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Von Görlitzer Keuschheitsgürteln

Karina Thiemann kämpft sich aus dem Corona-Tief. Mit einer Kollegin zusammen hat sie zwei neue Führungen auf die Beine gestellt - mit pikanten Details.

Karina Thiemann (li.) und Gudrun Burghard auf der Görlitzer Plattnerstraße. Auf ihren Führungen zeigen sie auch, wie mittelalterliche Keuschheitsgürtel, die in dieser Straße angefertigt wurden, aussahen - und zwar für beide Geschlechter.
Karina Thiemann (li.) und Gudrun Burghard auf der Görlitzer Plattnerstraße. Auf ihren Führungen zeigen sie auch, wie mittelalterliche Keuschheitsgürtel, die in dieser Straße angefertigt wurden, aussahen - und zwar für beide Geschlechter. © Nikolai Schmidt

Die Augen leuchten wieder, aus dem Mund sprudeln sie wieder - die Görlitzer Geschichten. Noch im Frühjahr war Stadtführerin Karina Thiemann verzweifelt, sie ist selbstständig, lebt von ihren Führungen. Doch wegen Corona war ab März Schluss, nichts ging mehr. Es zog sich bis in den Mai, Juni - die beiden umsatzstärksten Monate für Stadtführer. "Das holt man nicht mehr auf", sagt die 51-Jährige und ist doch guter Dinge. Denn seit Pfingsten sind wieder kleinere Führungen möglich. "Der August war so toll wie nie. Es kamen so viele Familien", freut sich Karina Thiemann.

Jetzt geht sie zusammen mit ihrer Kollegin Gudrun Burghard auf zwei ganz neue Runden. Die beiden sind ja ohnehin die Damen fürs Spezielle. Karina Thiemann erfand einst mit ihrem damaligen Kollegen Uwe Stark die erste Filmstadtführung, zusammen mit Frau Burghard dachte sie sich die Krimiführung aus - hier werden Gäste zu Görlitzer Verbrechensschauplätzen geführt.

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Mit ihrer Krimiführung haben Karina Thiemann (li.) und Gudrun Burghard schon einmal voll ins Schwarze getroffen. Sie ist nach wie vor eine gern gebuchte Tour, die unter anderem auf den Nikolaifriedhof führt: Denn genau an der Friedhofsmauer stand einst da
Mit ihrer Krimiführung haben Karina Thiemann (li.) und Gudrun Burghard schon einmal voll ins Schwarze getroffen. Sie ist nach wie vor eine gern gebuchte Tour, die unter anderem auf den Nikolaifriedhof führt: Denn genau an der Friedhofsmauer stand einst da © Pawel Sosnowski/80studio.net

Nun begeben sich die beiden Damen auf die Spuren alter Gewerke in Görlitz. So mancher Straßenname zeugt heute noch davon, welches Handwerk hier im Mittelalter zu finden war. Bei der Apothekergasse, die von der Brüderstraße abgeht, sagt es schon der Name. "Hier gab es die älteste Apotheke der Oberlausitz", erzählt Frau Burghard. Schon im 13. Jahrhundert soll es sie gegeben haben. Heilkundige Männer und Kräuterfrauen waren damals hoch angesehen und standen unter dem Schutz der Stadt. Immerhin: Um als Apotheker zu arbeiten, waren dereinst sechs Jahre Lehrzeit nötig. Schließlich wurde im Mittelalter viel mit Giften hantiert - in der richtigen Dosis kann es schließlich heilsam sein. 

"Im Mittelalter waren vor allem Mittelchen gegen die sogenannte Franzosenkrankheit gefragt", weiß Frau Burghard zu berichten. Dahinter verbirgt sich die Syphillis, also eine Geschlechtskrankheit. Auch sonst haben die Apotheker den Männer mit manchem Pillchen geholfen, die Kräuterfrauen den Damen - vor allem wenn es um den Kinderwunsch ging. 

