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Königshainerin sieht sich als Corona-Gewinnerin

Madeleine Marksteiner arbeitet als Physiotherapeutin. Als das nicht mehr ging während der Pandemie, entdeckte sie neue Jobs für sich - sogar auf einem Rinderhof.

Madeleine Marksteiner ist Physiotherapeutin und Masseurin. Während der Pandemie arbeitete sie auch auf dem Rinderhof in Königshain.
Madeleine Marksteiner ist Physiotherapeutin und Masseurin. Während der Pandemie arbeitete sie auch auf dem Rinderhof in Königshain. © Martin Schneider

Madeleine Marksteiner fühlte sich im Vorjahr als Verliererin. Als selbstständige Physiotherapeutin stand die 45-Jährige mehrere Monate coronabedingt ohne Arbeit und Einkommen da. Doch jetzt sagt sie von sich: Ich bin eine Krisengewinnerin.

Nicht die Novemberhilfe, die sie beantragte und bekam und auch nicht die Dezemberhilfe, die sie ebenfalls beantragte, aber bislang nicht bekam, sind schuld daran.

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So wie hier Mitarbeiter der Bundeswehr half auch Madeleine Marksteiner im Görlitzer Klinikum aus.
So wie hier Mitarbeiter der Bundeswehr half auch Madeleine Marksteiner im Görlitzer Klinikum aus. © Bundeswehr/Anne Weinrich

In normalen Zeiten läuft die Massage gut

Madeleine Marksteiner bietet als gelernte Physiotherapeutin selbstständig mobile Massagen an. Das heißt, sie kommt mit der Massageliege zu den Menschen ins Haus oder in die Firma. Sie massiert auf private Rechnung, eine Abrechnung über die Krankenkasse ist nicht möglich. Bei zwei Firmen übernimmt die Firma die Kosten.

In normalen Zeiten laufe die mobile Massage richtig gut, sagt die Frau, die in Königshain zu Hause ist. Ihre Arbeitszeit sei ausgelastet. Reich wird sie dabei nach eigenen Aussagen nicht, aber sie kann von ihrer Arbeit leben. Doch 2020 sah das wegen der Pandemie und dem monatelangen Verbot von körpernahen Dienstleistungen ganz anders aus: keine Arbeit, kein Einkommen.

Erst wenige Minuten alt war dieses Kälbchen beim Fototermin. Es erblickte das Licht der Welt in einer frisch gestrichenen Box, die für die Geburt der Kälber freigehalten wird.
Erst wenige Minuten alt war dieses Kälbchen beim Fototermin. Es erblickte das Licht der Welt in einer frisch gestrichenen Box, die für die Geburt der Kälber freigehalten wird. © Martin Schneider

Ein furchtbares Gefühl: nicht gebraucht zu werden

Ende 2020 war das Gefühl, nicht gebraucht zu werden und nichts zu tun zu haben, übermächtig geworden. So bewarb sie sich beim Städtischen Klinikum in Görlitz, das dringend Helfer brauchte. Zwei Tage vor Weihnachten fing sie dort an, arbeitete auf der Station, auf der die Corona-Verdachtsfälle lagen.

"Die meisten Verdachtsfälle bestätigten sich", erzählt die Königshainerin. Hier war es ihre vorrangige Aufgabe, dem Personal Zureichungen zu machen, damit diese nicht ständig aus dem Schutzanzug heraus und wieder hineinschlüpfen mussten. Aber sie ist auch selbst mit Vollschutz bei Patienten in den Zimmern gewesen. "Allein mit ihnen zu sprechen war für sie viel wert, denn Besuch durften die Patienten nicht empfangen", erklärt Frau Marksteiner.

Ab Mitte Januar arbeitete sie in der Psychiatrie des Klinikums, weil Pflegekräfte von dort für die Betreuung der Corona-Patienten benötigt wurden. Die zweite Welle hatte zu dieser Zeit ihren Höhepunkt in Görlitz.

Bis Ende Februar lief der Aushilfsvertrag mit dem Klinikum. Madeleine Marksteiner hoffte da noch, ab März wieder ihre Massagen anbieten zu können. Doch daraus wurde nichts. Die Inzidenz lag noch viel zu hoch, sodass an solche körpernahen Dienstleistungen wie Massage ohne medizinische Verordnung bis auf wenige Wochen Ausnahme nicht zu denken war. Schon bald startete die dritte Welle der Pandemie und stürzte nicht nur den Landkreis Görlitz erneut in den Lockdown.

