merken
PLUS Leben und Stil

Wann Prostatakrebs heilbar sein wird

60.000 Deutsche bekommen jedes Jahr die Diagnose Prostatakrebs. Hier erzählen zwei Sachsen von ihrer Behandlung und die Chance auf Genesung.

Zwei Ärzte, zwei Patienten, zwei Therapien: Klinikdirektor Prof. Christian Thomas (l.) und Oberarzt Dr. Tobias Hölscher (r.) mit Dirk Barthel (2. v. l.) und Sven Rosentreter (2. v. r.) auf dem Gelände des Dresdner Universitätsklinikums.
Zwei Ärzte, zwei Patienten, zwei Therapien: Klinikdirektor Prof. Christian Thomas (l.) und Oberarzt Dr. Tobias Hölscher (r.) mit Dirk Barthel (2. v. l.) und Sven Rosentreter (2. v. r.) auf dem Gelände des Dresdner Universitätsklinikums. © Thomas Kretschel

Als Sven Rosentreter nach dem Winter wieder auf sein Fahrrad stieg und seine Runden durchs Erzgebirge drehen wollte, war da plötzlich etwas anders: „Nach fünf Kilometern konnte ich kaum noch sitzen, weil es zwischen Leiste und Gesäß unheimlich schmerzte“, erinnert er sich an die Zeit vor zwei Jahren. Zu den Schmerzen gesellte sich nach ein paar Wochen ein ungewohnter Harndrang. Es folgten diverse Untersuchungen, eine Antibiotikatherapie und schließlich eine Biopsie, bis feststand: Der damals 47-Jährige hatte ein besonders aggressives Prostatakarzinom. „Die Diagnose war niederschmetternd“, sagt er.

Ähnlich reagierte auch Dirk Barthel aus Mohorn, als er die Hiobsbotschaft erfuhr: „Man fällt ins Bodenlose.“ Dabei kam die Nachricht für ihn nicht völlig unerwartet. Acht Jahre lang ist er regelmäßig zur Früherkennungsuntersuchung gegangen, nachdem bei seinem Vater ein Prostatakarzinom entdeckt worden war. „Jedes Jahr wurde der PSA-Wert getestet, und jedes Jahr stieg er an“, berichtet der 52-Jährige. Der PSA-Wert zeigt die Konzentration eines speziellen Eiweißes im Blut an und ist ein Indikator für die Wahrscheinlichkeit eines Tumors. Als der Wert im Januar die Marke von 5,4 erreichte, wurde eine Biopsie veranlasst. Sie bestätigte den Verdacht auf Prostatakrebs. Das Gute daran sei gewesen, sagt Barthel, dass nur eine von den zwölf Gewebeproben Krebszellen enthielt.

Anzeige
Pflegestudium: Bachelor & Berufsabschluss
Pflegestudium: Bachelor & Berufsabschluss

Studium und Pflegepraxis vereinen? Bewerben Sie sich bis zum 1. April 2021 an der ehs Dresden für den Bachelor-Studiengang Pflege!

Zwei Männer, das gleiche Schicksal. Prostatakrebs ist mit Abstand die häufigste Krebserkrankung bei Männern – rund 60.000 Deutsche werden pro Jahr mit dieser Diagnose konfrontiert, darunter etwa 3.500 in Sachsen. Die Zahlen steigen, weil mehr Männer die Angebote zur Früherkennung wahrnehmen. Bei der Untersuchung tastet der Arzt die Geschlechtsorgane und die Lymphknoten in der Leiste sowie die Prostata vom Enddarm aus ab. Gesetzlich Versicherte haben darauf ab 45 Jahren einmal jährlich Anspruch, bei familiärer Vorbelastung ab dem 40. Lebensjahr.

Prostatabiopsie empfohlen

Kleine oder ungünstig gelegene Tumoren bleiben dabei allerdings häufig unentdeckt. Deshalb bieten Ärzte zusätzlich den PSA-Test als Selbstzahlerleistung an; Kostenpunkt: zwischen 25 und 35 Euro. Der IGeL-Monitor der Krankenkassen bewertet den Test mit „tendenziell negativ“, weil er auch viele falsch-positive Befunde hervorbringe. Das Fazit nach Auswertung der verfügbaren Studien: „Auf einen Mann, der dank PSA-Test nicht am Prostatakrebs stirbt, kommen vermutlich 30 Männer, die unnötig behandelt werden, weil ihr Tumor zeitlebens gar nicht aufgefallen wäre.“

Anders bei Dirk Barthel: Ihm hat die regelmäßige Testung vermutlich das Leben gerettet. „Bei jüngeren Patienten, bei familiären Vorerkrankungen und bei entsprechenden Symptomen macht der PSA-Test auf jeden Fall Sinn“, sagt Professor Christian Thomas. Er leitet seit 2019 die Klinik für Urologie am Dresdner Uniklinikum und das Prostatakarzinomzentrum – eine der ersten Einrichtungen dieser Art in Deutschland.

