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"Wir wollen die Angst vor dem Wandel nehmen"

Janet Conrad spricht im SZ-Interview über die unruhigen Zeiten bei den Görlitzer Grünen und die Aufgaben, die sie in der Stadt sieht.

Im Grünen: Janet Conrad ist Sprecherin der Görlitzer Grünen und Geschäftsführerin der Evangelischen Kulturstiftung Görlitz.
Im Grünen: Janet Conrad ist Sprecherin der Görlitzer Grünen und Geschäftsführerin der Evangelischen Kulturstiftung Görlitz. © Nikolai Schmidt

In der Politik hat sie sich nie gesehen. Dabei hat Janet Conrad schon eine bewegte Biografie. Aus Gera stammend, studierte sie in Dresden Landschaftsarchitektur, arbeitete danach bei Richter und Kaup in Görlitz, lernte beim Studium ihren aus Zodel stammenden Mann kennen, bekam mit ihm drei Kinder. Weiterbildungen in Grafikdesign und Gemeindepädagogik folgten, sie war Stadtführerin und studierte später noch einmal: Soziale Gerontologie - wie altern Menschen, und was Frau Conrad besonders interessiert: Wie können wir gut und zufrieden altern?

Für politische Themen interessiert hat sie sich immer, aber dass es innerparteilich auch häufig um Macht geht, störte sie. 2019 fand sie doch in die Politik und ist heute eine von zwei Sprechern der Görlitzer Grünen. Was sie bewogen hat, sich doch politisch zu engagieren - und das neben ihrem Job als Geschäftsführerin der Evangelischen Kulturstiftung in Görlitz - und warum der Görlitzer Ortsverband gerade ziemlich turbulente Zeiten erlebt, erzählt die 47-Jährige im SZ-Gespräch. 

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Frau Conrad, was hat Sie in die Politik und zu den Grünen geführt?

Ich bin in Gera in einem Neubauviertel aufgewachsen, aber mit meinen Eltern waren wir an den Wochenenden immer draußen in der Natur, das hat mich geprägt. Als die Wende kam, war ich 16 Jahre alt, fand zur kirchlichen Protestbewegung und war da eigentlich schon politisch aktiv. In eine Partei eintreten wollte ich nie, aber jetzt hat sich das geändert. Ich hätte auch in die CDU gehen können. Aber als mir klar wurde, wie viele Christen tatsächlich auch bei den Bündnis/Grünen sind, habe ich mich dafür entschieden. Ich möchte die Themen der nachhaltigen Entwicklung, mit denen ich mich seit Jahren beschäftigte, den Menschen näherbringen und zeigen, was wir tun können - so wie jetzt kann es nicht mehr weitergehen.

Es sind eher turbulente Zeiten bei den Görlitzer Grünen. Joachim Schulze, das langjährige Gesicht der Grünen in der Stadt, ist nach der Spaltung der Bündnisfraktion im Frühsommer als Grünen-Vorsitzender zurückgetreten, die Grünen Stadträte haben sich verschiedenen Fraktionen angeschlossen. Wie ist die Lage aktuell?

Zunächst einmal: Joachim Schulze hat eine super Arbeit geleistet. Die Görlitzer Grünen waren jahrelang nicht viele, doch jetzt sind sie binnen kurzer Zeit von 20 auf etwa 60 Mitglieder gewachsen. Das sind ganz unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Auffassungen und das ist auch gut so. Aber es sollte schon einen gemeinsamen Nenner geben. 

Den gibt es nicht?

Doch, davon gehe ich schon aus. Aber die vorhandene Struktur ist dem starken Mitgliederzuwachs nicht gewachsen. Aufgabe unseres frisch gewählten, neuen Vorstandes ist nun, die Strukturen zu verbessern und wieder eine gute Kommunikation aufzubauen. Das Problem ist, die Spaltung kam mitten im ersten Lockdown, wir hatten bislang kaum Gelegenheit für Gespräche. In die Meinungsverschiedenheiten waren wir vom neuen Vorstand nicht involviert. Demnächst soll es aber einen gemeinsamen Termin geben, wenn die Pandemie das zulässt. Wir hoffen, die Wogen nach und nach glätten zu können und eine gute Lösung zu finden. 

Sollten nicht alle Grünen im Stadtrat derselben Fraktion angehören?