Aus der Not eine Tugend gemacht

Die Königshainerin machte aus der Not eine Tugend und fragte bei den Chefs vom Rinderhof am Kämpferberg in Königshain an, ob sie nicht Hilfe benötigen bei der Betreuung von etwa 400 Milchkühen. Sie brauchten Unterstützung. So stand Madeleine Marksteiner jeden Tag früh um vier Uhr auf und arbeitete ab 4.30 Uhr auf dem Rinderhof.

Sie half, die Kühe ins Melkkarussell zu geleiten, wo sie zwei Mal am Tag gemolken werden. Aber sie war auch draußen auf den Koppeln unterwegs. Kontrollierte, ob die Weidedrähte in Ordnung sind, machte sie frei von Zweigen und Unrat, der über den Winter über die Weiden gefegt worden war. Und sie verpasste den Wänden und Decken im Anbau an den Stall frische, weiße Kalkfarbe. Acht Wochen lang gehörte Madeleine Marksteiner zum Team des Rinderhofes.

Madeleine Marksteiner half mit, im Anbau an den Stall die Wände und Decken mit einem Kalkanstrich zu versehen. Hier ist der "Kreißsaal" für die Kühe zu sehen, eine spezielle Box, wo die Kühe niederkommen.
Madeleine Marksteiner half mit, im Anbau an den Stall die Wände und Decken mit einem Kalkanstrich zu versehen. Hier ist der "Kreißsaal" für die Kühe zu sehen, eine spezielle Box, wo die Kühe niederkommen. © Martin Schneider

Viel Spaß und weniger Gewicht

"Die Arbeit hat mir unheimlich viel Spaß gemacht", sagt sie. Jede Kuh habe ihren eigenen Charakter. Die Arbeit als Masseurin sei schon schwer, aber mit der der Tierpfleger nicht zu vergleichen. "Das ist viel schwerer", sagt sie und erzählt, dass sie jeden Tag zwischen 10.000 und 15.000 Schritte auf ihrem Zähler hatte. Sechs Kilogramm an Gewicht verlor sie durch die Arbeit im Stall. "Ein positiver Nebeneffekt", sagt Frau Marksteiner mit einem Lächeln. Vor allem aber schätzt sie die sozialen Kontakte, die sie mit den Tierpflegern haben konnte. "Erst wenn sie wie jetzt in der Pandemie unterbunden werden, merkt man, wie wichtig der Umgang mit anderen Menschen ist", gibt die 45-Jährige zu bedenken.

Etwa 400 Kühe geben auf dem Rinderhof am Kämpferberg in Königshain täglich frische Milch.
Etwa 400 Kühe geben auf dem Rinderhof am Kämpferberg in Königshain täglich frische Milch. © Martin Schneider

Vier neue Standbeine

Seit dem 1. Mai hat Madeleine Marksteiner ihre Tätigkeit als Masseurin wieder angemeldet. Noch darf sie nicht arbeiten, die Inzidenz ist zu hoch. Doch sie sinkt.

Allein darauf will sich die Königshainerin aber nicht verlassen. Deswegen meldete sie ein Gewerbe unter dem Motto "Helfende Hände" an. Madeleine Marksteiner bietet Lohnarbeit in Land- und Viehwirtschaft an. "Damit kann ich auf dem Rinderhof aushelfen, wenn ich gebraucht werde", erklärt sie. Demnächst wird das der Fall sein, wenn der erste Grasschnitt erfolgt und viele Hände bei dessen Einlagerung ins Silo nötig sind.

Darüber hinaus kann sie mit der Gewerbeanmeldung als Bauhelfer tätig sein und mit einem Hausmeister-Service ältere Menschen bei der Gartenpflege unterstützen. Und sie ist Alltagshelfer.

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Madeleine Marksteiner sieht sich mit diesen vier weiteren Standbeinen krisensicherer aufgestellt als nur mit der Massage. Zwar begrüßt sie die staatliche Unterstützung für Menschen, die in der Pandemie nicht arbeiten durften, aber die Unterstützung verbaut auch viel, wenn man sich allein darauf verlässt. "Ich musste kreativ werden und habe die Herausforderung angenommen, Chancen genutzt und viele Erfahrungen gesammelt", erklärt die Königshainerin. Mit ihren neuen Standbeinen und dem Gefühl, der Krise durch Kreativität und eigenes Engagement etwas Wichtiges entgegengesetzt zu haben, fühlt sie sich nun sogar als Krisengewinnerin.

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