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Was steckt hinter dem Kiesabbau am Berzdorfer See?

In Hagenwerder bei Görlitz wird bald Sand abgebaut - trotz aller Widerstände. Jetzt sorgen sich viele um den Tourismus am See.

Marianne Thiel (links) führt die "Ranch am See". Sie und ihr Mann Alexander Thiel sind sehr verärgert über den Kiesabbau direkt in ihrer Nachbarschaft.
Marianne Thiel (links) führt die "Ranch am See". Sie und ihr Mann Alexander Thiel sind sehr verärgert über den Kiesabbau direkt in ihrer Nachbarschaft. © Martin Schneider

Marianne Thiel traute ihren Augen nicht, als sie am Mittwochmorgen gegenüber ihrer Ranch am Berzdorfer See einen Bagger arbeiten sah. Sollte es sich doch bewahrheiten, was sie in der Vorwoche schon befürchtet hatte?

Da war nämlich auf dem unbestellten Feld zwischen Neiße und B 99 kurz vor Hagenwerder aus Richtung Görlitz, dort, wo man von der Bundesstraße auf den Oder-Neiße-Radweg gelangt, jemand zugange. Marianne Thiel wollte es genau wissen, was gegenüber der Ranch passiert, sie fragte nach. Tatsächlich wurden Bodenproben für den bevorstehenden Kiesabbau in Hagenwerder genommen.

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Bagger und Traktor entfernen die oberste Erdschicht für den Kiesabbau neben der B 99 in Hagenwerder. Im Hintergrund ist der Ort Hagenwerder zu sehen.
Bagger und Traktor entfernen die oberste Erdschicht für den Kiesabbau neben der B 99 in Hagenwerder. Im Hintergrund ist der Ort Hagenwerder zu sehen. © Martin Schneider

Kiesabbau in großem Stil über 40 Jahre war geplant

Jetzt sind die Arbeiten gestartet. Bereits 2009/2010 war der Kiesabbau in Hagenwerder ein heißes Thema. Damals war bekannt geworden, dass die Heim Niederschlesische Kieswerke GmbH & Co.KG am Ortseingang in großem Stil Kies abbauen will. Auf einem Bergwerksfeld mit einer Fläche von 114,7 Hektar war der Abbau in vier Abbaufeldern auf 53,6 Hektar beabsichtigt. Der Abbauzeitraum umfasste 40 Jahre. Im Ergebnis des Abbaus sollten vier Kiesseen mit einer Fläche von 35,5 Hektar entstehen.

Rein rechtlich wurde seinerzeit dem Kieswerk recht gegeben. Der Kiesabbau an der Ostseite des Berzdorfer Sees ist möglich, sagte Anfang 2010 die Landesdirektion Dresden und schloss damit das Raumordnungsverfahren zum Neuaufschluss von Kiessandlagerstätten Berzdorf-Ost ab. Unter Beachtung einer Reihe von Maßgaben könne das Vorhaben mit den Erfordernissen der Raumordnung in Übereinstimmung gebracht werden, teilte die Landesdirektion damals mit.

Doch dann geschah nichts, bis jetzt. Die damals gegründete Bürgerinitiative, die den Kiesabbau verhindern wollte, sah sich am Ziel. Unterstützung fand sie von vielen Seiten: von Parteien, Naturschutzverbänden und Vereinen. Die Kommunen rund um den See sprachen sich gegen das Vorhaben aus. Auch Landrat Bernd Lange war 2010 gegen den Kiesabbau in Hagenwerder. Er sah genügend Potenzial in anderen Kieslagerstätten in der Region. Heim baut unter anderem in Quitzdorf am See und bei Moholz ab. Zudem wies der Landrat darauf hin, dass es sich bei den Flächen um sogenanntes FFH-Gebiet (Fauna-Flora-Habitate) handelte, die besonderen Schutz genießen. Er führte auch Tourismus und Hochwasserschutz an, was damals gegen den Abbau sprach.

Genehmigung kommt vom Oberbergamt

Im vergangenen Sommer flammte das Gerücht zum Kiesabbau in Hagenwerder erneut auf. Denn die Kiesgruben zwischen Sportzentrum und Freibad Hagenwerder waren ausgebeutet, der Abbau dort endete. Die SZ fragte damals sowohl im Görlitzer Rathaus als auch im Landratsamt nach, ob man dort von Abbauplänen wisse. Das war nicht der Fall. Die Heim Niederschlesischen Kieswerke verwiesen an die Heim-Gruppe in Ulm. Dort sah sich niemand in der Lage, eine SZ-Anfrage zu beantworten, weil der entsprechende Mitarbeiter im Urlaub sei, hieß es 2020. Und auch heute hüllt sich die Heim-Gruppe trotz mehrerer Nachfragen in Schweigen.

Die Heim Niederschlesische Kieswerke GmbH & Co. KG betreibt den Kiessandtagebau Berzdorf-Ost auf der Grundlage eines Hauptbetriebsplans, der am 30. Dezember 2020 durch das sächsische Oberbergamt mit Sitz in Freiberg zugelassen wurde, bestätigt Oberberghauptmann Bernhard Cramer. Die Zulassung des Hauptbetriebsplans enthält Auflagen. Diese dienen der Sicherstellung des Umwelt-, Gewässer- und Immissionsschutzes ebenso wie der Arbeitssicherheit und dem Gesundheitsschutz der im Tagebau beschäftigten Mitarbeiter, erklärt Cramer.

