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Wenn der Hautkrebs schon Metastasen gebildet hat

Mathias Jatzlauk liebte das Sonnenbad – und hat jetzt das gefährliche metastasierte Melanom. Eine neue Kombinationstherapie lässt ihn hoffen.

Geht es Ihnen gut, Herr Jatzlauk? Professorin Friedegund Meier, Leiterin des Hauttumorzentrums am Nationalen Centrum für Tumorkrankheiten Dresden, nutzt die Zeit der Infusion für ein paar persönliche Worte mit dem Patienten aus Babow bei Cottbus.
Geht es Ihnen gut, Herr Jatzlauk? Professorin Friedegund Meier, Leiterin des Hauttumorzentrums am Nationalen Centrum für Tumorkrankheiten Dresden, nutzt die Zeit der Infusion für ein paar persönliche Worte mit dem Patienten aus Babow bei Cottbus. © Matthias Rietschel

Es ist eine farblose Flüssigkeit, die alle drei Wochen in die Venen von Mathias Jatzlauk läuft – und Teil einer neuen Behandlungsstrategie gegen schwarzen Hautkrebs im fortgeschrittenen Stadium. Dabei wechseln sich zielgerichtete und Immuntherapie ab. Eine große internationale Studie soll zeigen, inwiefern das die Überlebenszeit und Lebensqualität der Patienten verbessert.

Für Mathias Jatzlauk ist es etwas Besonderes, als Otto Normalbürger so im Zentrum der Wissenschaft zu stehen und vom Fortschritt profitieren zu können. Denn beim Melanom, wie der schwarze Hautkrebs genannt wird, kann Abwarten tödlich sein. Dieser Krebs bildet frühzeitig Metastasen und streut dabei häufig ins Gehirn. So auch bei dem 50-Jährigen, der aus Babow bei Cottbus stammt.

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Hautkrebs ist mit knapp 300.000 Neuerkrankungen im Jahr die häufigste Krebsart in Deutschland. Die meisten Patienten leiden am weißen Hautkrebs, jeder zehnte jedoch hat ein Melanom. Allein in Sachsen erhielten nach Hochrechnungen der AOK Plus 2018 knapp 11.000 Männer und etwa 12.000 Frauen erstmals eine Hautkrebsdiagnose.

In den nächsten Jahren rechnet das Gemeinsame Krebsregister mit einem Anstieg um etwa 40 Prozent. „Das hat auch mit der Altersstruktur im Freistaat zu tun. Denn je älter die Menschen werden, umso mehr UV-Strahlung haben sie in ihrem Leben abbekommen“, sagt Professorin Friedegund Meier, Leiterin des Hauttumorzentrums am Nationalen Centrum für Tumorkrankheiten (NCT) Dresden. „Hinzu kommt, dass vor 40 oder 50 Jahren der Sonnenschutz längst nicht so wichtig war wie heute. Auch vom Lichtschutzfaktor wussten die wenigsten.“

Fortgeschrittener Krebs muss kein Todesurteil sein

Mathias Jatzlauk nickt. Als Kind sei er viel in der Sonne gewesen, denn seine Eltern waren FKK-Anhänger. Oft sei er auf der Liege eingeschlafen und dann hochrot aufgewacht. „Damals hieß es, wenn man einen richtigen Sonnenbrand hatte, verbrennt man sich danach nicht mehr. Das ist natürlich gefährlicher Quatsch.“ Um die Bräunung zu intensivieren, wurde sogar Nussöl auf die Haut geschmiert. „Wir fühlten uns wie die Plinsen im Tiegel“, sagt er. Mit der Krankheit habe er wohl die Quittung dafür bekommen.

