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Engpass bei Diabetesspritze - weil Übergewichtige damit abnehmen wollen

Das Diabetesmittel Ozempic hilft auch beim Abnehmen. Das führt zu Lieferengpässen und sogar gefälschten Rezepten in Sachsen. Nun gibt es eine Alternative.

Von Stephanie Wesely
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Ozempic hilft nicht nur bei Diabetes, sondern auch gegen Übergewicht.
Ozempic hilft nicht nur bei Diabetes, sondern auch gegen Übergewicht. © dpa

Für Michael Herzmann aus Dresden war Ozempic die Rettung. Da seine Blutzuckerwerte ständig entgleisten, musste er oft ins Krankenhaus. Seit er das Medikament spritzt, ist sein Blutzucker stabil und gut eingestellt. „Doch seit einiger Zeit ist Ozempic einfach nicht mehr zu bekommen“, sagt er. Vor allem, seit Promis mit ihren Abnehmerfolgen prahlen. Denn ursprünglich für Diabetiker entwickelt, stellte sich heraus, dass die appetitzügelnde Wirkung des Wirkstoffs Semaglutid gegen Übergewicht hilft. Nicht nur Tesla-Gründer Elon Musk pries das Ergebnis in den sozialen Medien. Seitdem ist ein Run auf das verschreibungspflichtige Medikament entstanden.

Auch Diabetiker Rolf Bäns aus Pirna leidet unter den Folgen. Das Medikament sei nicht mehr lieferbar. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte bestätigt den Engpass. Daran werde sich bis mindestens Ende August auch nichts ändern. Bäns sieht den Gesundheitsminister in der Pflicht, denn im Gegensatz zu Übergewichtigen seien viele Diabetiker auf das Mittel angewiesen. Für Letztere zahlt die Krankenkasse die Kosten von rund 300 Euro pro Monatspackung. Wer mit Ozempic Pfunde verlieren will, muss die Summe selbst aufbringen. „Bei sogenannten Lifestyle-Medikamenten ist uns die Kostenübernahme untersagt“, sagt AOK Plus-Sprecherin Hannelore Strobel.

Jeder Vierte hat Nebenwirkungen

Matthias Blüher, Professor für klinische Adipositasforschung am Uniklinikum Leipzig, war an den Studien zur Zulassung des Wirkstoffs Semaglutid beteiligt. Und er war einer der ersten, der dieses Medikament an seiner Klinik eingesetzt und sich von den Erfolgen überzeugt hat. „Aber nur bei übergewichtigen Diabetikern“, betont er. Mit einer so hohen Nachfrage habe er seinerzeit nicht gerechnet.

Allerdings sei Ozempic ein Medikament, dessen Einnahme aufgrund von Nebenwirkungen kontrolliert werden müsse. In Studien hätte jeder vierte Proband unter Übelkeit, Erbrechen, Durchfall oder Verstopfung gelitten. „Das ist ein hoher Prozentsatz“, so Blüher. Deshalb soll die Dosis über mehrere Wochen langsam bis auf 2,4 Milligramm gesteigert werden. Weniger häufig könne es zur Entzündung der Bauchspeicheldrüse, zu Gallensteinen oder Sehstörungen kommen. Eine der seltensten Nebenwirkungen sei Schilddrüsenkrebs. Blüher: „Insofern ist Ozempic keineswegs harmlos und darf auch nicht jedem Übergewichtigen verordnet werden. Extrem adipöse Patienten profitieren unseren Erfahrungen nach nicht vom Wirkstoff Semaglutid.“ Bei ihnen sei eine chirurgische Magenverkleinerung erfolgreicher.

Weniger Appetit auf Fettreiches

Durchschnittliche Gewichtsabnahmen von 15 Prozent und die Zügelung des Appetits, vor allem auf fettreiche Speisen, wecken dennoch Begehrlichkeiten. Besonders dann, wenn schon viele Diäten erfolglos waren. Weil Ärzte aber angehalten sind, das Medikament ausschließlich Diabetikern zu verschreiben, werden inzwischen sogar Rezepte dafür gefälscht. „Auch bei uns sind schon einige aufgetaucht“, sagt eine Apothekerin aus Dippoldiswalde. „Doch die Fälschungen waren für uns gut zu erkennen.“ Aufgefallen seien sie, weil die vermeintlich verordnenden Ärzte nie aus der unmittelbaren Umgebung kamen oder die Dosierung falsch war.

