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Giftige Emissionen verkürzen das Leben

Feinstaub. Bei der Debatte um die Gefahren halten Experten die hohenOpferzahlen für unseriös.

Von Detlef Drewes,SZ-Korrespondent in Brüssel

Es ist ein Szenario des Schreckens: Feinstaub tötet rund 65 000 Bundesbürger, sogar 310 000 Menschen in der Europäischen Union. Doch wenige Tage, nachdem München und Stuttgart als erste deutsche Städte zum 35. Mal die neuen Grenzwerte überschritten haben, beginnen nicht nur Experten an solchen Zahlenspielen zu zweifeln. Heinz-Erich Wichmann, Leiter des Institutes für Epidemiologie des GSF-Forschungszentrums für Umwelt und Gesundheit, hat die hohen Zahlen ohnehin sofort zurückgewiesen. Aber auch er spricht von immerhin bis zu 19 000 Opfern. Dr. Peter Liese, lange Jahre als Kinderarzt tätig und inzwischen CDU-Abgeordneter im Europaparlament: „Feinstaub birgt große gesundheitliche Gefahren. Aber die Zahlen sind nicht seriös. Man muss schon sehr mutig sein, um sich auf solche Angaben festzulegen.“

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Richtlinie 96/62/EG

Woher aber kommen die Zahlen dann? In der Richtlinie 96/62/EG, in der die neuen Grenzwerte festgehalten werden, finden sich keine Angaben darüber. Und auch das Umweltbundesamt umgeht in seinen Veröffentlichungen Zahlen über mögliche Opfer. Bevor die neue EU-Richtlinie in Kraft trat, hatte die Kommission (Generaldirektion Umwelt) eine Studie in Auftrag gegeben, um die Gefahren für Menschen feststellen zu lassen. „Cafe“ nennt sich das Projekt, die Abkürzung für „Clean Air für Europe“ (Saubere Luft für Europa). Ein internationales Wissenschaftler-Team hatte darin vorwiegend Ergebnisse aus den USA zusammengetragen und alle Emissionen aus Industrie, Haushalten sowie Feinstäuben sowie die Folgen von Schädigungen der Ozonschicht zusammengefasst. Fazit: Die Lebenserwartung kann durch starke Emissionen verkürzt werden.

Norbert Englert, Arzt und Leiter des Fachgebietes Umwelthygiene beim Umweltbundesamt, stellt klar: „Die Studie verweist tatsächlich nur darauf, dass durch Umweltbelastungen die Lebenszeit verkürzt wird. Es ist völlig falsch, daraus Zahlen von Todesopfern errechnen zu wollen. Wer das tut, kann in einen Topf greifen und irgendeine Zahl nennen. Jede ist irgendwie richtig.“ Der Wissenschaftler geht sogar noch weiter und stellt klar: „Durch Feinstaub sterben nicht mehr Menschen als sonst auch. Aber die, die sterben, sterben etwas früher.“ Unter den Experten ist von rund sechs bis zehn Monaten die Rede. Einige Statistiker bedienten sich, so Englert, eines Tricks und rechnen „ganz banal“ hoch: Bevölkerungszahl multipliziert mit zehn (oder sechs) Monaten geteilt durch die durchschnittliche Lebenserwartung. Fertig ist die Zahl der Todesopfer.

Unabhängig davon ist es für den Arzt und Europa-Politiker Peter Liese „völlig unzweifelhaft“, dass Krankheiten durch Emissionen wie Feinstäube ausgelöst oder gefördert würden. Und Norbert Englert vom Umweltbundesamt ergänzt: „Schadstoffe sind eine Gesundheitsgefahr. Man muss nur eben klarmachen, dass EU-weit nicht 310 000 Menschen durch Feinstäube sterben, sondern dass sie länger leben könnten, wenn die Gemeinschaft sich kraftvoller für den Umweltschutz stark machen würde.“