Mit der ABCD-Regel schwarzen Hautkrebs erkennen: A wie Asymmetrie. Muttermale, die keine runde gleichmäßige Form haben, sondern asymmetrisch aussehen, sollte man ärztlich untersuchen lassen.
Mit der ABCD-Regel schwarzen Hautkrebs erkennen: A wie Asymmetrie. Muttermale, die keine runde gleichmäßige Form haben, sondern asymmetrisch aussehen, sollte man ärztlich untersuchen lassen. © Deutsche Krebsgesellschaft

Im Juni 2016 entdeckte seine Frau bei ihm am Gesäß einen dunklen Fleck mit unregelmäßigem Rand. „Ich solle sofort zum Arzt gehen, meinte sie. Doch ich habe auf einen Hautcheck gewartet und die Sache erst mal aufgeschoben“, sagt Jatzlauk. Danach musste aber alles sehr schnell gehen. Die Gewebeprobe, die im Krankenhaus entnommen und pathologisch untersucht wurde, sei bösartig gewesen. Zum Glück wurden aber weder in der Computertomografie (CT), noch in der Magnetresonanztomografie (MRT) Metastasen entdeckt.

„Die Ärzte entfernten die Stelle am Gesäß und wenig später die beteiligten Lymphknoten in der Leiste.“ Alle paar Wochen erfolgten eine Kontrolle der Tumormarker sowie CT- und MRT-Aufnahmen. „Zwei Jahre lang war alles gut, weder Chemo- noch andere Therapien waren nötig.“ Doch offenbar seien noch Krebszellen im Körper verblieben. Denn im Juli 2018 schnellte plötzlich der Tumormarker in die Höhe. In CT und MRT zeigten sich Metastasen im Gehirn, im Bauch, in der Niere und im Bein. „Das war ein Schock. In solchen Momenten rückt alles andere in den Hintergrund“, sagt er.

Als ausgebildeter medizinisch-technischer Laborant konnte Mathias Jatzlauk mit den Untersuchungsergebnissen etwas anfangen. „Ich habe viel darüber gelesen und verstanden, dass auch mein fortgeschrittener Krebs kein Todesurteil sein muss. Ich sah eine Chance.“

Mit der ABCD-Regel schwarzen Hautkrebs erkennen: B wie Begrenzung. Die Ränder von harmlosen Muttermalen sind oft scharf begrenzt. Wirken die Ränder verwaschen oder ausgezackt, ist das ein Warnsignal.
Mit der ABCD-Regel schwarzen Hautkrebs erkennen: B wie Begrenzung. Die Ränder von harmlosen Muttermalen sind oft scharf begrenzt. Wirken die Ränder verwaschen oder ausgezackt, ist das ein Warnsignal. © Deutsche Krebsgesellschaft

Die Hirnmetastase, die sich im Hinterkopf befand, konnte operativ entfernt werden. Hirnmetastasen werden oft zusätzlich zur medikamentösen Behandlung operiert und bestrahlt, sagt die Professorin. „Denn Medikamente schlagen im Gehirn nicht so gut an.“ Der Körper schützt seine lebenswichtigen Nervenzellen unter anderem durch die Blut-Hirn-Schranke. Sie verhindert, dass schädliche Stoffe, aber eben auch Medikamente ins Gehirn vordringen können. Die verbliebenen Metastasen sollten bei Jatzlauk durch eine neue kombinierte Therapie zurückgedrängt werden.

Seit einigen Monaten erhält er nun die zielgerichtete Therapie und die Immuntherapie nach einem speziellen Schema. Das Besondere an Immuntherapien ist, dass sie nicht wie Bestrahlung, Chemotherapie oder Operation direkt gegen den Krebs gerichtet sind, sondern das Immunsystem darin unterstützen, den Krebs zu bekämpfen. Für die Erfindung der Immuntherapie haben zwei Wissenschaftler aus den USA und aus Japan Ende 2018 den Medizin-Nobelpreis bekommen.

