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Wenn Mama nicht mehr kann

Ohne die Mütter funktionieren die meisten Familien nicht. Wie ihnen geholfen wird, zeigt ein Beispiel aus Chemnitz.

Trotz schwerer Krankheit will Sophie Gerber (3.v.r.) zu Hause bei ihren Kindern sein. Deshalb bekommt sie Unterstützung von Anne Pusch (2.v.r.) und Daniela Büttner (rechts) vom Notmütterdienst.
Trotz schwerer Krankheit will Sophie Gerber (3.v.r.) zu Hause bei ihren Kindern sein. Deshalb bekommt sie Unterstützung von Anne Pusch (2.v.r.) und Daniela Büttner (rechts) vom Notmütterdienst. © Uwe Mann

An den sieben großen Steinbuchstaben ist sie mit ihren beiden Kleinen am liebsten. „ZUHAUSE“, steht da, mitten im Chemnitzer Stadtzentrum. Doch seit sechs Monaten schafft es Sophie Gerber nicht mehr ohne Hilfe. Die 33-Jährige leidet an fortgeschrittenem Brustkrebs; er hat bereits in die Lunge gestreut. „Die Behandlung ist sehr kräftezehrend. Da brauche ich viel mehr Ruhe als vorher“, sagt sie. Deshalb stehen ihr nun zwei „Notmütter“ zur Seite – bei der Kinderbetreuung und im Haushalt. „Seit 2018 gibt es diesen Verein. Ich bin sehr dankbar dafür.“

Ende Januar wurde bei der jungen Mutter – ihr kleinstes Kind war gerade drei Jahre alt – der Tumor festgestellt. Als sie für längere Zeit auszufallen drohte, kündigte ihr auch noch der Arbeitgeber fristlos. „Ich war selbst als Krankenschwester in der Onkologie tätig. Mit einer solchen Reaktion hätte ich nie gerechnet.“ Zur Angst um ihre gesundheitliche Zukunft und um die ihrer Kinder kamen Existenzsorgen. „Ich ging zwar gerichtlich gegen die Kündigung vor, bekam aber dadurch keinen Lohn und auch kein Arbeitslosengeld. Damit war ich auch nicht mehr krankenversichert.“ Sophies Mann, der in einem Fahrradladen beschäftigt ist, war wegen Corona in Kurzarbeit. So konnte er sich um alles kümmern, während sie im Krankenhaus war. Doch das Geld fehlte hinten und vorne.

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Mindestens ein Kind unter zwölf Jahren

„Durch meine Erkrankung sind wir als Familie und mit unseren Freunden noch fester zusammengerückt“, sagt Sophie Gerber und berichtet von einem Spendenaufruf, den ihre Freunde für sie starteten. Es sei so viel Geld zusammengekommen, dass sie die finanziell schwere Zeit überstehen konnten. „Den Prozess gegen meinen Arbeitgeber habe ich auch gewonnen, aber ich bin natürlich sehr verletzt.“ Als Sophies Mann wieder arbeiten konnte, ihr die Chemotherapie aber weiterhin stark zusetzte, musste sie sich Hilfe suchen.

„Es ist für viele Mütter eine große Hürde, sich einzugestehen, dass sie es selbst nicht mehr schaffen, ihre Kinder und ihren Haushalt zu versorgen“, sagt Daniela Büttner, Leiterin des Vereins Notmütterdienst Chemnitz. „Wir haben höchsten Respekt vor jeder Mutter, die sich an uns wendet und um Hilfe bittet.“

Der Notmütterdienst ist ein Leistungsanbieter im Bereich Haushalthilfe. Das Geld kommt von den Kranken- und Pflegekassen, Rentenversicherungen oder Stiftungen. Einen Anspruch darauf haben Versicherte, denen aufgrund einer schweren Erkrankung, stationären Behandlung, Schwangerschaft oder Reha die Weiterführung des Haushalts und die Versorgung der Kinder nicht möglich ist. Im Haushalt muss dazu mindestens ein Kind unter zwölf Jahren oder ein behindertes Kind leben. Zudem muss gesichert sein, dass niemand anders aus dem Haushalt die Aufgabe übernehmen kann.

Die Idee des Notmütterdienstes

Die AOK Plus hat im Jahr 2019 in Sachsen rund 7.000 Anträge auf Haushalthilfe genehmigt, informiert Kassensprecherin Hannelore Strobel. Die Versicherten können dabei wählen, ob ihnen eine befreundete Privatperson oder ein karitativer Dienst helfen soll. „Hilfe im Haushalt und die Betreuung der Kinder sind etwas sehr Persönliches, das braucht Vertrauen“, sagt Strobel. Etwa zwei Drittel der Haushalthilfen kamen aus dem privaten Umfeld der Versicherten. Auch bei Familie Gerber. Sophies Freundin kümmerte sich um den Haushalt. Für die Kinderbetreuung kommen im Wechsel zwei junge Frauen vom Notmütterdienst. Im Grunde ist aber jeder Pflegedienst, der eine Zulassung laut Sozialgesetzbuch hat, auch für Haushalthilfe und Kinderbetreuung einsetzbar.

