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Kasse bezahlt nun Nachsorge bei Parodontitis

Zahnfleischentzündungen sind zur Volkskrankheit geworden. Jetzt haben Patienten Anspruch auf eine bessere Therapie.

Alarmzeichen rot: Das Zahnfleisch blutet beim Biss in den Apfel.
Alarmzeichen rot: Das Zahnfleisch blutet beim Biss in den Apfel. © 123rf

Gesundes Zahnfleisch ist fest, rosafarben und schließt dicht an den Zähnen ab. Doch dieses Bild sehen Zahnärzte immer seltener. Etwas Blut beim Zähneputzen kann schon ein Alarmsignal sein.

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Die Zahnfleischentzündung – Parodontitis – ist eine Volkskrankheit. Jeder zweite Über-50-Jährige ist heutzutage davon betroffen. Etwa 20 Prozent von ihnen leiden sogar unter einer schweren Parodontitis. Hier hat die Entzündung schon auf Zahnwurzeln und Knochen übergegriffen. „Das ist nicht nur ein Risiko für frühzeitigen Zahnverlust, auch Herz- und Gefäßkrankheiten werden damit in Zusammenhang gebracht“, sagt Holger Weißig, Vorsitzender des Vorstandes der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Sachsens.

Die Krankheit wird durch bakterielle Beläge auf den Zähnen und in den Zahnzwischenräumen ausgelöst. Rauchen, Diabetes oder andere Stoffwechselerkrankungen lassen ebenfalls das Zahnfleisch empfindlicher werden. Ist das Zahnfleisch geschwollen und gerötet, sprechen Zahnärzte von einer Gingivitis. „Dabei handelt es sich zunächst nur um eine oberflächliche Entzündung. Diese ist umkehrbar, kann also ohne Folgeschäden ausheilen“, sagt Martin Hoy, Zahnarzt im vogtländischen Falkenstein. Hätten die Bakterien aber schon die Zahnhälse und die Zahnwurzel angegriffen oder sei bereits Gewebe- oder Knochenmasse abgestorben, liege eine fortgeschrittene Parodontitis vor, die meist nicht komplett wieder umkehrbar sei.

Deshalb muss bereits bei ersten Gingivitiszeichen eine Behandlung beginnen. „Doch im Anfangsstadium tut die Krankheit noch nicht weh, deshalb wird sie meist nicht ernst genug genommen“, sagt Holger Weißig. Studien zur Zahngesundheit zeigten, dass nicht einmal jeder dritte Anspruchsberechtigte das Parodontitis-Screening im Rahmen der prophylaktischen Zahnuntersuchung genutzt hat. Behandeln ließen sich danach sogar nur knapp zwei Prozent. Eine Nachsorge erfolgte noch seltener, zumal sie bisher nicht von den Krankenkassen finanziert wurde.

Die Wahl der richtigen Bürste ist entscheidend

Das hat sich jetzt geändert. Seit Juli haben alle gesetzlich Versicherten Anspruch auf eine bessere Therapie und Nachsorge ihrer Zahnfleischerkrankung. „Erstmals sind auch Beratungsleistungen mit enthalten“, so Martin Hoy. „Das ist aber ein sensibler Bereich, denn man muss den Patienten zeigen, wo möglicherweise Defizite liegen und wo sie noch besser werden können.“ Für ein gutes Putzergebnis sei die Wahl der richtigen Bürste entscheidend. Hoy: „Wer elektrische Zahnbürsten nicht mag, sollte Bürsten mit einem kurzen Bürstenkopf und weichen, dicht stehenden Borsten nutzen.“ Für die Zahnzwischenräume seien Interdentalbürsten und Zahnseide unerlässlich. Doch den optimalen Gebrauch müsse man üben, denn es erfordere schon etwas Geschick. Die Möglichkeit gebe es ja jetzt.

