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Bauchspeicheldrüse: Ein Leben ohne ist möglich

Pankreaskrebs endet oft tödlich. Vier zertifizierte Zentren in Sachsen kämpfen darum, die Lebenszeit von Patienten wie Manfred Taeger zu erhöhen.

Erste Kontrolle nach Chemotherapien und OP. Der Chirurg und Onkologe Professor Thilo Welsch erklärt Krebspatient Manfred Taeger, wie es weitergeht.
Erste Kontrolle nach Chemotherapien und OP. Der Chirurg und Onkologe Professor Thilo Welsch erklärt Krebspatient Manfred Taeger, wie es weitergeht. © kairospress

Manfred Taeger aus der Lutherstadt Wittenberg wollte eigentlich auf der Elbe unterwegs sein – als Segler. Wegen seines Hobbys schied er mit 63 Jahren aus dem Berufsleben aus. Doch es kam alles ganz anders. Statt auf dem Boot verbringt er jetzt viel Zeit im Krankenhaus, zu Hause und in der Reha. Denn Manfred Taeger hat Bauchspeicheldrüsenkrebs im fortgeschrittenen Stadium. „An so eine Krankheit habe ich im Traum nicht gedacht. Begonnen hat alles mit schlimmen Rückenschmerzen und Übelkeit“, so der heute 65-Jährige. Ein verdorbener Magen oder zu viel Stress – Erklärungen gab es viele. Und es dauerte lange, bis er wusste, was mit ihm los ist.

„Mein Orthopäde gab mir Schmerzmittel. Als diese nicht halfen, wartete ich auf ein MRT.“ Doch dort sah der Arzt nur alte Bandscheibenvorfälle. Sein Hausarzt behandelte ihn einige Wochen weiter, auch mit Medikamenten gegen seine Übelkeit und die Verdauungsprobleme. „Als ich dann gar nichts mehr essen konnte und immer weiter abmagerte, wies ich mich eines Sonntags selbst ins Krankenhaus ein.“ Dann folgte ein Schlag auf den anderen: Der erste war die Diagnose: fortgeschrittener Bauchspeicheldrüsenkrebs. Der zweite: Der Krebs war inoperabel. „Ich war fix und fertig, ich hatte doch noch so viel vor. Mit Kindern und Enkeln wollten wir groß Geburtstag feiern. Wer weiß, wie viele Geburtstage ich noch erleben darf?“

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Die Mehrzahl der Patienten mit Bauchspeicheldrüsenkrebs kommt mit einer fortgeschrittenen Erkrankung ins Krankenhaus. „Die Bauchspeicheldrüse zeigt sehr lange keine spezifischen Symptome. Es gibt auch noch keine sinnvolle Screeningmethode, mit der man Erkrankungen früher erkennen könnte“, sagt Professor Thilo Welsch, stellvertretender Direktor der Klinik für Bauch- und Brustkorbchirurgie am Uniklinikum Dresden. Und Symptome, wie Verdauungsbeschwerden, Übelkeit oder Rückenschmerzen, ließen auch Ärzte nicht immer zuerst an Krebs denken.

Bauchspeicheldrüsenkrebs ist selten

2018 erkrankten der Deutschen Krebshilfe zufolge bundesweit knapp 20.000 Menschen erstmals am Pankreaskarzinom, wie die Fachbezeichnung lautet. Die Zahlen steigen seit Jahren. „Grund dafür ist auch die Zunahme von Risikofaktoren wie Alter, Fettleibigkeit, Rauchen und exzessiver Alkoholgenuss“, so Welsch.

Ein Gläschen Wein ist ein beliebter Begleiter zum Essen. Allzu viel sollte man aber nicht konsumieren. Denn wer regelmäßig trinkt, riskiert Gesundheitsschäden.
Ein Gläschen Wein ist ein beliebter Begleiter zum Essen. Allzu viel sollte man aber nicht konsumieren. Denn wer regelmäßig trinkt, riskiert Gesundheitsschäden. © dpa-tmn

Hochrechnungen der AOK Plus zufolge bekamen 2018 in Sachsen 920 Männer und 900 Frauen diese Diagnose. „Bauchspeicheldrüsenkrebs ist selten, gehört aber zu den am häufigsten zum Tode führenden Krebserkrankungen“, erklärt Thilo Welsch. Die Prognose habe sich in den letzten Jahren aber verbessert. „Das liegt auch daran, dass die Möglichkeiten der Operation und Chemotherapie größer geworden sind“, so der Professor. Zum Beispiel könnten an ausgewählten Zentren Patienten mit Operationsrobotern schonender operiert werden. Auch komplexe Operationen mit Gefäßersatz erhöhen bei fortgeschrittenen Tumoren die Überlebenschancen. Ohne diese neuen Möglichkeiten überlebt laut Berufsverband der Internisten nur jeder zehnte Betroffene fünf Jahre und länger.

