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„Wir hatten Leukämie – und leben jetzt mit Spenderblut“

Die Behandlung von Blutkrebs ist kräftezehrend. Zwei Sachsen erzählen, dank welcher neuer Therapien sie es geschafft haben.

Bei ihrem Termin im Klinikum Chemnitz haben sie sich viel zu erzählen. Julia Götze und Siegfried Hofmann aus Südwestsachsen hatten Leukämie.
Bei ihrem Termin im Klinikum Chemnitz haben sie sich viel zu erzählen. Julia Götze und Siegfried Hofmann aus Südwestsachsen hatten Leukämie. © Toni Söll

Bei einem Kontrolltermin im Klinikum Chemnitz treffen sie sich wieder – Julia Götze aus dem Erzgebirgskreis und Siegfried Hofmann, der aus einer Stadt im Zwickauer Land kommt. Sie verbindet das gleiche Schicksal: Vor fast zwei Jahren erkrankten sie an Blutkrebs (Leukämie). Nach einer Stammzelltransplantation fließt in ihnen das Blut ihrer Spender, nicht mehr ihr eigenes. Doch die Umstände ihrer Erkrankung können unterschiedlicher nicht sein.

Julia Götze ist jetzt 38 Jahre alt und war mit ihrem dritten Kind schwanger, als die Blutwerte plötzlich aus dem Lot gerieten. „In der Schwangerschaft ist das nicht ungewöhnlich“, sagt Dr. Mathias Hänel, Chefarzt der Klinik für Hämatologie und Onkologie am Klinikum Chemnitz. Eisenpräparate und Bluttransfusionen brachten aber keine Besserung. „Ich hatte nach der Geburt panische Angst, meine Kinder allein zurücklassen zu müssen“, sagt Julia Götze.

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Auch Siegfried Hofmann war glücklich, seinen Lymphdrüsenkrebs, an dem er 2012 erkrankte, überstanden zu haben. Der heute 66-Jährige konnte wieder arbeiten, fühlte sich gesund uns leistungsfähig. Doch nach sechs Jahren ging es mit ihm bergab: Schweißausbrüche in der Nacht, Schwäche, Fieber, Schmerzen am ganzen Körper und ein unerklärlicher Blutzuckeranstieg. Siegfried Hofmann ahnte zwar, dass der Krebs zurückgekommen sein könnte, die Gewissheit zog ihm dann aber doch die Beine weg. „Etwa ein bis drei Prozent der Patienten mit fortgeschrittenem Lymphdrüsenkrebs entwickeln nach Jahren eine Leukämie“, sagt Hänel. Denn bestimmte Medikamentengruppen, die gegen Lymphdrüsenkrebs sehr gut wirksam seien, hätten diese mögliche Nebenwirkung. „Ziel klinischer Studien ist, die Nebenwirkungen und damit die Leukämiefälle zu verringern.“

Höheres Risiko durch Strahlung und Giftstoffe

Leukämie tritt vergleichsweise selten auf. Die Deutsche Krebshilfe registriert rund 15.000 Erkrankungen pro Jahr – das entspricht etwa drei Prozent aller Krebserkrankungen. Hochrechnungen der AOK Plus zufolge bekamen 2018 in Sachsen 1.500 Männer und 1.400 Frauen erstmals diese Diagnose. Es gibt zwei Erkrankungsgipfel: im Kindesalter und ab 70.

Bei einer Leukämie werden plötzlich massenhaft unreife und nicht funktionstüchtige weiße Blutkörperchen gebildet. Sie verdrängen zunehmend die Zellen der normalen Blutbildung. Beim gesunden Menschen werden ständig alte Blutzellen durch neue ersetzt. Der Prozess läuft im Knochenmark ab. Ausgangspunkt für neue Blutzellen sind unreife Vorläuferzellen – auch Stammzellen genannt. „Was den Ausschlag gibt, dass die Blutzellbildung entartet, ist nicht abschließend geklärt“, sagt Professor Martin Bornhäuser, Direktor der Klinik für Hämatologie am Uniklinikum Dresden. Gesichert sei, dass der Kontakt mit radioaktiver Strahlung und mit Giftstoffen, zum Beispiel Pflanzengiften, das Risiko für Leukämie erhöht. Auch im Alter käme es zunehmend zu Fehlsteuerungen.

Dank neuer Zell- und Immuntherapien und größerer Erfahrung mit Stammzelltransplantationen sei die Prognose bei Leukämie in den letzten Jahren deutlich besser geworden. Die Fünf-Jahres-Überlebensraten schwanken jedoch sehr stark zwischen acht und 95 Prozent. Je jünger und körperlich fitter der Patient ist, desto günstiger. Im Schnitt erreicht heute jeder zweite Patient unter 60 und etwa jeder fünfte über dem 60. Lebensjahr die komplette Remission. Das heißt, der Krebs ist im Blut und Knochenmark nicht mehr nachweisbar.

