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Ein Ort zum Sterben

Das Marien-Hospiz ist die erste Einrichtung dieser Art in Dresden. Was das Haus so besonders macht und warum es gerade hier dringend gebraucht wird.

Hospizleiter Johannes Bittner: "Niemand muss sich vor den Räumen hier fürchten"
Hospizleiter Johannes Bittner: "Niemand muss sich vor den Räumen hier fürchten" © Sven Ellger

Dresden. Wenn Susanne Friedrichs durch den lichtgefluteten Innenhof mit dem blau-weißen Strandkorb in der Ecke schlendert, hat sie ein Lächeln auf dem Gesicht. Man sieht es nicht gleich aufgrund der Maske, die sie trägt, aber das Blitzen in ihren Augen verrät es. 

"Ich bin seit 25 Jahren Krankenschwester, davon lange Zeit in der Intensivmedizin", sagt die gebürtige Nordrhein-Westfälin. Doch dass sie sich entschieden hat, die Pflegeleitung im ersten stationären Dresdner Hospiz zu übernehmen, hat mit persönlichen Erfahrungen zu tun.

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"Mein Vater ist vor neun Jahren an Krebs gestorben. Als er in ein Hospiz in Herne kam, ist mir eine Riesenlast von den Schultern gefallen", erzählt Friedrichs. Hospize sind Orte, an denen schwer kranke Menschen unter professioneller Betreuung die letzten Tage, Wochen oder Monate ihres Lebens verbringen. 

"In Geborgenheit lässt Du mich wohnen" steht an einer Wand im Flur im Marien-Hospiz geschrieben.
"In Geborgenheit lässt Du mich wohnen" steht an einer Wand im Flur im Marien-Hospiz geschrieben. © Sven Ellger

Wichtige Versorgungslücke geschlossen

Am Montag, dem 12. Oktober, beziehen die ersten von ihnen eines von zwölf Zimmern im neugebauten Marien-Hospiz des Dresdner Krankenhauses St. Joseph-Stift an der Canalettostraße. Bisher hatte Dresden als einzige deutsche Landeshauptstadt kein eigenes stationäres Hospiz. 2017 hatte eine von der Staatsregierung in Auftrag gegebene Studie ermittelt, dass in der Stadt 13 solcher Plätze fehlen.

Mit der Eröffnung wird nun eine wichtige Versorgungslücke geschlossen. In den Dresdner Krankenhäusern ist man erleichtert: "Ich denke, für uns wird sich mit der Eröffnung des Dresdner Hospizes die Wartezeit auf einen heimatnahen Hospizplatz für die Patienten der Palliativstation verkürzen. Wir können damit hoffentlich einigen Patienten den Umweg über die Kurzzeitpflege ersparen", sagt Christin Prudlo, Oberärztin am Diakonissenkrankenhaus Dresden. 

"Weg von der Fremdbestimmtheit"

Hospize seien insbesondere für diejenigen Menschen wichtig, die zu Hause nicht voll versorgt werden können oder keine Angehörigen in der Nähe haben, sagt der künftige Hospizleiter Johannes Bittner. "In jedem zweiten Dresdner Haushalt lebt ein Mensch alleine. Damit liegen wir weit über dem Bundesdurchschnitt."

Blick in das Pflegebad im Marien-Hospiz.
Blick in das Pflegebad im Marien-Hospiz. © Sven Ellger

Für Bittner ist das neue Hospiz ein Ort, an dem "gelacht und gelebt, aber auch gestorben und getrauert" werden dürfe. Und ein Ort, an dem viele Menschen nach langen Krankheitsphasen wieder selbst über sich bestimmen könnten. 

"Von außen kommt oft die Empfehlung, doch noch einen Heilungsversuch zu unternehmen. Im Hospiz geht es dann weg von der Fremdbestimmtheit", sagt Bittner. Auch bei der Gestaltung des Hauses und der Innenräume habe man sich an den Bedürfnissen der Bewohner orientiert.