Daniela Büttner hat die Erfahrung gemacht, dass Pflegedienste dafür derzeit wenig freie Kapazitäten haben. „Sie sind durch die wachsende Zahl der ambulant Pflegebedürftigen sehr stark ausgelastet.“ Deshalb stelle sich ihr Verein regelmäßig bei Krankenkassen und Sozialdiensten in Krankenhäusern vor. Diese könnten betroffenen Familien dann ihren Kontakt vermitteln. „Denn die Möglichkeit einer Haushalthilfe auf Kosten der Krankenkasse ist vielen noch nicht bekannt.“

Qualifikation im Bereich Erziehung oder Mütterpflege

Daniela Büttner ist eigentlich Immobilienfachwirtin. Als ihr drittes Kind zur Welt kam, hat sie selbst Unterstützung in Anspruch genommen und gemerkt, wie gut und wichtig das ist. In der Stillberatung, die sie damals für junge Mütter angeboten hat, merkte sie, dass die Frauen oft ganz viele andere Fragen, nicht nur zum Stillen, hatten. Viele seien überlastet gewesen. So absolvierte sie eine Ausbildung in der Mütterpflege und startete einen neuen beruflichen Weg im Notmütterdienst. 36 Frauen – vom Azubi bis zur Rentnerin – seien derzeit freiberuflich im Raum Chemnitz als Notmütter tätig. Als Leiterin braucht sie eine fachliche Qualifikation im Bereich Erziehung oder Mütterpflege, ihre Mitstreiter nicht. „Ein sauberes polizeiliches Führungszeugnis und viel Liebe zu dieser Aufgabe reichen.“

„Zu unseren Aufgaben gehört das Alltägliche, wie Einkaufen, Wäsche waschen, Essen zubereiten, Aufräumen, Küche und Bad säubern“, erklärt Daniela Büttner. Bei der Kinderbetreuung spreche man sich ab, worauf es den Eltern ankommt. Zum Beispiel würden Kinder zur Kita oder Schule gebracht und von dort wieder abgeholt, bei Arztterminen oder Freizeitaktivitäten begleitet, die Erledigung ihrer Hausaufgaben kontrolliert, sie auch mal zu Freunden zum Spielen gebracht. Oder die Notmütter spielen selbst mit ihnen – auf dem Spielplatz und zu Hause. Maximal acht Stunden am Tag dürfen die Helfer für die Familien tätig sein.

Maximal 26 Wochen Hilfe

„Ich schaffe es meist nicht länger als zwei Stunden, mich mit den Kindern zu beschäftigen. Da sind mir die Notmütter eine große Hilfe. Die Kinder haben auch schon eine sehr enge Beziehung zu ihnen aufgebaut“, so Sophie Gerber. Die Verbindung bleibe, sagt Daniela Büttner, auch wenn die Unterstützung befristet ist. „Zu einigen Familien haben wir immer noch einen intensiven Kontakt.“ Eine Haushalthilfe werde maximal 26 Wochen für die gleiche Krankheit gewährt, in besonders prekären Fällen könne auch eine Verlängerung erfolgen. Familie Gerber hat die 26 Wochen fast schon ausgereizt. „Ich hoffe ja immer, dass die Belastungen durch die Therapie wieder nachlassen und ich mich wieder um alles selbst kümmern kann.“

Was die Krankheit bedeutet, weiß Sophie Gerber durch ihren Beruf. „Es gibt gute Bücher, wie man Kindern die Krankheit erklären kann. Mein großer Sohn hat in seinem Freundeskreis auch schon Todesfälle durch Krebs mitbekommen.“ Doch der Krebs sei nicht ständig Thema in der Familie. Man lache viel, und Kinder seien da ohnehin pragmatischer. So habe sie ihrem Kleinsten kürzlich gesagt, dass sie ihn für immer und ewig liebe. Seine Antwort darauf: „Auch wenn du gestorben bist?“

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Eine so schwere Krankheit und die ganzen negativen Folgen, etwa die gerichtliche Klage, seien zwar eine Herausforderung, „Ich sehe mich deshalb aber keineswegs vom Unglück verfolgt. Teilweise trifft sogar das Gegenteil zu.“ Durch ihre Erkrankung sei ihr auch viel Gutes widerfahren, sagt Sophie Gerber. „Es gab und gibt eine Welle der Solidarität, des Mitgefühls und der Unterstützung. Wir leben bewusster, dankbar und auch hoffnungsvoll.“

So gibt es Hilfe:

Um Hilfe im Haushalt und bei der Kinderbetreuung von der Kasse zu bekommen, ist ein ärztliches Attest über die Notwendigkeit erforderlich.

Ein Antragsformular gibt es bei der Kasse. Attest und Antrag werden eingereicht, parallel dazu ein Leistungserbringer gesucht. Karitative Dienste oder Nachbarschaftshelfer kommen zum Beispiel dafür infrage.

Der Leistungserbringer rechnet direkt mit der Kasse ab. Der Versicherte trägt einen Eigenanteil von maximal zehn Euro pro Verordnung, sofern er nicht von Zuzahlungen befreit ist.

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