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Das große Schweigen des mutmaßlichen Mörders

Ein junger Mann aus Eritrea soll in Görlitz eine Landsfrau vergewaltigt und ermordet haben. Schon früh im Verfahren vorm Landgericht zeichnet sich der Knackpunkt ab.

Der angeklagte Mann aus Eritrea tat alles zum Auftakt des Gerichtsprozesses, um nicht erkannt zu werden.
Der angeklagte Mann aus Eritrea tat alles zum Auftakt des Gerichtsprozesses, um nicht erkannt zu werden. © Foto: Danilo Dittrich

Der junge Mann erschien am Montagmorgen vermummt im Gerichtssaal des Landgerichts Görlitz. Kapuze, FFP2-Maske, die Hand vorm Gesicht - er tat alles, damit er sein Gesicht den zahlreichen Fotografen nicht zeigen musste.

Auch später, als die Fotografen längst den Saal verlassen hatten, gab er nichts von sich preis – außer den Angaben, dass er ledig sei, keinen Beruf habe und er bis zu seiner Verhaftung am 12. Dezember 2020 in der Görlitzer Lutherstraße gewohnt habe.

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Sein Geburtsdatum bleibt ebenso im Dunkeln und wird im weiteren Verfahren noch eine große Rolle spielen. Er selbst gibt den 1. Mai 2000 an, die Botschaft seines Heimatlandes in Deutschland nach einem Telefonat mit seiner Mutter den 8. Mai 1998. Nun steht er vor Gericht, weil die Anklage ihm vorwirft, im Dezember 2020 seine Landsfrau aus Eritrea vergewaltigt und ermordet zu haben. Zu den schweren Vorwürfen sagte er ebenfalls kein Wort. Seine Verteidigerin erklärte für ihn, dass er keine Angaben machen wolle.

Drei Mordmotive sind möglich

Die Anklage trug Oberstaatsanwältin Kerstin Nowotny vor. Der Angeklagte sei am Abend des 5. Dezember 2020, einem Sonnabend, zur Wohnung des 24-jährigen, späteren Opfers in der Görlitzer Pontestraße gegangen mit dem Vorhaben, Sex mit ihr zu haben, zur Not auch gegen ihren Willen. Die beiden Landsleute aus Eritrea hätten sich vom Sprachtreff gekannt.

Die junge Frau begann, so die Oberstaatsanwältin, auch sofort, sich zu wehren, aber der Angeklagte spielte seine körperliche Überlegenheit aus, brachte sie in der Wohnstube auf dem Rücken zu Boden, fixierte sie mit seinem Gewicht und einem Arm und benutzte die freie Hand, um sie zu entkleiden. Weil die Angeklagte schrie, griff er laut Anklage nach einem Kissen vom Sofa und drückte es seinem Opfer mit viel Gewalt ins Gesicht - bis sie erstickt war.

Danach, so lautet die Anklage, soll der Angeklagte noch den Geschlechtsverkehr vollzogen haben. Schließlich räumte er auf, reinigte auch das vergewaltigte Opfer, zog ihr frische Unterwäsche und eine Hose an, legte sie auf das Bett und deckte sie zu.

Bevor er die Wohnung seines Opfers verließ, nahm der Angeklagte laut Anklage noch einige Dinge mit, unter anderem auch eine Sparkassen-Karte samt Pin. Am 6. Dezember, 0:44 Uhr soll der angeklagte Mann aus Eritrea 150 Euro am Sparkassenautomaten auf der Berliner Straße – wohl verkleidet als Frau – abgehoben haben. Angeklagt ist die Tat als Mord, der zur Befriedigung des Geschlechtstriebes und zur Vertuschung einer Straftat geschehen sein soll. Das Gericht unter Vorsitz von Theo Dahm ergänzte in einem Hinweis noch das mögliche Mordmotiv Habgier.

Zeugin mit Zweitschlüssel fand das Opfer

Zu all dem sagte der Angeklagte also nichts. Gehört wurde bereits die Zeugin, die das Opfer zwei Tage später in ihrer Wohnung aufgefunden hatte. Die Heilpädagogin kannte das Opfer aus dem Sprachtreff für Flüchtlinge, wo sich die Zeugin engagiert, um den Ankömmlingen zu helfen, beim Ausfüllen von Formularen, beim Vereinbaren von Terminen, beim Erlernen der deutschen Sprache, aber auch, um ihnen einen Anlaufpunkt zu bieten. Dort lernte sie „Fredda“, wie die Zeugin das Opfer nannte, kennen und wurde zur Vertrauensperson.

Fredda, die den Hauptschulabschluss schaffen und später als Krankenschwester oder Altenpflegerin arbeiten wollte, bezeichnete sie als ihre „Deutschlandmutter“. Deshalb hatte die Zeugin auch einen Wohnungsschlüssel für Notfälle - für Hausmeister oder Handwerker oder falls sich Fredda versehentlich ausschließen sollte. Deshalb sei sie auch angerufen worden, als das Opfer am Montag völlig untypischerweise für das „Musterbeispiel für Integration" nicht zur Schule erschienen und weder per Telefon noch sozialen Medien erreichbar war.

Gemeinsam mit einer anderen Mitarbeiterin des Sprachtreffs fuhren sie zur Wohnung von Fredda und trafen davor den Angeklagten an, auf einer Mauer gegenüber der Wohnung sitzend. Auf die Frage, was er hier tue, antwortete er, er sei hier, weil Fredda nicht reagiere. Der junge Mann sei dann mit in die Wohnung gekommen, in der alles dunkel war, Licht nur von der Beleuchtung von außen in die Wohnstube fiel.

Dort fanden die beiden Frauen das Opfer auf dem Bett liegend, zugedeckt bis über den Kopf mit einer Decke. Sie stellten fest, dass Fredda ganz kalt war, riefen den Notdienst und verließen den Raum nach vielleicht zwei, drei Minuten wieder, wie die Zeugin schilderte. Gewundert habe sie, wie wenig emotional der damals noch unverdächtige Angeklagte reagiert habe, stattdessen auf seinem Handy herumtippte. Schließlich trafen Polizei und Notarzt ein – viel zu spät für Fredda.

Ermittlungen führten zu dem Mann, der sich bei der Vernehmung zunächst in Widersprüche verstrickte. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung wurden Gegenstände des Opfers gefunden. Er hatte den Besuch bei der Frau und den Beischlaf zugegeben und ist seit dem 13. Dezember 2020 in Untersuchungshaft.

Insgesamt sind acht weitere Verhandlungstage bis zum 29. November angesetzt, der nächste wird am kommenden Freitag sein. Neben dem Beweis für die Schuld des Angeklagten wird es dabei auch um sein Alter gehen. Es steht die Frage im Raum, ob er unter Umständen als Heranwachsender nach deutschem Jugendstrafrecht verurteilt werden muss (falls er zum Tatzeitpunkt tatsächlich unter 21 Jahre war) oder eben nicht, falls die erst Ende September eingegangene Information der Botschaft stimmt und der Angeklagte schon 22 Jahre alt war.

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