Um die Expertise zu nutzen, ist es wichtig, in eine Klinik zu gehen, wo man viel Erfahrung mit Onkologie und Chirurgie der Bauchspeicheldrüse hat. Allein nach dem Begriff „Pankreaszentrum“ zu suchen, reicht Welsch zufolge nicht. Denn, um zertifiziert zu werden, sind nur zwölf Pankreaskrebsentfernungen pro Jahr gefordert. Doch selbst diese vergleichsweise geringe Zahl werde von etwa der Hälfte der Kliniken nicht immer erreicht.

Vier Zentren in Sachsen

In Sachsen gibt es vier von der Deutschen Krebsgesellschaft zertifizierte Bauchspeicheldrüsenkrebszentren – zwei in Dresden, eins in Chemnitz und eins in Leipzig. Die Zertifizierung des Onkologischen Zentrums der Uniklinik Dresden läuft derzeit. Laut einer aktuellen Untersuchung der Barmer sinkt die Sterblichkeit an Bauchspeicheldrüsenkrebs in Kliniken mit hoher Fallzahl und viel Erfahrung. Der Krankenkasse zufolge werden 42 Fälle pro Jahr bereits als hoch bezeichnet. Die Pankreaszentren im Klinikum Chemnitz und der Uniklinik Dresden liegen mit 68 und 150 solcher Eingriffe weit darüber.

Manfred Taeger wusste, dass seine Behandlung trotz bester Voraussetzungen kein Spaziergang wird. Der Krebs hatte bei dem 63-Jährigen bereits auf die benachbarten lebenswichtigen Blutgefäße übergegriffen. Die Gefäße zur Leber, zur Milz und zum Darm waren ebenfalls betroffen. Mit einer Chemotherapie sollte deshalb der Tumor so weit wie möglich zurückgedrängt werden. Dann sei selbst in seinem Krankheitsstadium noch eine Operation möglich. Das gab ihm Hoffnung.

© SZ

„Wir entschieden uns für eine Chemotherapie, die sich aus verschiedenen Medikamenten zusammensetzt. Sie ist am erfolgreichsten, allerdings auch am belastendsten für den Patienten“, sagt Thilo Welsch. Da Manfred Taeger eine gute körperliche Konstitution hatte und fit war, konnte man davon ausgehen, dass er das alles verkraftet. „Entscheidend für den Behandlungsansatz war, dass er keine Fernmetastasen hatte“, so der Chirurg. Sonst wäre möglicherweise nur eine palliative Behandlung möglich gewesen.

Starker Gewichtsverlust

„Die acht Chemos habe ich durchgezogen. Es war ein Kampf. Ich war körperlich völlig erschöpft, konnte nur noch ein paar Schritte gehen und kaum etwas essen“, erzählt Taeger. Er magerte von 75 Kilogramm auf 50 Kilo ab und musste erst wieder zu Kräften kommen, ehe die Operation gewagt werden konnte. Die kräftezehrende Behandlung hat sich gelohnt, denn der Tumor war um die Hälfte geschrumpft. „Der wichtige Tumormarker Ca 19-9 sank von 15.000 Einheiten pro Milliliter Blut auf 150, später sogar auf 77 Einheiten“, erklärt Welsch. Schon eine Halbierung sei ein Erfolg. Der große Schritt hat alle überrascht.

Im März war Manfred Taeger stabil genug für die OP. „Ich hatte schon Bedenken, dass ich wegen der Coronafälle nicht operiert werde. Doch es ging alles gut.“ In einer mehr als achtstündigen Operation wurden ihm die komplette Bauchspeicheldrüse, die Milz, der Zwölf-Finger-Darm und vier Fünftel des Magens entfernt. Die lebenswichtigen Blutgefäße konnten aus anderen Gefäßen des Körpers rekonstruiert werden. „Das ist weit mehr, als die Leitlinien vorschreiben, aber bei einzelnen Patienten gerechtfertigt“, erklärt Professor Welsch.

