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Wie sich der Bahnhof Hagenwerder veränderte

Der früher mal bedeutsame Bahnhof vereinte einmal preußische und sächsische Eisenbahner. Heute ist darin eine Gaststätte.

Heute kreuzen stündlich tagsüber die Odeg-Triebwagen auf dem Bahnhof Hagenwerder. Vorn beschleunigt einer nach Zittau; dahinter steht der Triebwagen nach Görlitz.
Heute kreuzen stündlich tagsüber die Odeg-Triebwagen auf dem Bahnhof Hagenwerder. Vorn beschleunigt einer nach Zittau; dahinter steht der Triebwagen nach Görlitz. © Sammlung Wilfried Rettig

Von Wilfried Rettig

Die Einwohner des Dörfleins Nikrisch konnten am 19. Mai 1875 erstmals einen Dampfzug bewundern. Durch den Ort, der später Hagenwerder heißen sollte, führte die polizeiliche Abnahme der Strecke Görlitz – Seidenberg. Die offizielle Eröffnung fand am 1. Juli 1875 statt, dann mit Honoratioren aus Preußen und Böhmen, denn jenseits der Landesgrenze schloss sich die Süd-Norddeutsche Verbindungsbahn (SNDVB) nach Reichenberg (heute Liberec) an. Bauherr und Betreiber war die Berlin-Görlitzer Eisenbahn (BGE), die täglich drei Personenzüge sowie Güterzüge nach Bedarf auf die Reise schickte.

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Ab 15. Oktober 1875 nahm die BGE die Gleise zwischen Nikrisch und Zittau in Betrieb – damals eine Nebenstrecke. Doch bald schon erwies sich die Neißetalbahn über Ostritz nach Zittau stärker frequentiert als die Seidenberger Linie. 1880 dampften täglich nur drei Züge nach Seidenberg, während es nach Zittau bereits fünf waren. Im selben Jahr wurde die BGE verstaatlicht und der Königlich Preußischen Eisenbahnverwaltung (KPEV) unterstellt. 1896 kauften die Königlich Sächsischen Staatseisenbahnen den auf ihrem Territorium liegenden Streckenteil Nikrisch – Zittau. In Nikrisch endete deshalb die Kilometrierung bei 23,61 ab Zittau, während die Hauptstrecke die Kilometerzahl 217,4 ab Berlin aufwies. Nun versahen auch sächsische Eisenbahner in Nikrisch ihren Dienst, zumal die Sachsen für ihre Wendeloks einen viergleisigen Rundschuppen errichteten.

Auch die Gleisanlagen wurden erweitert, sodass um 1900 fünf durchführende Gleise existierten. Hinzu kamen ein Stumpfgleis zum Güterschuppen mit Ladestraße sowie Anschlussgleise zur Firma Ehrlich auf der Nordseite und zum Schotterwerk auf der Südseite. Als Abzweigbahnhof für Seidenberg und Zittau erhielt Nikrisch 1909 mit dem zweigleisigen Streckenausbau nach Görlitz einen dritten Bahnsteig. In seiner größten Ausdehnung zwischen den Weltkriegen umfasste der Bahnhof sechs durchführende und drei Stumpfgleise mit 17 Weichen. An Hochbauten gab es das dreigliedrige Empfangsgebäude, ein Wirtschaftsgebäude, einen Freiabort, den Güterschuppen und zwei Stellwerke, die 1904 die bisherigen Weichenstellerbuden ablösten. Die Eisenbahner wohnten im Beamtenwohnhaus.

Auf dem Hausbahnsteig des Bahnhofes Nikrisch hatten sich um 1900 die königlich preußischen Bahnbeamten, Bediensteten und Familienmitglieder dem Fotografen in Positur gestellt.
Auf dem Hausbahnsteig des Bahnhofes Nikrisch hatten sich um 1900 die königlich preußischen Bahnbeamten, Bediensteten und Familienmitglieder dem Fotografen in Positur gestellt. © Sammlung Wilfried Rettig
Das Bild zeigt den Bahnhof Hagenwerder 1985 mit DDR-Fahne und links sogar noch mit Luftschutzpfeilen aus dem Zweiten Weltkrieg.
Das Bild zeigt den Bahnhof Hagenwerder 1985 mit DDR-Fahne und links sogar noch mit Luftschutzpfeilen aus dem Zweiten Weltkrieg. © Sammlung Wilfried Rettig
Zahlreiche Jugendliche warteten 1984 auf den einfahrenden Personenzug aus Zittau mit seiner Dampflok.
Zahlreiche Jugendliche warteten 1984 auf den einfahrenden Personenzug aus Zittau mit seiner Dampflok. © Sammlung Wilfried Rettig
Das Bahnpersonal wurde 1935 vor dem Empfangsgebäude fotografiert. Damals gab es neue Uniformen, während die alten Zweireiher noch getragen werden durften. Rechts: Personal 1985. Da war sogar die alte Aufschrift Nikrisch noch gut lesbar.
Das Bahnpersonal wurde 1935 vor dem Empfangsgebäude fotografiert. Damals gab es neue Uniformen, während die alten Zweireiher noch getragen werden durften. Rechts: Personal 1985. Da war sogar die alte Aufschrift Nikrisch noch gut lesbar. © Sammlung Wilfried Rettig