Das Genehmigungsverfahren für einen Tagebau unter Bergrecht wird durch das Bundesberggesetz geregelt. Dieses schreibt eine Beteiligung der Gemeinden sowie der Träger öffentlicher Belange vor. Dementsprechend wurden im Zulassungsverfahren zum Hauptbetriebsplan für den Kiessandtagebau Berzdorf-Ost die Stadt Görlitz und die Gemeinde Markersdorf beteiligt und um eine Stellungnahme zum geplanten Vorhaben gebeten. Markersdorf gab keine Stellungnahme ab, wie Bürgermeister Thomas Knack auf Anfrage sagt. Die Gemeinde besitzt eine kleine Exklave in der Nähe des Bahnhofs Hagenwerder.

Über die Zulassung des Hauptbetriebsplans durch das Sächsische Oberbergamt wurden ebenfalls beide Kommunen informiert, erklärt der Oberberghauptmann. Eine Beteiligung der Öffentlichkeit sowie der Anwohner sieht das Gesetz bei einem Vorhaben wie dem Tagebau Berzdorf-Ost nicht vor.

Das Görlitzer Rathaus wurde im Januar mit der Information zur Genehmigung des Hauptbetriebsplans überrascht, sagt Bürgermeister Michael Wieler. Er unterstellt dem Oberbergamt, dass das Verfahren korrekt gelaufen ist, hätte sich aber die Beteiligung der Öffentlichkeit gewünscht. Den damaligen Widerstand gegen das Vorhaben sieht der Bürgermeister trotz des jetzt begonnenen Kiesabbaus als nicht ganz umsonst an. "Etliche Einwände von 2009/10 wurden berücksichtigt, auch wenn das gewünschte Gesamtergebnis - kein Kiesabbau - nicht erreicht werden konnte", sagt er.

Elisabeth Barthel vom Interessenverein Wohnpark Hagenwerder zeigt eine Postkarte, mit der schon 2009/10 gegen den Kiesabbau in Hagenwerder an der B 99 protestiert wurde.
Elisabeth Barthel vom Interessenverein Wohnpark Hagenwerder zeigt eine Postkarte, mit der schon 2009/10 gegen den Kiesabbau in Hagenwerder an der B 99 protestiert wurde. © SZ-Archiv

Ostritzer Landwirt lässt sich auf einen Deal ein

Der Kiesabbau erfolgt auf einer Fläche, die dem Ostritzer Landwirt Steffen Ritter gehörte. Der Landwirt erhielt für etwa zehn Hektar Ausgleichsland in Leuba, das er bewirtschaftet. Insgesamt gehören Ritter seit Anfang der 1990er Jahre etwa 100 Hektar landwirtschaftlich genutzte Fläche auf dem Areal zwischen Görlitz und Hagenwerder. Vor elf, zwölf Jahren war Ritter gegen den Kiesabbau. Allerdings hätte seine Fläche nach der gültigen Rechtslage auch enteignet werden können. Das wollte er nun vermeiden und ließ sich auf den Deal mit der Ausgleichsfläche ein. "Geld floss keines", betont der Landwirt.

Steffen Ritter berichtet, dass die Kieswerke etliche Auflagen erfüllen müssen. Dazu gehört der Lärmschutzwall, der nun aus dem Mutterboden aufgeschichtet wird. Der Landwirt berichtet auch, dass der darunterliegende Auenlehm zurückgehalten werden muss, um ihn später wieder einzubauen. Denn wenn der Kies erschöpft ist, was in etwa sechs Jahren der Fall sein könnte, muss die Grube wieder verfüllt und das Gebiet renaturiert werden.

Jetzt geht es darum, den Schaden zu minimieren

Nun ist offenbar der Kiesabbau nicht mehr zu verhindern. Das vermutet Joachim Schulze. Der 69-jährige Bündnisgrüne ist Mitglied der Stadtratsfraktion Bürger für Görlitz und unter anderem im Planungsverband Berzdorfer See. Er wurde vom Kiesabbau ebenso überrascht wie die Menschen in Hagenwerder. Im Gespräch mit sächsische.de und SZ sagt er, dass es nun, wenn es keine Möglichkeit gibt, den Abbau zu stoppen, darum gehen müsse, die schädlichen Auswirkungen zu minimieren und zu überlegen, was wird, wenn der Kies ausgebeutet ist.

Der Vorstand der Bürgerfraktion sieht mit dem Kiesabbau die Entwicklung am See gefährdet. Das ist bislang die einzige Reaktion aus dem Stadtrat zum Kiesabbau. Der Skandal bestehe darin, dass sich übergeordnete Behörden über den erklärten Willen von Kommunen, Verbänden und Bewohnern hinwegsetzen. "Diese Behörden haben bei der Güterabwägung versagt, das wird zu Verbitterung und Vertrauensverlust beitragen", so der Fraktionsvorstand.

Marianne Thiel ist sehr erbost über den Kiesabbau, denn der steht der touristischen Entwicklung am Berzdorfer See im Wege, "nicht nur meinen Plänen mit der Ranch am See", sagt sie. Etwas zu ändern, steht wohl nicht in ihrer Macht.

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