Frühzeitig über Stammzelltransplantation entscheiden

Um Patienten noch erfolgreicher behandeln zu können, haben sich die Kliniken in Chemnitz und Dresden zu einem gemeinsamen Zentrum für Zell- und Immuntherapie zusammengeschlossen. Es gehört zu den größten Einrichtungen in Deutschland und in Europa. Davon haben auch Julia Götze und Siegfried Hofmann profitiert.

So zeigte eine molekulargenetische Untersuchung bei Julia Götze, dass ihre Leukämiezellen nicht dauerhaft auf eine Chemotherapie ansprechen. Für sie stand damit fest, dass sie eine Stammzellspende benötigt. Sie hoffte auf ihre drei Geschwister, doch keines von ihnen war als Spender geeignet. Da sich in den letzten Jahren aber sehr viele Menschen als Stammzellspender registrieren ließen, wurde auch für Julia Götze schnell ein Fremdspender gefunden, dessen Gewebemerkmale fast mit ihren übereinstimmten. „Die Hälfte aller intensiv behandelten Leukämiepatienten könnte ohne Stammzellspende nicht geheilt werden“, sagt Mathias Hänel. Es sei wichtig, bereits frühzeitig zu erkennen, ob eine solche Transplantation nötig ist. Geschehe dies erst nach einem Rückfall nach zunächst erfolgreicher Chemotherapie, sinke die Erfolgsrate. Die Behandlung sei zudem komplikationsreicher. Deshalb sollten Patienten eine Klinik mit Erfahrung wählen.

Siegfried Hofmann hatte zunächst gute Voraussetzungen, um mit einer Chemotherapie geheilt zu werden. Doch während der Behandlung wurde seine Leber durch eine Pilzinfektion geschwächt. Auch seine Nieren arbeiteten nicht mehr, sodass er eine Dialyse brauchte. Da die Chemotherapie die Immunabwehr herabsetze, seien solche Komplikationen möglich, so Hänel. Die Chemo musste abgebrochen und die anderen Erkrankungen über Wochen behandelt werden. In dieser Zeit kam die Leukämie umso heftiger zurück. Die einzige Hoffnung war auch für ihn eine Stammzellspende. Hofmann hat einen Zwillingsbruder. „Da der gegen die Leukämie gerichtete Immuneffekt bei eineiigen Zwillingen aber eher gering ist, sind sie als Spender weniger gut geeignet“, so Mathias Hänel. Hilfe kam von Hofmanns Schwester.

"Das Schlimmste, was ich je erlebt habe"

Vor jeder Stammzellübertragung erfolgt eine sogenannte Konditionierung. Dabei wird mit einer intensiven Chemotherapie – manchmal auch kombiniert mit einer Ganzkörperbestrahlung – die körpereigene Abwehr fast komplett heruntergefahren, damit sie das Transplantat nicht abstößt. Zudem sollen eventuell noch vorhandene Leukämiezellen zerstört werden. „Das war das Schlimmste, was ich je erlebt habe“, sagt Hofmann. Brech-Durchfall, Schwäche, Fieber, der Geschmackssinn ging verloren, Siegfried Hofmann musste künstlich ernährt werden. „Die Ärzte haben mir immer wieder Mut zugesprochen. Ich sei fast durch den Tunnel durch, das Licht sei schon zu sehen, sagten sie. Diese Worte haben mir Kraft gegeben, durchzuhalten.“

Die Stammzellen seien dann auch gut angewachsen, und die Blutwerte wurden besser. So konnten die immunsuppressiven Medikamente, die einer Abstoßung vorbeugen, Schritt für Schritt reduziert werden. Damit kam die nächste Komplikation: Das mit den Stammzellen der Spenderin übertragene Immunsystem hat den Körper von Siegfried Hofmann teilweise als fremd erkannt und bekämpft. „Wir nennen das eine Transplantat-gegen-Wirt-Reaktion. Es ist immer eine Gratwanderung für uns Ärzte, wie schnell und wie stark wir die Spenderabwehr von der Leine lassen“, so Hänel. Denn einerseits werden die Immunzellen zur Abwehr der Leukämie gebraucht, andererseits können sie sich aber auch gegen den Empfänger selbst richten.

Für ältere oder vorerkrankte Patienten gibt es eine Alternative – die dosisreduzierte Transplantation. Dabei sind weniger Chemotherapie und manchmal auch eine geringer dosierte Ganzkörperbestrahlung nötig. Das verringert die Nebenwirkungen.

Immer mehr Stammzellspender

Siegfried Hofmann verbrachte sechs Monate ununterbrochen im Krankenhaus. Doch er hat die Krankheit vorerst besiegt. „Mir fehlt jetzt noch etwas die Kraft, aber es geht mir wieder gut. Ich kann mein Rentnerdasein genießen.“

Auch Julia Götze hatte schwere Wochen zu überstehen. Sie litt unter permanenten Fieberschüben. „Zum Teil über 40 Grad, über viele Tage.“ Das Fieber war eine Auswirkung der Leukämie und belastete die junge Mutter sehr. Sie hoffte auf die Stammzellspende. Zur Transplantation wurde sie nach Dresden verlegt. Die genaue Gewebetypisierung sei die Voraussetzung für eine erfolgreiche Stammzellbehandlung, so Professor Bornhäuser. Beide Kliniken führen zusammen rund 300 Stammzellübertragungen pro Jahr durch. Das ist spitze in Sachsen und in den östlichen Bundesländern.