Diabetiker brauchten zur Blutzuckerbehandlung nämlich nur die Hälfte der Dosis, die Abnehmwillige benötigten. „Wie viele gefälschte Rezepte in Sachsen kursieren und ob manche auch erfolgreich eingelöst werden konnten, kann ich nicht sagen, weil dafür keine Meldepflicht besteht“, sagt Tobias Hückel, Vizechef der Landesapothekerkammer Sachsen. Doch das Problem werde hoffentlich bald ein Ende haben, ebenso wie die Lieferengpässe bei Ozempic. Denn seit wenigen Tagen ist ein neues Medikament mit dem Wirkstoff Semaglutid auf dem Markt – Wegovy. Wie Ozempic stammt es vom Hersteller Novo Nordisk. 200.000 Wegovy-Pens hat die Pharma-Firma Deutschland bis Jahresende zugesichert.

Gewichtsabnahme macht Sport erst möglich

Patienten können sich Wegovy aus einem Fertigpen, der aussieht wie ein Textmarker, einmal pro Woche selbst unter die Haut spritzen: am Bauch, Oberschenkel oder Oberarm. Verordnet wird das Präparat auch bei Übergewicht, wenn bestimmte Voraussetzungen gegeben sind. Erwachsene müssen mindestens einen Body-Mass-Index (BMI) 30 haben, also Adipositas. Der BMI wird aus Größe und Gewicht errechnet. Wer zum Beispiel als Mann 1,80 Meter groß ist und 100 Kilo wiegt, überschreitet die 30er-Marke knapp. Daneben kann das Mittel auch bei einem BMI ab 27 mit mindestens einer gewichtsbedingten Begleiterkrankung wie Diabetes Typ 2 verschrieben werden. Zudem bei Jugendlichen ab einem Alter von zwölf Jahren mit Adipositas oder einem Gewicht von mehr als 60 Kilo.

Die Spritzen allein sollen es aber in keinem Fall richten. Sie sollen vielmehr eine Ergänzung zu Diät und Sport sein. „Doch für viele stark Übergewichtige ist die Gewichtsabnahme die Grundlage dafür, dass sie sich wieder sportlich betätigen können“, sagt Matthias Blüher.

Wie bei Ozempic ahmt der Wirkstoff Semaglutid auch bei Wegovy die Wirkung des körpereigenen Hormons GLP-1 nach. „Es wird im Gehirn der Impuls gesetzt, dass man satt ist“, sagt der Präsident der Deutschen Adipositas-Gesellschaft, Jens Aberle. Klinischen Studien zufolge reduziere das neue Medikament die Energieaufnahme und steigere das Sättigungs- und Völlegefühl, jedoch bei gleichen Nebenwirkungen wie bei Ozempic. Von der Anwendung durch Normalgewichtige, die zum Beispiel vor einem Strandurlaub ein paar Pölsterchen loswerden wollen, raten Fachleute deshalb klar ab. Das Verhältnis von Nutzen und Risiko stimme dann nicht.

„Ein gewissenhafter Arzt würde Normalgewichtigen das Mittel nicht verschreiben“, sagt Aberle.Kassenpatienten in Deutschland, die Wegovy nutzen möchten, müssen es bezahlen. Professor Blüher zufolge fielen dabei anfangs aufgrund der niedrigeren Dosierung Kosten von 172 Euro pro Monat an. Bei voller Dosis koste der Therapiemonat 300 Euro. „Und die Gewichtsabnahme hält nur so lange vor, wie das Medikament angewendet wird. So hohe Kosten kann die Mehrzahl unserer Adipositaspatienten nicht aufbringen“, sagt er.

Kampf um Kostenübernahme

Deshalb hoffen die Ärzte darauf, dass die Kassen die Kosten zumindest für einige Adipositas-Patienten übernehmen. Die Deutsche Adipositas-Gesellschaft setzt sich für eine Kostenübernahme in Fällen ein, in denen Wegovy medizinisch angezeigt ist, etwa wenn andere Therapieoptionen nicht helfen. Matthias Blüher verweist auf die gerade erst veröffentlichte Select-Studie, die nachgewiesen hat, dass eine wöchentliche Dosis Wegovy das Risiko schwerer Herz-Kreislauf-Erkrankungen aufgrund von Übergewicht und Fettleibigkeit um 20 Prozent senken konnte. Das ist eine Voraussetzung für die Kassenübernahme. „Für unsere Adipositaspatienten wäre das eine große Erleichterung. Denn Adipositas ist besonders unter sozial schwachen Bevölkerungsgruppen verbreitet“, so Professor Blüher.

Ein Gewinn wäre es auch für Diabetespatienten wie Michael Herzmann und Rolf Bäns, die sich dann hoffentlich keine Sorgen mehr um ihre Blutzuckermedikamente machen müssten.