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Warum schweigt der Angeklagte im Mordprozess?

Die Indizienlage ist erdrückend, dennoch bleibt der Mann aus Eritrea vorm Görlitzer Gericht bei seiner Strategie. Was der dritte Prozesstag an Erkenntnissen brachte.

Von Frank Thümmler
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So zeigte sich der Angeklagte am ersten Verhandlungstag vor Gericht.
So zeigte sich der Angeklagte am ersten Verhandlungstag vor Gericht. © Archivfoto: Danilo Dittrich

Eigentlich war für den dritten Verhandlungstag im Görlitzer Mordprozess ein Geständnis des Angeklagten erwartet worden. Dem jungen Mann aus Eritrea wird vorgeworfen, am 5. Dezember 2020 in Görlitz eine 24-jährige Landsfrau vergewaltigt und ermordet zu haben.

Allein die Daten, die auf seinem Handy gefunden wurden und die ein Kriminalbeamter am zweiten Verhandlungstag dem Gericht als Zeuge darlegte, machen die Täterschaft des Angeklagten sehr wahrscheinlich. Aber er schwieg auch am dritten Prozesstag. Dabei hatte er am vorausgehenden Verhandlungstag noch sein Schweigen damit begründet, dass der psychiatrische Gutachter nicht anwesend war. Diesmal war er da, trotzdem sagte der Angeklagte nicht aus, vielleicht weil sich seine erkrankte Verteidigerin vertreten lassen musste.

Warum ein Chemnitzer Polizist als Zeuge auftrat

Stattdessen äußerte sich ein Chemnitzer Polizist als Zeuge, der sechs Tage nach dem Tod der jungen Frau aus Eritrea zu der Wohnung eines Landsmanns geschickt worden war. Der hatte den Notruf gewählt, weil er wiederum von seinem Freund aus Görlitz alarmiert worden war. Es handelte sich um den Angeklagten. Der Chemnitzer Notruf-Anrufer hatte Angst um seinen Freund in Görlitz. Der wolle sich umbringen, hatte er der Notzentrale gegenüber gesagt.

Der Freund habe "mit einer Frau was Schlimmes gemacht", steht wörtlich im Notrufprotokoll. Das wurde vom Gericht verlesen. Allerdings wurden dabei auch Verständigungsschwierigkeiten deutlich. Der als Zeuge geladene Polizist fuhr zur Chemnitzer Wohnung des Anrufers mit dem Hinweis, der Mann wolle sich selbst umbringen. Dass das nicht der Fall war, wurde an jenem 11. Dezember schnell klar.

Der Anrufer erklärte dem Polizisten zunächst, dass sein Freund aus Görlitz eine Frau "tot gemacht und Sex gehabt" habe. Jetzt wolle er sich umbringen. Er zeigte arabische (für die Polizisten nicht lesbare) Textnachrichten und ein Foto des Mannes mit einem Glas mit weißer Flüssigkeit, einem vermeintlichen Giftcocktail.

Die Polizisten, die mit der Verständigung arge Schwierigkeiten hatten, versuchten, mehr über die Frau herauszufinden, aber dazu wollte der Anrufer nichts mehr sagen, wiederholte immer nur, dass sich sein Freund "totmachen" wolle und er jetzt Angst um ihn habe. "Auf Nachfragen zur Frau schüttelte er nur den Kopf", sagte der Chemnitzer Polizist im Gericht.

Als er die Wohnung verließ, ging es für ihn um einen möglichen Selbstmordversuch in Görlitz, nicht um einen Mord, sagte er auf Nachfrage des Verteidigers. Der angerufene Mann aus Eritrea war für das Landgericht in Görlitz nicht zu laden. Ein Zustellversuch an seiner Chemnitzer Adresse war gescheitert, laut Einwohnermeldeamt in Chemnitz ist der Mann aber immer noch dort gemeldet. Wie wichtig seine Aussage für den weiteren Prozessverlauf aber ist, scheint fraglich. Die Beweislast gegen den Angeklagten scheint auch so schon erdrückend genug.

Die alles entscheidende Frage: Wie alt ist der Angeklagte?

Spannend dürfte die Frage bleiben, ob der Angeklagte im Falle eines Schuldspruchs nach Jugend- oder Erwachsenenstrafrecht zu verurteilen ist. An der Altersangabe des Angeklagten selbst hat die Staatsanwaltschaft Zweifel. Sie ist überzeugt, dass der Mann älter ist. Es gibt wohl sich widersprechende Aussagen der von der Botschaft Eritrea telefonisch kontaktierten Mutter. Das Problem: Geburtsurkunden, Eheurkunden oder Ähnliches gibt es in dem afrikanischen Land nicht. Eine Taufurkunde, so vorhanden, könnte helfen. Allerdings muss das Datum darauf auch nicht immer stimmen. Es werden wohl nicht selten auch mehrere Kinder "nachgetragen" und mit einem Datum versehen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt diesbezüglich weiter. Der Prozess wird am 12. November fortgesetzt.