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Görlitz stellt seine Kaufmannsburgen aus

Ab Juli soll eine außergewöhnliche Schau auf die Hallenhäuser hinweisen. Die Stadt will damit Welterbe-Experten beeindrucken und ihre Unesco-Chancen erhöhen.

© Archivfoto: Jens Trenkler

Von Daniela Pfeiffer

Görlitz. Die Hallenhäuser sollen den Titel bringen. Zumindest sollen sie Görlitz dabei helfen, die Welterbe-Jury zu überzeugen. Und das nicht nur beim bloßen Rundgang durch die historische Altstadt, der schon beeindruckend ist. Nein, es soll alles rund um die Hallenhäuser auch noch komprimiert in einer Ausstellung geben, die ab Sommer selbst in einem solchen Gebäude zu sehen sein wird: der Brüderstraße 9.

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Hier sitzt mit dem Städtischen Kulturservice nicht nur der Organisator der Schau, sondern das Haus selbst ist ein Hallenhaus-Paradebeispiel und obendrein eins von ganz besonderer Bedeutung. Denn es ist trotz des Kulturservice im Grunde leer stehend und unsaniert. Das mag ihm gegenüber seinen hübsch heraus geputzten Nachbarn sicher einen optischen Nachteil bringen. Doch für die Forschung ist das überaus kostbar. 1993 zog der letzte Mieter aus, der Kulturservice nutzt zwar den Kern und Ursprung des Hauses als Konferenzraum, hat seine Büros aber in einem Anbau. „Wir sehen hier sogar noch Nutzungsspuren aus DDR-Zeiten: alte Lichtschalter, Tapeten, Plastedecken, sogar ein altes Bad mit Kohleofen ist noch da“, schwärmt der Görlitzer Bauforscher und Hallenhaus-Experte Frank-Ernest Nitzsche, der die Ausstellung konzeptionell betreut. 30 Jahre nach der DDR sei das hochinteressant, „und das inmitten einer so hoch sanierten Stadt“. In der sonst nur noch Fachleute erkennen, dass in Hallenhäusern 800 Jahre Baugeschichte stecken. „Und die Geschichte hält ja bis heute an, nur, dass eben die jüngeren Geschichtsphasen heute radikal herausgelöscht werden.“

Umso mehr will die Stadt mit der Ausstellung über die Häuser erzählen – über ihre bauliche Geschichte freilich, doch auch über ihre Einordnung in die Handels- und Wirtschaftsgeschichte. Das soll unter anderem ein zehnminütiger Film leisten, der zur Ausstellung gehören wird und für den die Stadt eine Produktionsfirma aus Dresden verpflichtet hat. Und zwar deshalb, weil sie mit verschiedenen Animationen arbeite, die Dokumente, Pläne, Fotos und Original-Exponate gut vermischen könne. Bürgermeister Michael Wieler verrät den Arbeitstitel des Films: „Kaufmannsburgen an der Via Regia“. Es sei ein Zitat Goethes, der zweimal durch Görlitz gereist sein soll und von den Hallenhäusern so verzückt war, dass er sie in seinen Aufzeichnungen erwähnte, und zwar als Kaufmannsburgen. „Ob das seine Wortschöpfung ist oder die Görlitzer es ihm damals so zugetragen haben, wir wissen es nicht“, sagt Wieler. „Aber wir finden es sehr passend, weil es eben den Handels- und Wirtschaftscharakter zum Baulichen bringt.“

Man glaubt, dass es das ist, was die Welterbe-Jury sich vorstellt. Zumindest sei dieser Eindruck beim letzten Kontakt entstanden. Deshalb soll die Ausstellung auch mehr sein als eine reine Fotoschau. Auch die wird aber schon hochinteressant, verspricht Wieler. Großformatige Fotos sollen in der Brüderstraße 9 dann nämlich direkt an den Wänden hängen – als wären sie damit tapeziert. Das soll den räumlichen Eindruck verstärken. Für den wird aber zurzeit noch an einem dritten Teil der Ausstellung gearbeitet: dreidimensionalen Modellen. Zwei ein bis eineinhalb Meter große Modelle, die man auch auseinandernehmen kann, wird es eben von der Brüderstraße 9 und auch vom Hallenhaus Untermarkt 3 geben. Die Vermesser dafür sind zurzeit vor Ort.

All das kostet viel Geld. Mehr als 400 000 Euro. Der Stadtrat stimmte der Finanzierung am Donnerstag zu. Der Bund steuert 165 000 Euro bei, die Sächsische Kulturstiftung 165 000 Euro. Die schriftlichen Zusagen liegen in beiden Fällen vor. Schon im Juli soll eröffnet werden. „Das ist in der Kürze der Zeit eine Herausforderung“, räumt Bürgermeister Wieler ein. Deshalb gebe es ein Team, das alles an Experten aufbietet, was es in Görlitz und darüber hinaus gibt. Neben dem Kulturservice für Organisation und Koordination sind das Jasper von Richthofen als Leiter der Städtischen Sammlungen, Stadtarchivar Siegfried Hoche, Steffen Menzel als Leiter der Oberlausitzischen Bibliothek der Wissenschaften und eben Frank-Ernest Nitzsche. Dazu eine Wissenschaftlerin aus Dresden, die sich mit der Geschichte der Häuser in der frühen Neuzeit befasst.

Die Ausstellung richtet sich an Görlitzer und Besucher, die einen Einblick in die Entwicklung des Handelswesens an der Via Regia bekommen sollen. Im September wird sie dem kritischen Blick von Experten standhalten müssen, denn dann findet in Görlitz die Kulturroutentagung des Europarates statt. All jene treffen sich dann an der Neiße, die selbst an einem historisch oder kulturell wertvollen Weg liegen – so wie Görlitz an der Via Regia. Görlitz hofft, mit Blick auf die Welterbe-Bewerbung ein Achtungszeichen setzen zu können – auch und vor allem mit der Ausstellung. Diese könnte irgendwann auch in der dann als Welterbezentrum fungierenden Dreifaltigkeitskirche gezeigt werden.