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Reden wir mal über die Darmspiegelung

Nur etwa die Hälfte aller Berechtigten nutzt Angebote zur Krebsfrüherkennung. Die AOK will jetzt Tabus brechen.

Von Stephanie Wesely
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Aufklärung mal anders: Spaziergang durch ein riesengroßes Darmmodell mit Polypen.
Aufklärung mal anders: Spaziergang durch ein riesengroßes Darmmodell mit Polypen. ©  dpa/Ralf Hirschberger

Zwei ältere Männer sitzen beim Bier. Sagt der eine: „Die stecken den Schlauch da nicht einfach nur rein. Du bekommst ein Medikament und kannst alles live verfolgen. Der Schlauch geht links und rechts. Das sieht richtig gut aus ... Solltest du auch mal machen.“ Das verdutzte Gesicht des Angesprochenen spricht Bände – denn die Darmspiegelung, um die es in dem Gespräch geht, ist vor allem für viele Männer ein Tabu.

Und die geschilderte Szene spielt sich in einem kleinen Film ab, der im Auftrag der AOK ab sofort regelmäßig im Fernsehen ausgestrahlt werden soll. „Damit wollen wir die Menschen motivieren, sich für ihre gesundheitliche Zukunft zu interessieren“, sagte der Vorstandsvorsitzende des AOK Bundesverbandes Martin Litsch am Mittwoch in Berlin. Anlass ist eine aktuelle Auswertung des Wissenschaftlichen Institutes der AOK (Wido) zur Inanspruchnahme von Krebsfrüherkennungsuntersuchungen innerhalb der letzten zehn Jahre und während der Pandemie.

So ließen bundesweit nur 43 Prozent aller anspruchsberechtigten AOK-Versicherten in den letzten zehn Jahren eine vorsorgliche Darmspiegelung vornehmen. Und das, obwohl die Koloskopie eine Erfolgsgeschichte sei, wie Dr. Gerhard Schillinger vom Stab Medizin beim AOK Bundesverband sagte. „Denn bei dieser Untersuchung können Vorformen des Krebses – sogenannte Adenome – erkannt und entfernt werden, bevor ein Tumor entsteht. Damit lässt sich Krebs sogar verhindern.“ Der Analyse zufolge konnten mit dem Darmkrebs-Screening in zehn Jahren rund 180.000 Dickdarmkarzinome verhindert werden. Bei höheren Teilnahmequoten hätten das entsprechend mehr sein können. Pro Jahr erkranken rund 58.000 Menschen an Darmkrebs.

An der Prostatakrebsfrüherkennung beteiligten sich im Schnitt 39 Prozent der Männer. Ab 45 Jahren sollte diese Untersuchung jährlich erfolgen. Doch gerade bei jüngeren Männern ist die Bereitschaft sehr gering. Nur knapp jeder Dritte, der im Jahr 2020 zwischen 54 und 70 Jahre alt war, nahm mindestens dreimal innerhalb von zehn Jahren an der Untersuchung teil. Bei den Über-70-Jährigen war es etwa jeder Zweite. Noch geringer war die Inanspruchnahme des Hautchecks. Alle zwei Jahre haben Versicherte ab 35 Anspruch darauf. Doch nur 13 Prozent der Männer und 16 Prozent der Frauen nutzten das Angebot.

Erfolgreiche Krebsvorsorge

Dass Frauen in der Regel gesundheitsbewusster sind, zeigt sich auch an den Teilnahmeraten beim Mammografie-Screening. 50 Prozent der eingeladenen Frauen nahmen in den letzten zehn Jahren mindestens vier Termine zur Röntgenuntersuchung der Brust wahr. 25 Prozent lehnen das Screening jedoch komplett ab. Bei der Gebärmutterhalskrebsvorsorge sind die Raten am höchsten. 83 Prozent der unter 40-Jährigen und 65 Prozent der unter 70-Jährigen ließen mindestens drei der fünf innerhalb von zehn Jahren möglichen Untersuchungen vornehmen. Mit großem Erfolg. Schillinger: „1971 war Gebärmutterhalskrebs mit rund 16.000 Neuerkrankungen pro Jahr in Deutschland der häufigste bösartige Tumor von jungen Frauen. Heute liegen wir bei einem Viertel dieser Zahl.“

Am stärksten brachen die Untersuchungszahlen im zweiten Quartal 2020 ein. Beispiel Mammografie-Screening: Gingen von April bis Juni 2019 deutschlandweit rund 211.000 Frauen zum Bruströntgen, waren es im gleichen Zeitraum des Jahres 2020 noch 119.000 – ein Rückgang um 43 Prozent. „In Sachsen wurde im April 2020 gerade mal eine vorsorgliche Mammografie abgerechnet“, sagt Hannelore Strobel, Sprecherin der AOK Plus. Wegen Corona sei in diesem Monat die Brustkrebsvorsorge fast vollständig zum Erliegen gekommen. Im gesamten zweiten Quartal 2020 fanden im Freistaat 48 Prozent weniger Mammografien statt, bundesweit 43 Prozent.

