merken
PLUS Görlitz

Hat ein Wolfsrudel zugeschlagen?

In Reichenbach verschwand ein Schaf von der Koppel. Der Landwirt fand den Kadaver unweit des Bauernhofes.

André Bürger hat die Überreste des Schafes in diesem Zustand vorgefunden.
André Bürger hat die Überreste des Schafes in diesem Zustand vorgefunden. © Constanze Junghanß

Von dem 45 Kilogramm schweren Tier ist fast nichts mehr da. Abgefressen bis auf die Rippen. Nur noch Knochen und Fell blieben übrig. Der Kopf des Jungschafes fehlt völlig. Verschwunden, aller Voraussicht nach verschleppt.

André Bürger hat die Kadaver-Reste des Schafes mittlerweile entsorgt. „Die Wölfe hatten wahrscheinlich großen Hunger“, sagt seine Frau, Doreen Bürger. Ihr gehörte das Tier. Mit weiteren Artgenossen stand das Schaf bis in die Nacht vom Sonnabend zum Sonntag noch auf der Weide in Niederreichenbach, etwa 100 bis 200 Meter entfernt vom Wohnhaus. Gesichert mit einem 90 Zentimeter hohen Elektrozaun. Nebenan stehen die Pferde, sind die Puten und die Ziegen. Die blieben unverletzt.

Anzeige
Prachtvolle Geschenkidee zu Weihnachten:
Prachtvolle Geschenkidee zu Weihnachten:

Zeitreisen verschenken mit TimeRide. Alle Gutscheine einlösbar an allen TimeRide Standorten in Berlin, Dresden, Frankfurt, Köln und München.

Nur 700 Meter vom Neubaugebiet entfernt

Ein Wolfsangriff am Stadtrand von Reichenbach? Der Bauernhof und die umliegenden Häuser befinden sich etwa 700 Meter vom Neubaugebiet der Kleinstadt am Oberen Weg entfernt. „Sonntagfrüh sahen wir, dass eines unserer Schafe fehlt“, erzählt der 47-jährige Familienvater. Der Schutzzaun war niedergetrampelt, eine der Ziegen ausgebüxt. Sie stand meckernd vor der Stalltür. Hinter der Koppel kreiste ein Schwarm Krähen immer über dem gleichen Fleck.

Da wusste André Bürger sofort, dass irgendwas nicht stimmt. Auf der Wiese entdeckte er die Überreste des Schafes. Blutige Wollfetzen waren über das Feld verstreut. Gehört hat die Familie nichts und auch nichts gesehen. Der Wind heulte stark. Vielleicht hat er die Geräusche der Nacht mit dem verzweifelten Blöken des Schafes verschluckt?

„Wir haben jedenfalls sofort über die Rufbereitschaft die Rissbegutachtung der Fachstelle Wolf in Dresden informiert“, sagt André Bürger. Noch am gleichen Tag sei ein Fachmann aus der Landeshauptstadt gekommen, der den Schaden besichtigte und begutachtete. „Uns wurde gesagt, das sei ein typischer Wolfsriss“, berichtet der Reichenbacher. Genetikproben seien keine gemacht worden. „Es war ja nichts mehr übrig vom Schaf“, so der Landwirt. Für die SZ war die 24-Stunden-Rufbereitschaft am Mittwoch trotz mehrerer Telefonversuche nicht erreichbar. Nach Angaben eines Mitarbeiters des Lupus-Instituts habe der Bereitschaftsdienst auch an Feiertagen Dienst.

Angst hat Familie Bürger keine. Der Landwirt glaubt nicht, dass Isegrim sich an Menschen vergreift. Eine Wildkamera will er nun installieren, um zu beobachten, ob und wie oft der Wolf bei seinen Tieren in Niederreichenbach herumschleicht. Schlage er nochmal zu, würde seine Frau die Schafzucht aufgeben.

Verdacht: Es war ein ganzes Rudel

Völlig aus der Kalten heraus habe der Vorfall die Niederreichenbacher nicht getroffen. Es sei absehbar gewesen, dass Isegrim irgendwann Beute machen kommt. Bereits vor zwei oder drei Jahren seien Wölfe in der Nähe von anderen Nachbarn gesichtet worden. Doreen Bürger und ihr Mann vermuten nun ebenso wie der Reichenbacher Jagdvorsteher Reinhard Weigt, dass hinter der Koppel eine Fähe gemeinsam mit ihrem Nachwuchs zugeschlagen hat. „Sonst wäre nicht das ganze Schaf aufgefressen gewesen. Ein einzelner Wolf schafft das in so kurzer Zeit gar nicht allein“, sagt André Bürger.

Jagdvorsteher Weigt schildert, dass Wölfe unter anderem auch zwischen dem Gebiet Richtung Pfarrteiche und Reichenbacher Niederhofpark nahe dem Kindergarten unterwegs gewesen seien. „Die folgen dem Hauptwechsel des Schalenwildes“, sagt er. Er sieht es als wahrscheinlich an, dass das die Königshainer Wölfe sind. „Die Fähe vom Königshainer-Berge-Rudel hat Nachwuchs bekommen“, sagt er. Wie viele Welpen das sind, weiß er nicht genau. Drei oder mehr Jungtiere könnten das sein, schätzt er ein.

Die Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW) veröffentlicht die aktuellen Reproduktionszahlen. Da sind bei dem Rudel Königshainer Berge für 2020 vier Welpen gelistet. In den beiden Jahren zuvor gab es laut DBBW keinen Nachwuchs in diesem Wolfsterritorium bei Familie Isegrim.

Mehr Nachrichten aus Görlitz lesen Sie hier

Mehr Nachrichten aus Niesky lesen Sie hier

Mehr zum Thema Görlitz