig sagen und zeigen, wenn man gerade wahnsinnig traurig ist. Manchmal ist das aber auch gar nicht nötig, weil das Gegenüber es ohnehin bemerkt. Es ist auch empfehlenswert, dass Angehörige andere Menschen ins Vertrauen ziehen und mit ihnen über die eigenen Gefühle sprechen. Das können enge Freunde oder Verwandte sein oder Menschen, die schon die Erfahrung einer Sterbebegleitung gemacht haben. Auch Ärzte oder Hospizmitarbeiter können für Angehörige und auch die Sterbenskranke gute Ansprechpartner sein.

Neben der Trauer spüren viele auch Wut und Ärger.

Tatsächlich wird viel gestritten. Hier gilt dasselbe wie für andere Konfliktgespräche auch: Spürt jemand, dass er verärgert und wütend ist, heißt es, einmal tief Luft holen, drüber schlafen und überlegen, wie man das Thema am besten ansprechen kann. Oftmals entsteht die Wut aus einer Überforderung heraus. Eine Regel für Konfliktgespräche ist es, Vorwürfe in Wünsche zu verwandeln. Also statt „Du lässt dich nur bedienen“ etwa zu äußern „Ich würde mir wünschen, dass du auch ein paar Aufgaben übernimmst“. Natürlich kann es passieren, dass in der Wut böse Worte fallen. Aber das sollte man sich auch verzeihen.

Wie wichtig ist Ehrlichkeit?

Sterbenskranke wünschen sich absolute Ehrlichkeit. Hospizmitarbeiter und Sterbebegleiterinnen berichten, dass die Patienten hochsensibel sind und die Wahrnehmung viel geschärfter ist. Sie spüren sofort, wenn nicht stimmig ist, was gesagt wird. Also Phrasen wie „Das wird schon wieder“ oder „Du schaffst das schon“ sollte man sich sparen. Andererseits kann es auch sein, dass der Sterbenskranke die Wahrheit in dem Moment nicht aushalten kann. Zum Beispiel schreibe ich von einer Frau, die ihre Schmerzen immer auf den Ischias geschoben hat. Sie wollte nicht wahrhaben, dass sie vom Krebs kommen. Die Tochter hat geschwiegen und nicht etwa gesagt: Das kommt doch von deinem Krebs. Sie hat gemerkt, dass es keinen Sinn gehabt hätte.

Gehen Männer und Frauen eigentlich unterschiedlich mit der Situation um?

Das ist nicht pauschal zu beantworten. Ich glaube, es ist eher eine Altersfrage. Die Generation der heute über 80-Jährigen, also die Kriegskinder, musste immer viel verdrängen. Ihnen fällt es tendenziell schwerer, über Gefühle und über das Sterben zu reden. Ich habe von vielen Familien gehört, dass es ganz schwierig ist, mit den alten Eltern darüber ins Gespräch zu kommen.

Wie sollten sich Angehörige verhalten, wenn der Erkrankte den Wunsch äußert, zu sterben?

Sie sollten es ernst nehmen und den Gedanken zulassen: Viele Sterbenskranke sind verzweifelt, und es ist wichtig, den Sterbewunsch zu äußern. Die Angehörigen können dann Fragen stellen: Was genau ist es, was du nicht mehr aushälst? Es können Schmerzen, Übelkeit, Atemnot, Schwäche sein. Wenn es daran liegt, sollte ein Palliativmediziner zurate gezogen werden, Mitarbeiter aus dem Hospiz, Schmerzmediziner. Sie können helfen, die Symptome zu lindern. Hinzu kommt, dass Sterbenskranke sich überflüssig und wertlos fühlen, sie wollen niemandem zur Last fallen. Dann geht es darum, demjenigen zu sagen: Auch wenn du krank bist, du bist genauso viel wert wie ein gesunder Mensch. Ich liebe dich und möchte dich bei mir haben.

Ist es manchmal besser, einfach zu schweigen und da zu sein?

In der Sterbephase ganz sicher. Dann gilt es, nur ruhig am Bett zu sitzen und die Stille zuzulassen. Und versuchen zu spüren, was der Andere möchte, eine Berührung oder etwas frische Luft. Auch sonst muss nicht immer geredet werden. Momente, in denen man miteinander schweigen kann, können intensiv und wertvoll sein.

Das Gespräch führte Kornelia Noack.

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