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Sie hilft Familien in Görlitz

Lisa Bail stammt aus Bremen, doch in Görlitz hat sie eine neue Heimat gefunden und hilft inzwischen auch anderen, sich in der Stadt wohlzufühlen.

Lisa Bail vom Familienbüro Görlitz.
Lisa Bail vom Familienbüro Görlitz. © Nikolai Schmidt

Lisa Bail singt für ihr Leben gerne. Früher in einer Band, jetzt im Akademischen Hochschulchor. Vom Chorleiter bekommt sie außerdem Gesangsunterricht. Dass der zweite Lockdown das gemeinsame Musizieren aktuell verhindert, macht sie traurig. Denn die Musik ist ihr Ausgleich zum Alltag, hierher zieht sie neue Energie.

Ihr Alltag ist der einer dreifachen Mutter und Ehefrau, die auch mit beiden Beinen im Berufsleben steht. Die 36-Jährige ist seit der Eröffnung des Familienbüros Teil des Teams am Demianiplatz 7. Im Jahr 2015 wurde es als Anlaufstelle für Familien gegründet. Bei Problemen, Fragen jedweder Art kann man hierherkommen. Egal, ob es die Suche nach einer Krabbelgruppe, einem Sportverein ist - oder ob es um komplexe Problemlagen geht, Schulden, Trennung, Mobbing, das Familienbüro soll erste Anlaufstelle sein und dann zu den richtigen Ansprechpartnern weitervermitteln.

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Lisa Bail (links) und Anja Sorkalle, Filialleiterin der Comenius Buchhandlung, im Jahr 2015, als das Elchstark-Projekt startete: Dieses Projekt zeigt Kindern Stellen auf, an die sie sich wenden können, wenn sie Hilfe brauchen. Viele Geschäfte und Einricht
Lisa Bail (links) und Anja Sorkalle, Filialleiterin der Comenius Buchhandlung, im Jahr 2015, als das Elchstark-Projekt startete: Dieses Projekt zeigt Kindern Stellen auf, an die sie sich wenden können, wenn sie Hilfe brauchen. Viele Geschäfte und Einricht © Pawel Sosnowski/80studio.net

Eine Aufgabe, die Lisa Bail von Anfang an erfüllt hat. Dabei war das gar nicht abzusehen, dass sie beruflich in diese Richtung geht. „Ich bin ja keine Sozialpädagogin“, sagt sie. Kultur- und Management hat sie in Görlitz studiert, kam dafür extra aus Bremen. In Görlitz traf sie ihren Mann, der aus Stuttgart stammt. Wie kann es anders sein - über die Musik lernten sie sich kennen. Als sie seine WG-Mitbewohnerin besuchen kam, klagte dieser, dass die Sängerin seiner Band ausgefallen war. Lisa Bail meinte, sie könnte doch versuchen, einzuspringen. Sie wurden Bandkollegen und später Ehepaar und Eltern von drei Töchtern - heute elf, neun und drei Jahre alt.

Auch Migranten und Senioren kommen

Nach einer ausgiebigen Elternzeit jobbte Lisa Bail im damals frisch eröffneten Hotel Emmerich. Eine spannende Zeit, an die sie sich gern erinnert - vor allem wegen der Internationalität der Gäste, die sie damals in Görlitz sonst so nicht fand. „Inzwischen ist das ein bisschen mehr geworden“, sagt sie.

Auch im Familienbüro, das heute sehr viel mehr ist als Anlaufstelle nur für Familien. Ein Projekt nach dem anderen kam hinzu - die Engagierte Stadt Görlitz, welche Frau Bail seit etwas mehr als einem Jahr koordiniert, war anfangs ein vom Bund gefördertes Projekt. So ist der Demianiplatz 7 inzwischen auch bei Migranten, die Hilfe bei Behördengängen oder amtlichen Schreiben brauchen genauso wie bei Senioren gut bekannt. Wenn es ums Verfassen einer Patientenverfügung geht oder wenn sie sich ehrenamtlich engagieren möchten - sind sie hier an der richtigen Adresse. Den Engagementbörsen der letzten Jahre, die eine Art Ehrenamtsmesse waren, folgte dieses Jahr der erste Engagement-Katalog.