Thomas räumt ein, dass der PSA-Wert auch bei einer gutartigen Geschwulst, einer Entzündung oder nach einer ausgiebigen Radtour ansteigen kann. „Aber das eine schließt das andere nicht aus“, betont er. Deshalb werde der Verdacht immer mit weiteren Untersuchungen abgeklärt.

Die Leitlinie empfiehlt eine Prostatabiopsie. Eine Kernspintomografie (MRT) wird als Option aufgeführt, sie ist aber noch nicht Bestandteil der Routinediagnostik. Thomas präferiert bei begründetem Verdacht zunächst das MRT, um „zielgerichtet Gewebeproben entnehmen zu können“. So wurde dann auch bei Sven Rosentreter die Diagnose Krebs bestätigt – „ein besonders aggressiver Tumor“, wie der Mann aus Eibenstock sagt. Die Ärzte veranlassten zusätzlich eine Skelettszintigrafie, die erhöhten Stoffwechsel in Knochen nachweisen kann. Tatsächlich hatte der Tumor bereits in den Hüftknochen gestreut.

Behandlung richtet sich nach Krankheitsstadium

Dirk Barthel hatte das Schicksal seines Vaters vor Augen. Er nutzte das Angebot seiner Urologin, sich am Dresdner Uniklinikum eine Zweitmeinung einzuholen. „Die Ärztin hat sich sehr viel Zeit genommen.“ Weil sie das Risiko als begrenzt einschätzte, empfahl sie zunächst vierteljährliche Kontrollen. Abwarten, Beobachten und Überwachen sind gängige Optionen, um Männer mit einem niedrigen Risiko eine Therapie und damit eventuelle unerwünschte Nebenwirkungen zu ersparen. Bei 20 bis 30 Prozent dieser Patienten geht die Strategie allerdings nicht auf – wie bei Barthel: Sein PSA-Wert stieg weiter. Eine erneute Biopsie und ein MRT im Mai offenbarten: Eine Therapie ist unvermeidlich.

Die Behandlung von Prostatakrebs richtet sich nach dem Krankheitsstadium, erläutert die Deutsche Krebsgesellschaft. Wesentliche Merkmale seien Größe und Ausdehnung des Tumors, die Beteiligung der Lymphknoten und das Vorhandensein von Metastasen. „Die erste Therapie muss passen“, betont Professor Thomas. Die relative Überlebensrate nach fünf Jahren beträgt laut Krebsregister 89 Prozent.

Gute Heilungschancen beständen, wenn der Tumor im Frühstadium erkannt wird bzw. lokal begrenzt ist. Am häufigsten entscheiden sich Ärzte und Patienten für eine Operation. Von den rund 900 Männern, die jährlich am Dresdner Prostatakarzinomzentrum behandelt werden, betrifft dies etwa 500. Bei der radikalen Prostatektomie werden die Vorsteherdrüse und die Samenblasen komplett entfernt – entweder in einer offenen OP oder minimal-invasiv mittels OP-Roboter. Vorteile der Roboter-OP seien ein geringerer Blutverlust und weniger Wundschmerzen, sagt Thomas. Außerdem gebe es Hinweise auf eine höhere Rate an Frühkontinenz – Patienten können also nach der OP früher das Wasserlassen kontrollieren. Das hat auch Dirk Barthel überzeugt. Am 17. Juni wurde er operiert – erfolgreich, wie er noch in der Klinik erfuhr: „Der Krebs hatte nicht gestreut.“ Sechs Tage später wurde er entlassen, den Urinkatheter war er da schon wieder los.

Angebot von Zweitmeinungssprechstunden

Auch Sven Rosentreter hatte sich gedanklich bereits auf eine Operation vorbereitet. Wegen der Knochenmetastasen riet man ihm aber zunächst zu einer hormonellen Kombinationstherapie. Damit wird die Bildung des Testosterons unterdrückt und das Wachstum der Krebszellen gehemmt. Zusätzlich wurden der Tumor und die Metastasen bestrahlt – insgesamt 36 Mal und mit einer „ziemlich hohen Dosis“, wie der Patient sagt. „Ich fühlte mich ziemlich schlapp, hatte Stuhldrang und Durchfall.“ Auch Hitzewallungen, eine typische Nebenwirkung von Hormontherapien, blieben ihm nicht erspart. Noch heute, ein Jahr später, bekommt er schon bei leichter körperlicher Belastung Schweißausbrüche.

Das Dresdner Prostatakarzinomzentrum berate die Patienten in enger Zusammenarbeit mit den niedergelassenen Urologen, sagt Klinikchef Thomas. „Wir bieten Zweitmeinungssprechstunden an, bei denen wir umfassend und individuell über die verschiedenen Therapieoptionen aufklären.“ Dazu gehöre auch die Bestrahlung der Prostata.