„Die Stammzelltransplantation ist eine der tragenden Säulen der Leukämietherapie. Mittlerweile sind weltweit 37 Millionen Spender registriert – die Chance, einen geeigneten zu finden, liegt bei über 70 Prozent“, sagt Martin Bornhäuser. Vor Jahren wurden große Anstrengungen unternommen, um Nabelschnurblut von Neugeborenen für eine etwaige Stammzellspende einzulagern. Dank der hohen Spenderzahl sei das aber kaum noch notwendig.

Stammzellen spenden

Laut Deutscher Knochenmarkspenderdatei (DKMS) findet nur jeder dritte Patient innerhalb der Familie einen geeigneten Spender. Deshalb ist es wichtig, dass sich möglichst viele Menschen als Spender registrieren lassen.

In Sachsen kann man sich an die Einrichtungen der DKMS wenden: die hämatologische Ambulanz des Uniklinikums Dresden, Telefon 0351 4582583, und Klinik für Hämatologie am Klinikum Chemnitz, Telefon 0371 33344545.

Die Typisierung erfolgt über den Abstrich von der Wagenschleimhaut oder einer kleinen Menge Blut.

Die Stammzellen befinden sich im Knochenmark. Kommt eine Person als Spender infrage, erhält sie vorher einen hormonähnlichen Stoff, der die Bildung von Stammzellen anregt. Diese werden dann direkt aus dem Blut gewonnen. Das Medikament kann grippeähnliche Symptome auslösen. Die operative Entnahme aus dem Beckenkamm wird nur noch selten praktiziert. Spenden kann jeder Erwachsene bis zum 55. Lebensjahr.

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Doch auch eine Stammzellübertragung sei nicht hundertprozentig. „Bei Rückfällen können neue Therapien helfen, die in unserem gemeinsamen Zentrum angeboten werden.“ Dazu gehöre zum Beispiel die Gabe von sogenannten Brücken-Antikörpern. „Sie binden die Leukämiezelle an eine Abwehrzelle und sorgen dafür, dass die Leukämiezelle vernichtet wird“, so der Professor. „Seit 2018 ist die Behandlung mit CAR-T-Zellen in Europa zugelassen“, sagt Hänel. Dazu werden dem Patienten Abwehrzellen entnommen und außerhalb des Körpers genetisch modifiziert. Sie werden auf Leukämiezellen scharfgemacht und greifen sie gezielt an. „Dieses Verfahren ist auch für die Behandlung anderer Krebsformen denkbar. Zum Einsatz kommt es aber zunächst nur bei Leukämie und Lymphomen, wenn andere Therapien nicht anschlagen.“ Denn Therapiekosten im sechsstelligen Bereich fielen dabei an.

Irgendwann soll es ohne Chemo gehen

Mit immer zielgerichteteren Verfahren sollen die Nebenwirkungen weiter reduziert werden. „Wir wollen irgendwann einmal von der Chemotherapie wegkommen und den Körper in anderer Form für eine Stammzellübertragung konditionieren. Doch das wird noch dauern“, so Bornhäuser. Geforscht werde auch an einer „echten Genreparatur“. Bislang nur unter Laborbedingungen könne man defekte Genstränge mithilfe sogenannter Genscheren entfernen und durch gesunde Gene ersetzen. Die Gensequenzen würden über Shuttle-Proteine oder Viren in die Zellen gebracht. „In fünf bis zehn Jahren ist das bestimmt schon Realität“, sagt der Onkologe.

Doch auch das Menschliche darf nicht zu kurz kommen. Julia Götze konnte mit allen Fragen und Sorgen zu den Ärzten und dem Pflegepersonal kommen. Denn sie musste mental stark bleiben – für ihre Familie, ihre drei Kinder. Nach vier Monaten Behandlung konnte sie nach Hause – „Ostern 2019, mein schönstes Ostern überhaupt.“ Sie möchte ihren Spender unbedingt kennenlernen. Zwei Jahre nach der Transplantation besteht die Möglichkeit dazu. Ihre Tochter Mira bekommt von alldem nichts mit. Sie spricht und läuft – wie ein gesundes Kind eben.

www.sz-link.de/leukaemie

www.sz-link.de/hodgkin

www.sz-link.de/lymphatische_leukaemie

Die Serie "Neue Wege gegen Krebs":

Neue Krebs-Therapien haben Überlebenszeit und Lebensqualität verbessert. Eine große Serie von Sächsische.de zeigt, was heute möglich ist. Hier geht es zu allen Episoden.

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