Frisch aus der Druckerei: Lisa Bails Kollegin Julia Uick mit dem Engagement-Katalog.
Frisch aus der Druckerei: Lisa Bails Kollegin Julia Uick mit dem Engagement-Katalog. © Familienbüro Görlitz

Er ist Lisa Bails neues Baby, sie hat ihn in Zusammenarbeit mit Studentinnen und dem Görlitzer Mehrgenerationenhaus erstellt. Er bietet eine Übersicht von 100 Görlitzer Vereinen und Institutionen. Wer darüber nachdenkt, in seiner Freizeit irgendetwas zu tun und nicht genau weiß, was, für den ist dieser Überblick perfekt.

In Görlitz leben viele Menschen, die theoretisch Zeit hätten. Diese würde Lisa Bail gern für ein Ehrenamt begeistern. "Wenn viele Menschen kleine Aufgaben übernehmen, kann gesellschaftlich viel erreicht werden und ganz nebenbei finden beispielsweise Zugezogene Anschluss oder kommen mit Menschen anderer Generationen in den Austausch und helfen sich gegenseitig.“ Einige, die das bereits haben und im Ehrenamt Erfüllung sehen, haben Lisa Bail und ihre Mitstreiter gefunden und ihnen Raum in der Broschüre gegeben. „Botschafter“ werden sie genannt. Sie sagen, warum ihnen ihre Tätigkeit so viel bedeutet.

Und es gibt weitere Ideen, die das Gemeinschaftsgefühl und das Wohlfühlen in der Heimatstadt fördern sollen. „Marktplatz für gute Geschäfte“ ist so eine. Hier schwebt Lisa Bail vor, dass sich Wirtschaft und Ehrenamt im Alltag mehr begegnen. Beispielsweise könnten Unternehmen, die freie Räume haben, hier Vereinen die Möglichkeit zum Treffen geben. „Wir wollen Ihnen klarmachen: Ihr habt Fachkräftemangel? Da ist ein Verein mit 400 Mitgliedern. Vielleicht ergeben sich daraus nützliche Kontakte.“

"Wir sind nicht zuständig" wird man nie hören

Was wird gebraucht? Das ist die große Frage, die hinter allen Projekten des Familienbüros stehen, das ja längst nicht mehr nur Familienbüro ist. „Aber das ist von all unseren Projekten das, was am längsten etabliert ist“, sagt Lisa Bail. „Und was in der Stadt mehr und mehr Ansehen genießt.“ Für die drei Festangestellten gilt das Motto: „Wir sind nicht zuständig, wird bei uns niemand hören. Wir suchen immer gemeinsam nach einem ersten Schritt zur Lösung und vermitteln die Leute zu spezialisierten Beratungsstellen“, sagt Lisa Bail. Inzwischen gibt es Kontakte überall in der Stadt. „Ohne dieses große Netzwerk wäre unsere Arbeit gar nicht machbar.“

Nicht machbar wäre auch ihr Job, gerade in Corona- und Homeoffice-Zeiten, wenn es nicht gute Organisation und Kontakte gäbe. Die Organisation betrifft vor allem ihren Mann und sie. „Als der erste Lockdown im Frühjahr war, hat immer einer vormittags, der andere nachmittags gearbeitet.“ Ihr Mann Kai ist Sozialpädagoge und arbeitet mit straffällig gewordenen Jugendlichen. Viele kennen ihn als Bassist der Band „Rooftop Radio“. Und auch die gute Hausgemeinschaft auf der Blumenstraße mit vielen anderen Familien mit ähnlich alten Kindern, ist ohne Großeltern vor Ort für Familien wie die Bails ein wahrer Schatz, um Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen.

Denn Beides möchte Lisa Bail nicht missen: die eigene Familie nicht, aber auch die Erfüllung in ihrer Arbeit nicht. "Vor Kurzem haben wir einer Familie dabei geholfen, jemanden zu finden, der mit dem Hund des Vaters Gassi geht", erzählt sie. "Dieser war gerade von der  Reha zurück und noch wackelig auf den Beinen, die Angehörigen wohnen allesamt weit weg. Da wurde uns sehr viel Dankbarkeit entgegengebracht. Das war sehr schön." 

Bislang sind in dieser Serie erschienen:

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