Ein Leben ohne Milz und ohne Bauchspeicheldrüse sei möglich. Da die Milz für die körpereigene Abwehr zuständig ist, könnte eine Impfung helfen, die Infektanfälligkeit zu senken. Die Arbeit der Bauchspeicheldrüse zu kompensieren, sei schon schwieriger, denn sie ist nicht nur für die Insulinbildung und für die Blutzuckerregulation zuständig, sie versorgt den Darm auch mit Verdauungsenzymen.

Gezielte Tiefenhyperthermie

Manfred Taeger musste neu auf diese Enzyme eingestellt werden. „Da bei der OP auch Nerven und Blutgefäße der Verdauungsorgane in Mitleidenschaft gezogen wurden, hatte er große Probleme mit dem Essen und der Verdauung.“ Auch eine nächste Chemotherapie stand an. Vier Zyklen sollen es diesmal sein. Eine Chemo nach der Operation ist bei Bauchspeicheldrüsenkrebs fast immer nötig, weil der Krebs Mikrometastasen bildet, die unbehandelt sehr schnell zu neuen Tumoren heranwachsen können.

„Nach zwei Chemotherapien ging es mir so schlecht, dass mich meine Frau inständig gebeten hat, mit der Quälerei aufzuhören. Doch ich wollte das schaffen. Deshalb stand ich die dritte Chemo auch noch durch, bei der vierten kapitulierte ich.“

Neuere Studien haben gezeigt, dass der begleitende Einsatz einer Strahlentherapie die Ansprechrate verbessern kann, sagt Dr. Gunther Klautke, Chefarzt der Klinik für Radioonkologie am Klinikum Chemnitz. „Wir müssen alle Optionen nutzen, um den Tumor operabel zu machen. Nur dann haben die Patienten eine Heilungschance.“

Deshalb setze man in Chemnitz zusätzlich auf die gezielte Tiefenhyperthermie – eine Überwärmung des Tumors, die sowohl die Wirkung der Strahlenbehandlung, als auch der Chemotherapie verstärken könne. Die immunologischen Effekte der Hyperthermie werden in Chemnitz weiter erforscht, sagt Klautke. „Wichtig ist, dass Radioonkologen und Chirurgen im Sinne des Patienten perfekt zusammenarbeiten“,sagt Professor Lutz Mirow, Chefarzt der Klinik für Viszeralchirurgie am Klinikum Chemnitz.

Immuntherapeutisch noch am Anfang

Intensiv geforscht wird außerdem an der zielgerichteten und immuntherapeutischen Behandlung von Bauchspeicheldrüsenkrebs, erklärt Professor Florian Lordick, Direktor der Klinik für internistische Onkologie am Krebszentrum der Uniklinik Leipzig. Dazu würde Tumorgewebe zellbiologisch und genetisch untersucht. „Jeder vierte Betroffene hat Genmutationen, die bereits behandelbar sind“, so Lordick. Dazu gehöre zum Beispiel ein verändertes BRCA 1- und BRCA 2-Gen, das bislang nur bei familiär bedingtem Brustkrebs eine Rolle spielte. Bei etwa jedem 20. Pankreaskrebspatienten liege diese genetische Veränderung vor. Eine Behandlung mit einem neuen Medikament nach der Chemotherapie könnte das Überleben bei guter Lebensqualität verlängern. „Viele Patienten sind sogar ins Berufsleben zurückgekehrt“, sagt er.

Immuntherapeutisch sei man aber noch am Anfang. „Die Erfolge waren bisher nicht so groß, weil Pankreaskrebs einen besonders starken Abwehrmechanismus aufweist“, so Lordick. Doch Medikamente, die den Krebs immunologisch umstimmen könnten, bahnten den Weg für diese neue Behandlungsform.

Eine zielgerichtete Therapie im Vorfeld der Operation statt einer aggressiven Chemo sei ein weiterer neuer Ansatz. Sie könnte die Belastung für die Patienten verringern und so vielleicht auch jenen Hoffnung geben, die nicht so eine gute Konstitution wie Manfred Taeger haben. Er wiegt jetzt wieder 65 Kilogramm. Doch die immer wiederkehrenden Verdauungsprobleme machen ihm noch zu schaffen. Vierteljährlich ist er zur Kontrolle im Uniklinikum. Auch heute. „Wird alles in Ordnung sein?“ Manfred Taeger ist aufgeregt. Er wird lernen müssen, mit den Einschränkungen durch seine Krankheit leben zu müssen. Vielleicht treten sie irgendwann einmal in den Hintergrund – wenn er mit seinem Segelboot auf der Elbe unterwegs ist.

Mehr Infos zum Thema Bauchspeicheldrüsenkrebs gibt es zum Download hier

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