Als Nikrisch 1936 unter den Nationalsozialisten seinen slawischen Namen gegen Hagenwerder eintauschen musste (eine Umbenennung, die bis heute besteht), wurde der Lokbahnhof bereits nur noch bedarfsweise genutzt. Drehscheibe und Ladegleise blieben vorerst erhalten, doch infolge des Zweiten Weltkrieges büßte auch Hagenwerder Gleise und den dritten Bahnsteig ein. Vom Seidenberger Gleis blieb nur ein Stumpf erhalten, der ehemalige Lokbahnhof wurde liquidiert, damit auch die bisherige Wasserstation und dann doch noch die Zwölf-Meter-Drehscheibe. Die Bude Posten 196 für die Schrankenbedienung an der Straßenkreuzung nach Tauchritz stand bis 1970. 1960 erhielten die Stellwerke neue Bezeichnungen. Aus Hsb (Hagenwerder Südbude) wurde das Befehlsstellwerk B2, Hsn hieß als Wärterstellwerk W1. Ersteres besaß als Kuriosum ein Außenklosett, dessen Spülkasten wegen Frostgefahr im Inneren hing. Nach dem „Geschäft“ zog man ins warme Stübchen und konnte nur hoffen, dass das Wasser alles mitnahm.

Die aus immer größeren Tiefen des Tagebaus Oberlausitz (Berzdorf) geförderte Braunkohle konnte in den 1980er-Jahren die drei Kraftwerke nur ungenügend versorgen. Es mussten Kohlezüge aus Greifenhain herangebracht und Ganzzüge mit Kraftwerksasche abgefahren werden. Dafür wurde der Bahnhof Hagenwerder auf sieben Bahnhofsgleise mit 20 Weichen erweitert, wobei Gleis 7 das tagebaueigene Durchfahrgleis zu den Kraftwerken darstellte. 1989 wurde eine Auftauhalle für Güterzüge mit während des Transportes angefrorener Kohle errichtet und begonnen, vier Bahnhofsgleise mit 1,2 kV Gleichspannung zu elektrifizieren, um mit kraftwerkseigenen Lokomotiven Züge auf dem Bahnhof zu übernehmen. Doch mit der Wende wurde die Kohleförderung immer unrentabler. Bereits zwei Jahre nach Abschluss der Bahnhofselektrifizierung wurden die Anlagen wieder abgebaut. Ende 1997 schloss das letzte der drei Kraftwerke.

Ab September 2002 entfielen beim Umbau des Bahnhofs die Gleise 3 bis 6. Das Empfangsgebäude stand leer und verschlossen, doch dann erhielt es eine neue Nutzung als „Gasthaus zum Alten Bahnhof“. Die ehemalige Bahnhofshalle ist jetzt der Gastraum, in der Fahrkartenausgabe wird gekocht, und im Vorsteherzimmer entleeren sich die Gäste. Auf der Giebelseite hat sich die „Kleine Emma“ als Lebensmittelladen etabliert. Tatsächlich Reisende können sich seit 2003 in einem kleinen Glaswartehaus unterstellen. Die früheren Wohnungen in den oberen Etagen des Bahnhofs stehen leer. Das Beamtenwohnhaus und die Wirtschaftsgebäude verfallen.

2004 schloss das Wärterstellwerk W1; seine Schrankenbedienung hatte die Automatik übernommen. Das noch immer mit einem Fahrdienstleiter besetzte Befehlsstellwerk B2 bekam eine automatische Zugschlussbeobachtungsanlage. Die beiden Weichen für die verbliebenen zwei Gleise werden elektrisch bedient. Jede Stunde kreuzen in Hagenwerder die Odeg-Triebwagen beider Richtungen. Reichlich Fahrgäste zählen sie nicht mehr.

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