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Dieses soziokulturelle Zentrum war einst Lazarett

Das „Werk I“ hat eine alte Waggonbauhalle wiederbelebt. Doch spielte sich hier noch mehr Görlitzer Stadtgeschichte ab.

So sieht das neue Zentrum für Jugend und Soziokultur Werk I jetzt aus. Auch von außen hat die frühere Furnierhalle ihren Industriecharakter behalten.
So sieht das neue Zentrum für Jugend und Soziokultur Werk I jetzt aus. Auch von außen hat die frühere Furnierhalle ihren Industriecharakter behalten. ©  Nikolai Schmidt

Von Wolfgang Theurich

Zwei Monate ist das neue Jugend- und soziokulturelle Zentrum der Stadt Görlitz nun schon in Betrieb. Mit allem, was dazugehört. Auch die Geschichte gehört dazu.

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Die begann im Oktober 1849. Da erhielt der Sattlermeister Christoph Lüders vom Magistrat der Stadt Görlitz den Auftrag, in seiner 1828 gegründeten Wagenbauanstalt zwei schienengebundene Holztransportwagen zu fertigen. 1853 erwarb Lüders zwischen Brunnen-, Hilger- und der heutigen Christoph-Lüders-Straße ein Grundstück. Hier begann der Aufschwung zum weltweit beachteten Waggonbaubetrieb. Damals hieß er zunächst noch „Aktiengesellschaft für Fabrication von Eisenbahnmaterial zu Görlitz“. Bald schon wurde das Werksgelände weiter vergrößert. Dazu gehörte Ende des 19. Jahrhunderts auch jener Saalbau neben dem Eingang Hilgerstraße, der zur Furnierhalle wurde.

Waggons standen nie darin, hier brachten Spezialtischler Furniere aus Teak- und anderen Edelhölzern auf Waggoninnenwände auf, die dann in anderen Hallen in die Wagen eingebaut wurden, vor allem natürlich in den damals boomenden Produktzweig der Salonzüge. Erst Jahrzehnte später war diese Ära vorbei, konkret 1992, und Friedemann Dreßler vom Amt für Görlitzer Stadtentwicklung sagte noch ein paar Jahre darauf: „Wenn sie weiter keine Nutzung erfahren würde, wäre sie dem Verfall preisgegeben.“

Einige Zeitzeugen blieben dem Denkmalschutz erhalten

Diese Nutzung aber kam dank Interesse für die Jugend. 2018 wurde mit dem Teilabbruch der bereits einsturzgefährdeten Furnierhalle begonnen. Das gesamte Dach kam ebenso weg wie jeder technischer Einbau. Einige wenige Zeitzeugen blieben dem Denkmalschutz erhalten, etwa die Bestandsstützen und die Umfassungswände, andere wurden aufwendig saniert, zum Beispiel die Fenster. Drumherum wurde neu gebaut, neu ausgestattet, bis schließlich im Herbst 2020 Bauende und Übergabe erreicht waren.

2017 stellte Christian Thomas vom Verein „Second Attempt“ das Modell des neuen Görlitzer Jugendzentrums vor. Es entstand dort, wo einst die Furnierhalle des Görlitzer Waggonbaus ihren Platz hatte.
2017 stellte Christian Thomas vom Verein „Second Attempt“ das Modell des neuen Görlitzer Jugendzentrums vor. Es entstand dort, wo einst die Furnierhalle des Görlitzer Waggonbaus ihren Platz hatte. © SZ-Archiv / Pawel Sosnowski
Bis auf wenige Originalteile wurde diese alte Halle ab 2018 für das neue Zentrum abgerissen.
Bis auf wenige Originalteile wurde diese alte Halle ab 2018 für das neue Zentrum abgerissen. © Sammlung Wolfgang Theurich/Werkfoto / Stadtverwalt
Die Halle ging aber nicht nur als besonderer Betriebsteil in die Waggonbaugeschichte ein, sondern auch ob ihrer Nutzung als Lazarett im Ersten Weltkrieg.
Die Halle ging aber nicht nur als besonderer Betriebsteil in die Waggonbaugeschichte ein, sondern auch ob ihrer Nutzung als Lazarett im Ersten Weltkrieg. © Sammlung Wolfgang Theurich/Werkfoto / Stadtverwalt
Der komplette
Görlitzer Vereinslazarettzug
„J2 Görlitz Preußische Oberlausitz“ im Jahr 1915 nach seiner
Fertigstellung.
Der komplette Görlitzer Vereinslazarettzug „J2 Görlitz Preußische Oberlausitz“ im Jahr 1915 nach seiner Fertigstellung. © Sammlung Wolfgang Theurich/Werkfoto / Stadtverwalt
Im Verbands- und Apothekenwaggon des Zuges befand sich auch ein kleiner, aber für die damalige Zeit durchaus gut ausgestatteter OP-Raum.
Im Verbands- und Apothekenwaggon des Zuges befand sich auch ein kleiner, aber für die damalige Zeit durchaus gut ausgestatteter OP-Raum. © Sammlung Wolfgang Theurich/Werkfoto / Stadtverwalt

Von der früheren Nutzung der Halle sind nicht viele Belege erhalten. Eine wichtige Erinnerung aber geht zurück in die Zeit des Ersten Weltkrieges. Damals wurden in vielen deutschen Städten Lazarette eingerichtet, so auch in Görlitz, und hier unter anderem in genau jener Halle als „Vereinslazarett Nr. 4“. Damit im Zusammenhang steht sogar noch mehr, nämlich der damals von Stiftungen finanzierte Bau von Vereinslazarettzügen. Wie diese auszusehen hatten, bestimmten gemeinsame Vorschriften der Medizinischen Abteilung des Kriegsministeriums und der Königlich Preußischen Eisenbahnverwaltung.

Zug „J2“ brachte viele Verwundete nach Görlitz

Einer dieser Züge wurde im Waggonbau Görlitz hergestellt – der Lazarettzug „J2 Görlitz Preußische Oberlausitz“. Die Eisenbahndirektion Breslau stellte 38 zwei- und dreiachsige Wagen dafür zur Verfügung, die 1915 nach und nach in Görlitz eintrafen und hier nach Musterzeichnungen des Regierungsbaumeisters Tromski ausgestattet wurden. Am Ende umfasste der „J2“ 26 Krankenwagen, einen Chefarzt- und einen Arztwagen, zwei Mannschaftswagen, vier Küchen-, Vorrats- und Magazinwagen, einen Verbands- und Apothekenwaggon, zwei Heizkesselfahrzeuge sowie einen gedeckten Güterwagen. Alle Waggons erhielten an den Seiten und auf den Dächern Rot-Kreuz-Zeichen.

Der Lazarettzug konnte 258 Verwundete transportieren, dazu kamen 40 Begleitpersonen (Ärzte, Pfleger, Rechnungsführer, Küchenpersonal, Schlosser) sowie sechs Eisenbahnbeamte. In Schlauroth erfolgte die Abnahme und Übergabe des Zuges unmittelbar vor seiner ersten Tour zur Grenzstation Alexandrow weit im Osten. Doch bald schon sollte sich der Kreis schließen: Der Görlitzer Zug „J2“ bekam bis Ende des Ersten Weltkrieges noch mehrmals das Ziel Görlitz. Und so brachte der eigene Zug viele Verwundete ins „Vereinslazarett Nr. 4“, eben die alte Furnierhalle. Vielleicht findet sich eine würdige Form, im neuen Jugendzentrum auch daran zu erinnern?

Mitarbeit: Ralph Schermann

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