Bei der Parodontitisbehandlung war früher die offene Therapie der Goldstandard. Dabei wurden durch einen Schnitt ins Zahnfleisch unter Sicht die Zahnfleischtaschen gereinigt. Heute erfolgt das minimalinvasiv und schonend. Eine Betäubung sei trotzdem nötig, um die Entzündungsherde schmerzfrei aus den Zahnfleischtaschen zu entfernen. „Die Patienten vertrage das in der Regel sehr gut“, erklärt Martin Hoy. Nach der mechanischen Reinigung werde häufig ein antientzündliches und antibakterielles Gel in die Zahnfleischtasche eingebracht – ein möglicher Wirkstoff: Chlorhexidin. „Es gibt auch Zahnspülungen mit diesem Wirkstoff, doch sind diese nicht so nachhaltig, das heißt, sie bleiben nicht so lange an Ort und Stelle.“

Etwa eine Woche nach dieser Behandlung erfolge die erste von meist drei Kontrolluntersuchungen. „Bei diesem Termin geht es darum, wie die Behandlung vertragen wurde und ob noch Schmerzen bestehen. Nach sechs bis acht Wochen dann die zweite Kontrolle. „Hier wird geprüft, wie der Patient mit der Zahnpflege zurechtkommt und ob die Heilung gut voranschreitet.“ Mithilfe von speziellen Färbetabletten könne man dem Patienten zeigen, wo noch Plaque vorhanden ist und damit Risiken für erneute Infektionen lauern. Etwa drei Monate nach der Behandlung würden im Rahmen der dritten Kontrolluntersuchung die Zahnfleischtaschen erneut gemessen. Dazu gibt es eine spezielle Sonde. Bei einer Tiefe von mehr als fünf Millimetern müsse erneut behandelt werden. „Dann war die minimalinvasive Methode nicht ausreichend. Wir entscheiden uns dann meist für das offene Verfahren“, sagt Martin Hoy.

Regelmäßige Plaqueentfernung und Zahnreinigung

Sei die Heilung aber gut fortgeschritten, beginne die in der Regel zwei Jahre umfassende unterstützende Parodontitistherapie – die Nachsorge. Dazu gehört neben der Kontrolle der Mundhygiene auch die regelmäßige Plaqueentfernung und Professionelle Zahnreinigung, die dann von den Kassen komplett bezahlt wird. Innerhalb dieser zwei Jahre sei daher meist keine weitere Professionelle Zahnreinigung auf eigene Kosten erforderlich – es sei denn, es gibt kosmetische Gründe dafür. Martin Hoy zufolge gelinge es bei etwa 85 Prozent der Patienten, durch die Behandlung und Nachsorge die Zahnfleischtaschen entzündungsfrei zu bekommen und deren Tiefe zu verkleinern. Sei dies nicht der Fall, müsse die unterstützende Parodontitistherapie auch länger als zwei Jahre erfolgen. Das kann der Zahnarzt bei der Kasse beantragen. Allerdings gebe es in der neuen Richtlinie noch keine genauen Angaben dazu, wie oft und in welchen Zeitabständen die Parodontitistherapie auf Kassenkosten wiederholt werden kann. Von dieser individuell auf den Patienten ausgerichteten Behandlung versprechen sich Kassen und Zahnärzte einen Rückgang der Erkrankungszahl.

Um es nicht erst zu einer Parodontitis kommen zu lassen, seien regelmäßige Kontrolluntersuchungen beim Zahnarzt nötig, vor allem wenn man Diabetiker oder Raucher sei. Auf die Zahnpflege und Mundhygiene sollte großer Wert gelegt werden. Zahnspülungen, die nicht so aggressiv wirken, könnten die Bakterienlast im Mund vorbeugend senken. „Regelmäßige Mundspülungen empfehlen wir, zum Beispiel, wenn Parodontitis in der Familie schon mehrfach aufgetreten ist“, so Hoy.

Eine vollwertige, vitamin- und mineralstoffreiche Ernährung mit wenig Zucker – besonders auf Zucker in flüssiger Form ist zu verzichten – trägt außerdem zur Gesundheit des Zahnfleisches bei.

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