Dr. Tobias Hölscher vertritt seit 15 Jahren die Klinik für Strahlentherapie und Radioonkologie im Tumorboard, wo viele Fälle interdisziplinär beraten werden – „harmonisch“, wie Hölscher betont. Der Oberarzt verweist auf Studien, wonach eine Strahlentherapie bei mittlerem Risiko genauso effektiv sei wie eine OP. Und er zählt Vorteile auf: „Die Behandlung erfolgt ambulant, der Patient kann weiter arbeiten, die Gefahr von Inkontinenz ist geringer.“ Radioaktive Strahlen bergen allerdings die Gefahr, dass benachbarte Organe wie Blase und Darm geschädigt werden können. Der Einsatz neuer Bildgebungsverfahren wie PET-CT und PET-MRT ermöglichten ein sehr präzises Arbeiten, betont Hölscher. Auch der Einsatz von Präzisionstechnik wie Protonenstrahlgeräte könnte Risiken verringern. Die moderne Technik ermögliche zudem kürzere Behandlungszeiten: „Bei vielen Patienten genügen inzwischen vier statt sechs oder acht Wochen, jetzt testen wir sogar noch weniger Bestrahlungen.“

Resistenz gegen Hormontherapie

Neben der Strahlentherapie bieten einige Kliniken noch andere Optionen an, bei denen die Prostata im frühen Krebsstadium erhalten werden kann. Professor Thomas verweist hier auf die sogenannte HIFU-Behandlung, bei der die bösartigen Zellen mittels hochenergetischem Ultraschall gezielt erhitzt und zerstört werden. Eine andere organerhaltende Methode ist das TOOKAD-Verfahren. Hier wird mithilfe von Laser-Fasern ein über die Vene verabreichtes Medikament in dem betroffenen Teil der Prostata aktiviert. Die Blutversorgung des Tumors wird gestoppt, das befallene Gewebe stirbt ab. Allerdings gibt es für beide Verfahren keine Langzeitverläufe, die einen Vergleich mit den etablierten Therapien Operation und Bestrahlung zulassen.

Bei etwa jedem sechsten Patienten wird der Prostatakrebs erst entdeckt, wenn dieser bereits Metastasen in den Beckenlymphknoten oder Fernmetastasen gebildet hat. Gerade im letztgenannten Fall sei eine Heilung nicht mehr möglich, erklärt Thomas. „Diesen Patienten können wir nur noch palliativ helfen.“ Der Schwerpunkt der Behandlung richte sich auf die Linderung der Beschwerden und die Verlängerung der Lebenszeit.

Haben sich die Krebszellen über die Lymph- und Blutbahnen im Körper ausgebreitet, raten Ärzte zu einer multimodalen Systemtherapie. Wichtigstes Ziel sei dabei die Ausschaltung des Testosterons, um das Tumorwachstum zu bremsen. Thomas: „Dafür sind in letzter Zeit eine Menge neuer vielversprechender Medikamente – sogenannte Neuartige Hormonelle Therapien – auf den Markt gekommen.“ Allerdings entwickeln Patienten nach einigen Jahren eine Resistenz gegen die Hormontherapie. Warum, das ist eines der Themen, mit denen sich Prof. Thomas und sein Team in der Forschung beschäftigen.

Individueller Heilversuch

Neben den Neuartigen Hormonellen Therapien kommt auch eine Chemotherapie in Betracht. Selbst bei Vorliegen von Fernmetastasen könne durch eine zusätzliche Bestrahlung die Lebenserwartung signifikant verlängert werden, erklärt Thomas. Große Hoffnungen setzen Mediziner und Patienten in die PSMA-Radioligandentherapie. Diese moderne Systemtherapie, bei der viele Metastasen durch zielgerichtete Strahlenkörper gleichzeitig angegriffen werden können, soll nach Versagen von zugelassenen Therapieoptionen den Betroffenen einen zusätzlichen Lebenszeitgewinn bringen. Laut Thomas kann die Dresdner Nuklearmedizin dabei auf eine langjährige Erfahrung verweisen. Allerdings werde diese Therapie gegenwärtig noch als individueller Heilversuch eingestuft.

Sven Rosentreter kann heute wieder ohne Schmerzen Rad fahren – „auch wenn ich schneller erschöpft bin und extrem schwitze.“ Dirk Barthel geht mehrmals pro Woche joggen und nähert sich „sehr vorsichtig“ an das frühere Pensum an. Barthel gilt zum heutigen Zeitpunkt als geheilt, bei Rosentreter steht die langfristige Tumorkontrolle im Vordergrund.

Denn eine Garantie, dass der Krebs nie mehr zurückkehrt, gibt es praktisch nicht. Doch auch hier hat Christian Thomas eine gute Nachricht: Eine innovative Diagnosemethode mit dem Kürzel PSMA-PET macht aggressive Krebszellen frühzeitig sichtbar – zwar nicht zu hundert Prozent, aber deutlich besser als andere Verfahren. Einige Kassen übernehmen dafür bereits auf Antrag die Kosten.

Weitere Informationen zur Erkennung und Behandlung von Prostatakrebs: Download PDF

Betroffene berichten

Mehr zum Thema Leben und Stil