Doch die Frauen holten alles wieder auf. So lagen die Untersuchungszahlen im restlichen Jahr weit über denen von 2019: Im dritten Quartal gingen bundesweit knapp 83.000 und im vierten Quartal knapp 37.000 mehr zum Screening. Unterm Strich wurden im Jahr 2020 in Deutschland neun Prozent weniger Mammografien durchgeführt, in Sachsen vier Prozent weniger, so Hannelore Strobel.

Die stärksten Rückgänge und damit die schlechteste Bilanz in der Pandemiezeit gab es bei der Prostata- und bei der Hautkrebsvorsorge. Hier waren auch keine Nachholeffekte zu verzeichnen. So wurden mit 1,3 Millionen Prostatauntersuchungen im Jahr 2020 deutschlandweit etwa 100.000 weniger abgerechnet als 2019. Zum Hautkrebs-Screening gingen 2020 deutschlandweit 17 Prozent, in Sachsen 16 Prozent weniger AOK-Versicherte.

Auch wenn die Corona-Pandemie noch nicht besiegt ist, müsse niemand aus Angst vor Ansteckung auf die Krebsfrüherkennung verzichten. „Die Arztpraxen sind sehr sichere Orte. Hygienekonzepte und Schutzmaßnahmen stellen sicher, dass sich niemand dort infiziert“, so Martin Litsch. Denn erhöhte Erkrankungsraten und die zu späte Erkennung von Tumoren könnten viel Leid für Patienten bringen. „Wir können es zwar noch nicht genau quantifizieren, doch der Rückgang der Krebs-Operationen in der Pandemiezeit ist ein Hinweis, dass wir eine Bugwelle von Neudiagnosen und fortgeschrittenen Krebserkrankungen vor uns her schieben.“

Deshalb will die AOK die Krebsfrüherkennung stärker in die Öffentlichkeit bringen. Wie nötig das ist, zeigt auch eine Onlineumfrage, die AOK und Forsa-Institut im September 2021 unter 3.225 Erwachsenen durchgeführt haben. Danach sprechen 59 Prozent der Unter-34-Jährigen im persönlichen Umfeld nie über Gesundheitsvorsorge, bei den 35- bis 44-Jährigen sagen das 43 Prozent. Als Grund gibt mehr als ein Drittel von ihnen an, dass das Thema peinlich sei. Für 35 Prozent seien Gesundheitsthemen sogar tabu. Erst ab 60 ändert sich diese Einstellung.

„Unsere neuen TV-Spots sollen das Thema Vorsorge enttabuisieren“, sagt Litsch. „Sie sind überraschend und auch provokant.“ Wohl aber auch stark überzeichnet. Oder wie würden Sie reagieren, wenn der Kellner Sie fragt, ob mit dem Essen alles zur Zufriedenheit gewesen sei – und anfügt: „Bei mir ja. Die rektale Tastuntersuchung meiner Prostata hat nichts Beunruhigendes ergeben.“

Krebsvorsorge - diese Untersuchungen werden von den Kassen übernommen

  • Früherkennung für Frauen: Von 20 bis 34 Jahre jährlicher Abstrich vom Gebärmutterhals und Untersuchung der Geschlechtsorgane. Ab 30 zusätzlich jährliches Abtasten der Brust, ab 35 alle drei Jahre zusätzlich Test auf Infektion mit HP-Viren. Zwischen 50 und 69 alle zwei Jahre Mammografie-Screening. Zwischen 50 und 54 Darmkrebsvorsorge mit jährlichem Stuhltest auf verborgenes Blut. Ab 55 alle zehn Jahre Darmspiegelung.
  • Früherkennung für Männer: Ab 45 jährliche Tastuntersuchung der Prostata, der Lymphknoten und der Genitale. Ab 50 Darmkrebsvorsorge mit jährlichem Stuhltest oder alle zehn Jahre Darmspiegelung.
  • Hautkrebs-Screening: Für Frauen und Männer ab 35 alle zwei Jahre.