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Pfarrerin leistet Beistand zwischen Leben und Tod

Antje Kruse kümmert sich als Klinik-Seelsorgerin in Görlitz um Patienten und Angehörige. Sie hat viele Aufgaben – ab September kommt eine weitere hinzu.

Pfarrerin Antje Kruse (53) ist seit September 2020 evangelische Seelsorgerin im Städtischen Klinikum Görlitz. Diese Stelle ist auf sechs Jahre befristet.
Pfarrerin Antje Kruse (53) ist seit September 2020 evangelische Seelsorgerin im Städtischen Klinikum Görlitz. Diese Stelle ist auf sechs Jahre befristet. © Andreas Kirschke

Antje Kruses Büro im Städtischen Klinikum Görlitz liegt direkt neben der Klinik-Kapelle. Unweit davon erblicken im Kreißsaal immer wieder Neugeborene das Licht der Welt. Von der Entbindungsstation erstreckt sich das Klinikum mit seinen 1.450 Mitarbeitern bis zur Geriatrie. Es ist das größte Schwerpunktkrankenhaus nordöstlich von Dresden mit 634 Betten in 17 Fachkliniken.

„Mein Dienst ist Kirche an einem anderen Ort'“, sagt die 53-jährige Antje Kruse, die seit September vergangenen Jahres dort Klinik-Seelsorgerin ist. Als solche bleibt sie Pfarrerin der Evangelischen Kirche. So hat sie beispielsweise schon eine Not-Taufe und eine Not-Trauung an Ort und Stelle vorgenommen. Auch zu anderen Sakramenten - also beispielsweise Beichte oder Firmung - ist sie befugt. Im Klinikum arbeitet sie eng mit der katholischen Seelsorgerin Ingrid Schmidt zusammen. Andachten und Gottesdienste werden dabei auch an den Krankenbett-Bildschirm übertragen.

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Zuwendung zu Patienten und Dasein für Angehörige

Kruse wuchs in Brandenburg auf, studierte in Erfurt und Berlin Evangelische Theologie und war von 1994 bis 2017 Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Hoyerswerda-Neustadt, später verbunden als Pfarrsprengel mit Spreewitz. Immer wieder gab sie auch Religionsunterricht. Ebenso war sie tätig an der Medizinischen Berufsfachschule sowie in der Altenpflegeausbildung. Von 2017 bis 2020 verantwortete sie die Seelsorge im Lausitzer Seenland Klinikum Hoyerswerda.

Ihre Arbeit im Krankenhaus beschreibt sie so: „Das ist zum einen die Zuwendung zu den Patienten. Zweite Aufgabe ist das Dasein für die Angehörigen, die dritte die Seelsorge für das Klinikum-Personal und seelsorgerliche Gespräche mit ihnen. Vierter Punkt ist das Wirken in der Aus-,- Fort- und Weiterbildung sowie im Medizin-Ethik-Komitee des Klinikums.“ Täglich gibt es medizinethische Fragestellungen. Manchmal möchte ein Patient, der schon alt und lebenssatt ist, nur noch sterben. Er verweigert jegliche Nahrungsaufnahme. „Doch die Angehörigen möchten, dass alles Erdenkliche zu seiner Lebenserhaltung getan wird", erzählt die Pfarrerin aus dem Alltag. „Oder ein Patient möchte nicht operiert werden, tut es nur auf Druck seiner Angehörigen. Da ist ein Konflikt zwischen Patient und unterschiedlichen Angehörigen sichtbar. Das Personal sieht sich dazwischen.“

Sie kommt aus atheistisch geprägtem Umfeld

Fällt ihr die Seelsorge unter diesen Umständen nicht weit schwerer als in der früheren Kirchengemeinde? „Ich komme aus Hoyerswerda“, entgegnet die Pfarrerin. „Aus einem sehr atheistisch geprägten Umfeld. Aus der einstigen sozialistischen Vorzeigestadt.“ Im Alltag im Klinikum Görlitz, sagt sie, spreche sie eine klare lebensnahe Sprache. Patienten und Angehörige überrascht das manchmal. Sie empfinden Seelsorge als hilfreich, wenn Raum eröffnet wird für das jeweils eigene. Oft lassen sie ihren Gefühlen freien Lauf. Angst, Demut, Dankbarkeit, Freude, Trauer und Wut gehören dazu. „Diese Pandemie zeigt uns viel“, sagt die Pfarrerin.

Antje Kruses Aufgaben vor Ort sind vielfältig: Seelsorge für die Patienten, die Angehörigen und das Klinikum-Personal sowie die Aus,- Fort- und Weiterbildung und medizinethische Fragestellungen.
Antje Kruses Aufgaben vor Ort sind vielfältig: Seelsorge für die Patienten, die Angehörigen und das Klinikum-Personal sowie die Aus,- Fort- und Weiterbildung und medizinethische Fragestellungen. © Andreas Kirschke

„Sie zeigt uns Grenzerfahrungen zuhauf und wie wir damit umgehen können. Sie zeigt uns: Leben und Tod gehören untrennbar zusammen. Von heute auf morgen kann alles anders sein. Wir haben so wenig in der Hand."

Seit Juni sind Vorträge wieder möglich

Gerne arbeitet die Seelsorgerin in der Aus-, Fort- und Weiterbildung. Seit Juni sind Vorträge für die Mitarbeiter wieder möglich. Es geht um Themen wie „Psychiatrie und Seelsorge“, „Umgang mit Leiden und Sterben“ und „Ressourcenorientiert arbeiten – woher kommt meine Kraft?“

Gemeinsam mit Mechtild Guthke, Demenz-Koordinatorin im Klinikum Görlitz, startete Antje Kruse ein langfristiges Projekt. Ziel dabei ist, einen „Begleit-Koffer“ für die einzelnen Stationen zu etablieren, der vor allem das Personal in der Arbeit mit palliativen oder sterbenden Patienten unterstützen soll. Zum Inhalt gehören beispielsweise Bilder, Stand- und Finger-Kreuz, Öle, Düfte, Rosenkranz, Bibel, Segenskarten mit Worten am Lebensende, meditative Musik und anderes. „So können die Mitarbeiter eine angenehme Atmosphäre schaffen, für die besondere Situation sensibilisieren, Orientierung geben und emotionale chaotische Gefühle ordnen helfen“, sagt die Pfarrerin. „Neu gestalten wollen wir noch den Abschiednahme-Raum für Angehörige.“

Freude auf eine weitere Aufgabe

Auch das Unterrichten gehört zu ihren Aufgaben. Ab September unterrichtet sie in der Krankenhaus-Akademie des Landkreises Görlitz fünf Klassen im Fach Religion/Ethik. „Dass wir das hier in Görlitz an dieser Stelle mitprägen, ist mir wichtig“, sagt sie. Auf diese weitere Aufgabe freut sie sich. Manche Auszubildende wird sie später in deren praktischer Arbeit im Klinikum Görlitz wiedersehen.

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