Ja, das denke ich. Es ist nicht günstig, die Mitglieder in unterschiedlichen Fraktionen zu haben so wie das jetzt der Fall ist. Jana Krauß und Kristina Seifert sind bei Motor Görlitz, Joachim Schulze ist bei den Bürgern für Görlitz geblieben. Es wäre schon besser, wenn alle Bündnis/Grünen gemeinsam agieren. Auch nach außen hin wäre das ein klares Signal, denn unsere Aufgaben sind vielfältig und dringend. 

Sie haben im Sommer mit den Bildern aus ihrer Wärmebildkamera eindringlich die Folgen des Klimawandels vor Augen geführt - darauf war eindrucksvoll zu sehen, wo sich in Görlitz die Hitze so staut, dass sie regelrecht zum Glutofen wird. Das hat unter anderem eine Diskussion zur Gestaltung des Obermarktes mit Bäumen angeregt. Ihre Aktion hat also nachgewirkt?

Ich denke doch. Zumindest hat sie ihren Zweck erfüllt, nämlich dass über sommerlichen Wärmeschutz für Gebäude und das Stadtklima geredet wird. Ein Wachrüttel-Effekt sozusagen. Wir wollen die Gestaltung beispielsweise des Obermarktes nicht im Detail vorgeben. Mehr Grün ist für das Stadtklima in jedem Fall gut. Und so erwarten wir und erhoffen uns, dass wir als Stadtgesellschaft mit dem anstehenden Wandel offen umgehen und uns genügend Raum für Kreativität geben. 

Was kann Görlitz auf dem Weg zur klimaneutralen Stadt 2030 tun?

Das Ziel der klimaneutralen Stadt 2030 ist schon mal ein guter Einstieg, ein erster Schritt. Der Klimawandel ist mittlerweile nicht mehr zu übersehen. Erst vergangene Woche war ich in den Königshainer Bergen und habe meine alte Pilzstelle nicht mehr gefunden, weil dort die Bäume alle weg waren. Die Trockenheit und dadurch bedingt die Ausbreitung des Borkenkäfers ist eine allzu sichtbare Folge des Klimawandels.
Sehr viel umfassender als der alleinige Blick auf den Klimaschutz ist allerdings die Agenda 2030, die von den Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen verabschiedet wurde. Sie widmet sich sehr viel breiter den Herausforderungen der Gegenwart. Der Verlust von Arten und ihren Lebensräumen schon jetzt ein viel bedrohlicheres Ausmaß angenommen.

Wo sehen Sie die Chancen der Agenda 2030?

Eine nachhaltige Entwicklung wird viele positive Effekte für unsere Stadt und Region haben. Die Stärkung regionaler Wirtschaftskreisläufe insbesondere durch kleine und mittelständige Unternehmen, faire Arbeits- und gute Lebensbedingungen sind für mehr Nachhaltigkeit von großer Bedeutung. Wir wollen als Bündnis/Grüne den Menschen hier die Angst vor dem notwendigen Wandel nehmen und einiges in Bewegung bringen. Apropos Bewegung. Wir sehen weiterhin den Verkehr als großes Betätigungsfeld: Viele Städte haben in den 1960-er Jahren sehr stark auf Funktionentrennung gesetzt - Wohnen, Arbeiten, Freizeit - alles in unterschiedlichen Quartieren verbunden mit dem Auto. Das ist in Görlitz zum Glück nicht so. Hier sind eigentlich super Bedingungen für viel Fuß- und Radverkehr - vieles ist auf kurzem Wege erreichbar. Ich selbst bin viel zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs und würde schon für ein gesundes Altern sehr viel mehr Menschen von mehr Bewegung im Alltag begeistern.

Wie wollen Sie noch mehr Görlitzer überzeugen? 

Ich habe schnell gemerkt, dass es nicht reicht, als einzelne Person nachhaltig zu leben. Hier müssen viele Menschen mitziehen und das schnell. Wiesbaden veranstaltet schon einen Nachhaltigkeitsdialog, dort wird diskutiert, wie man die von der UN gesetzten Ziele kommunal umsetzen kann. So etwas stünde auch in Görlitz an. Um die Menschen mit auf den Weg zu nehmen, planen wir monatliche Wanderungen - für den 12. Dezember beispielsweise zur Landeskrone. Wir hoffen, sie kann stattfinden.

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