Angehörige: Klammern an den letzten Rest Hoffnung

So grenzt an eine Gebäudeseite eine Kita der Lebenshilfe, im Erdgeschoss verkauft ein Bäcker Brötchen und Kuchen. Von der das Haus umlaufenden verglasten Terrasse im vierten Obergeschoss können die Hospizgäste - eine bewusste Abkehr vom Begriff des Patienten - auch im Liegen die Baumwipfel des Großen Gartens sehen oder auf den Loschwitzer Elbhang blicken. 

Kinderlachen und Kaffeeduft sollen das Gefühl geben, "mitten in der Stadt und nicht abgeschottet außerhalb" die letzte Zeit des Lebens zu verbringen. Für eine positive Atmosphäre sollen auch helle Farben und verschiedene Motive sorgen, darunter Skulpturen der 2017 verstorbenen Dresdner Künstlerin Veronica von Appen und Details wie eine Mohnfeld-Tapete im Pflegebad. 

Ein Blick auf die Terrasse im Marien-Hospiz.
Ein Blick auf die Terrasse im Marien-Hospiz. © dpa-Zentralbild

Am wichtigsten aber sei die Mitmenschlichkeit, sagt Bittner. Sein Prinzip: Es soll keine Vorgaben geben, wie etwa einen festen Tagesablauf, der in Krankenhäusern üblich ist. Die Pflegenden bringen auch mehr Zeit mit als in Krankenhäusern, auf drei Bewohner kommt eine Fachkraft.

Doch oft sind es nicht nur die Betroffenen selbst, die Hilfe benötigen. "Etwa 50 Prozent der seelischen Arbeit richtet sich an Angehörige und Freunde", so der 34-Jährige. "Denn die sind selbst oft noch nicht so weit im Kopf wie der Mensch selbst, sondern klammern sich an den Rest Hoffnung auf Heilung."

Vermutung: Darum hat Dresden erst jetzt ein Hospiz

Deshalb seien im Marien-Hospiz verschiedenste Berufsgruppen im 30-köpfigen Team. Dazu zählen Ärzte, Pflegekräfte, Seelsorger, aber auch Hausverwalter. Probleme bei der Personalsuche gab es - anders als in vielen Gesundheitsbereichen - nicht. "Nicht wenige haben auf die Ausschreibung gelauert", sagt Pflegeleitung Friedrichs.

Denn im Hospiz gebe es nicht nur genügend Zeit, um sich intensiv um Menschen zu kümmern. "Es beseelt auch", sagt Friedrichs und blickt vom Dach-Innenhof hoch zu den vorbeiziehenden Wolken am Himmel. 

Zimmer im Marien-Hospiz: Angehörige können auf der Schlafcouch übernachten, vom Bett aus blicken die Bewohner auf Dresden.
Zimmer im Marien-Hospiz: Angehörige können auf der Schlafcouch übernachten, vom Bett aus blicken die Bewohner auf Dresden. © Sven Ellger

Ganz irdisch hingegen ist der Fakt, dass kaum ein Hospiz ohne Spenden auskommt. Alleine der Bau des Gebäudes hat insgesamt 2,4 Millionen Euro gekostet. Zwar hat der Freistaat Sachsen 444.000 Euro Zuschuss geleistet, doch auch der laufende Betrieb muss stets zu fünf Prozent vom Träger finanziert werden, weil die Krankenkassen die Behandlungskosten nicht voll übernehmen.

Das sei auch einer der Gründe gewesen, weshalb in Dresden erst jetzt ein Hospiz eröffnet, heißt es hinter vorgehaltener Hand. Das Marien-Hospiz zumindest hat im Netz bereits ein Spendenportal gestartet. Denn: "Wir sind dauerhaft auf Unterstützung angewiesen", sagt Bittner.

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Aber nicht nur um Geld wirbt das Team um Bittner und Friedrichs. Auch Ehrenamtliche, die sich einbringen, sind herzlich willkommen. Kochen, Backen, Pflanzenpflege - oder Musik. Im Wohnbereich des Hospizes steht ein Flügel aus dunklem Holz, der darauf wartet, bespielt zu werden. Vielleicht gibt es dann bald ein Einweihungskonzert: Ein Cellospieler und eine Harfinistin haben schon bei Friedrichs angefragt. 

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