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Gläubige wollen die Moscheen bewachen

Irak. Die Regierung hat mit einer Ausgangssperre in Bagdad vorerst die Gemüter etwas beruhigt.

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Von Ziad HarisundGregor Mayer,Bagdad/Kairo

Wie so vieles im chaotischen Irak hat sich die außergewöhnliche, auch für den Tag geltende Ausgangssperre am Freitag nicht als eherne Regel erwiesen. Die großen Straßen waren zwar weitgehend leer, doch in den Wohnvierteln herrschte fast normales Leben.

Botschaft der Imame

Mit der Ausgangssperre zwei Tage nach der Zerstörung der Goldenen Moschee von Samarra wollte die Übergangsregierung verhindern, dass die Menschen zum obligaten Freitagsgebet strömen und den Predigten der Imame lauschen, denn diese enthalten stets auch eine politische Botschaft. So hoffte die Regierung, die blutige Gewaltwelle nach der Zerstörung des schiitischen Heiligtums eindämmen zu können. Der Anschlag von Samarra hatte einen beispiellosen Gewaltausbruch ausgelöst. Bis Donnerstag waren landesweit die Leichen von mehr als 100 erschossenen Zivilisten gefunden worden, die offenbar Vergeltungsaktionen zum Opfer gefallen waren.

Beobachter hatten sich skeptisch über die Wirkung der Ausgangssperre geäußert. Lässt sich ein gläubiger Moslem das Freitagsgebet nehmen? Einige blieben schon allein aus Angst vor Provokationen zu Hause. „Weißt du“, meinte ein ergrauter Familienvater, „da braucht nur so ein Vollidiot eine Handgranate in die Menge werfen.“

Doch viele wollten auf die wichtigste Andacht der Woche nicht verzichten. In der Abu-Hanifa-Moschee im Stadtteil Adhamija, einem der wichtigsten sunnitischen Gotteshäuser von Bagdad, fanden sich praktisch genauso viele Gläubige ein wie an einem normalen Freitag. Der Imam rief zur Einheit der Iraker auf: „Das Ausland“ – damit sind in solchen Reden die USA und Israel gemeint – „will uns spalten. Wir werden das nicht zulassen.“

Die fanatische Gewalt gegen das schiitische Heiligtum in Samarra und die entfesselte Gegengewalt gegen sunnitische Gotteshäuser hat die Menschen mit Sorge, aber auch Entschlossenheit erfüllt. In der sunnitischen Anas-Moschee im Osten von Bagdad gab es diesmal kein Freitagsgebet. Bei einem Raketenanschlag vor zwei Tagen war sie halb ausgebrannt. Trotzdem haben sich junge Männer zum Schutz vor weiteren Anschlägen in den geschwärzten Mauern versammelt. „Vielleicht kommen die wieder“, meinte einer von ihnen mit drohendem Unterton.

Gebete im eigenen Viertel

Die Maßnahme der Regierung bewirkte vor allem, dass die Menschen das Freitagsgebet diesmal in ihrem eigenen Wohnviertel verrichteten und nicht in Massen in die großen Moscheen strömten. Politiker und Kleriker aller Seiten hatten außerdem in den letzten zwei Tagen zum Gewaltverzicht aufgerufen. Die Lage hat sich dadurch beruhigt – vorerst.

Denn schon wird in den Moscheen darüber diskutiert, ob nicht die eigenen Milizen oder Bürgerwehren den Schutz der Gotteshäuser übernehmen sollten. Den US-Truppen oder den irakischen Sicherheitskräften vertraut keiner mehr. (dpa)