Mit der ABCD-Regel schwarzen Hautkrebs erkennen: C wie Color. Die Farbe einer Hautveränderung ist ein wichtiges Kriterium. Auffällig sind Wechsel zwischen hell und dunkel, rosa oder grau/schwarz.
Mit der ABCD-Regel schwarzen Hautkrebs erkennen: C wie Color. Die Farbe einer Hautveränderung ist ein wichtiges Kriterium. Auffällig sind Wechsel zwischen hell und dunkel, rosa oder grau/schwarz. © Deutsche Krebsgesellschaft

Die zielgerichtete Behandlung indes ist gegen einen veränderten und ständig aktiven Signalübertragungsweg in der Krebszelle gerichtet. Sie hemmt damit die Vermehrung der Krebszellen. Aktuell laufen weltweit Studien, die Kombinationen und Abfolgen dieser beiden Therapierichtungen untersuchen. Daran ist auch das Hauttumorzentrum des NCT Dresden beteiligt. „Die Kombination der Verfahren ist effektiver, hat aber häufig viel mehr Nebenwirkungen“, so Professorin Meier. Denn die neuen Immuntherapien können das Immunsystem so stark aktivieren, dass auch gesundes Gewebe angegriffen werden kann. Es gelte, die richtige Balance zwischen Stimulierung und Hemmung des Immunsystems zu finden. „Die Liste mit solchen Nebenwirkungen war lang“, so Jatzlauk. „Ich sagte mir immer, dass ich das alles bekommen kann, aber nicht muss.“

„Wir geben unseren Immuntherapiepatienten einen Therapiepass in die Hand. Darauf ist vermerkt, welches Medikament gegeben wird, dass immunvermittelte Nebenwirkungen lebensgefährlich sein können und wer im Fall dieser Nebenwirkungen kontaktiert werden kann“, sagt die Professorin.

Um künftig allen in Sachsen, unabhängig vom Wohnort, eine leitliniengerechte Hautkrebsbehandlung auf dem neusten Stand zu ermöglichen, hat das Hauttumorzentrum begonnen, gemeinsam mit Hautärzten und Onkologen ein Netzwerk aufzubauen. Gerade die neuen Immuntherapien erforderten ein gutes Nebenwirkungs-Management. Deshalb soll der Austausch untereinander gefördert werden.

Mit der ABCD-Regel schwarzen Hautkrebs erkennen: D wie Durchmesser. Verdächtig sind Muttermale, die größer als zwei bis sechs Millimeter und halbkugelig erhaben sind.
Mit der ABCD-Regel schwarzen Hautkrebs erkennen: D wie Durchmesser. Verdächtig sind Muttermale, die größer als zwei bis sechs Millimeter und halbkugelig erhaben sind. © Deutsche Krebsgesellschaft

Im Mai dieses Jahres begann man mit monatlichen Telefonkonferenzen und einem telemedizinischen Tumorboard, um Befunde vorzustellen und interdisziplinär zu besprechen. Ziel soll es sein, Patienten zum Beispiel im Hauttumorzentrum auf eine neue Therapie einzustellen, sie aber dann in Wohnortnähe weiterzubehandeln. Dass immer weniger Hautarztpraxen – vor allem auf dem Land – einen Nachfolger finden, erschwert jedoch die Sache.

Mathias Jatzlauk hat bisher die Behandlung gut vertragen. „Anhand der Laborwerte können wir viele Nebenwirkungen schon erkennen, bevor es zum Desaster kommt“, so Meier. Regelmäßig würden auch Körper und Kopf per CT und MRT mit Kontrastmittel untersucht. „Bis jetzt sind keine Metastasen dazugekommen. Die Tochtergeschwulst im Bauch ist nicht mehr nachweisbar, die in Niere und Bein sind kleiner geworden. Darüber bin ich sehr glücklich“, sagt Mathias Jatzlauk.

„Sind die Studien erfolgreich, können wir Patienten wie Mathias Jatzlauk vielleicht sogar heilen“, sagt Friedegund Meier. Vor 2011 betrug die Fünf-Jahres-Überlebensrate beim metastasierten Melanom weniger als 15 Prozent, heute über 90 Prozent. Doch auch heute gibt es noch Melanome, denen die Medizin noch nicht viel entgegensetzen kann. „Zum Beispiel, wenn sie an der Schleimhaut auftreten, oder in der Aderhaut des Auges“, so die Professorin. Doch ständig kämen neue Medikamente auf den Markt, die Hoffnung machen.

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