Karina Thiemann und ihr damaliger Kollege Uwe Stark waren die ersten, die das Thema Filmstadt Görlitz aufgriffen und Touristen an Drehorte führten.
Karina Thiemann und ihr damaliger Kollege Uwe Stark waren die ersten, die das Thema Filmstadt Görlitz aufgriffen und Touristen an Drehorte führten. © Archivfoto: Jens Trenkler

Ein paar Meter weiter geht es ebenfalls ums damals so heikle Thema zwischenmenschliche Nähe. Was der Name Plattnerstraße heute nicht mehr unbedingt vermuten lässt: Hier saß der Rüstungsmacher. Ritterrüstungen waren im Mittelalter gefragt, doch auch Keuschheitsgürtel hat der Plattner gefertigt. Natürlich haben die beiden Stadtführerinnen fürs neugierige Publikum auch Anschauungsmaterial dabei. Keinen echten Keuschheitsgürtel zwar, aber Abbildungen. Einmal für Männlein, einmal für Weiblein. "Ja, auch für die Männer gab es das", betont Karina Thiemann. Warum? Auch dafür haben die Damen ihre Theorien. 

Nur die Zofe hatte einen Schlüssel

Bei den Frauen dürfte es allgemein bekannt sein: Wenn der eigene Gatte lange auf Reisen war - oder im Krieg - sollte nun mal kein anderer die Dame trösten. "Den Schlüssel hatte wohl nur die Zofe und auch der Schlosser musste schwören, dass er keinen Zweitschlüssel angefertigt hatte." Woher Frau Thiemann und Frau Burghard das alles wissen? Aus Büchern. Wie bei jeder Führung recherchieren sie vorher gründlich - im Internet, in Büchern, in alten Schriften des Ratsarchivs. "Es muss ja alles Hand und Fuß haben, man weiß nie, wer in den Führungen ist und selbst Fachwissen hat." 

Während des Corona-Lockdowns hatten sie viel Zeit dafür. Deshalb waren diese Wochen selbst für Frau Burghard, die mit 71 Jahren schon Rentnerin ist, keine allzu dramatischen. Zu Hause sitzen ist nicht ihr Ding, sagt sie. "Ruhestand heißt nicht Stillstand", ist ihre Devise. Früher war sie Sekretärin beim Gericht, mit Touristen kam sie erst allmählich in Berührung, als sie begann, durch das jüdische Bad zu führen. Das schließt sie immer noch täglich von 12 bis 14 Uhr auf.  Alles ehrenamtlich. 

Die neue Weihnachtsführung wird auch über den Schlesischen Christkindelmarkt gehen.
Die neue Weihnachtsführung wird auch über den Schlesischen Christkindelmarkt gehen. ©  Archivfoto: Nikolai Schmidt

Frau Thiemann hingegen ist von der Rente noch weit weg, verdient mit den Führungen ihr Geld. 2005 fing sie beim Stadtschleicher an - betreute Rundfahrten und kümmerte sich um Bürosachen. Nach fünf Jahren versuchte sie es allein. Und hat ihr Auskommen damit - wenn nicht gerade eine Pandemie alle Pläne durchkreuzt. Definitiv seien es über die Jahre viel mehr Touristen geworden, die Görlitz besuchen und auch mal die besondere Stadtführung suchen - genau wie die Görlitzer selbst. Schulklassen, Geburtstagsrunden, Firmen, sie alle buchen gern. 

Als der Weihnachtsschmaus eine Suppe war

Mit der Weihnachtsführung wird das sicher nicht anders sein. Sie ist die zweite Neuheit und soll von Weihnachten erzählen. Was sich über die Jahrhunderte so alles geändert hat, welche Bräuche es mal gab. Beispielsweise, dass es die Christbaum-Tradition vor 500 Jahren zwar schon gab, sie aber den reicheren Leuten vorbehalten war. Oder dass Weihnachtsessen einst eine Suppe aus Milch und süßem Kuchen war. Für die einfache Bevölkerung war das ein Festessen. All das ist natürlich nicht mehr greifbar, deshalb werden diese Geschichten vor dem Görlitzer Weihnachtshaus oder im Dezember am Rande des Christkindelmarktes erzählt - wenn dieser coronabedingt stattfinden kann. "Den gibt es schon seit 1300 und einst hieß er 'Kalter Markt'", weiß Frau Burghard, "eben weil es so kalt war."

Als besonderes Schmankerl gibt es übrigens bei beiden Stadtführungen auch einen kulinarischen Zwischenstopp. Bei der Handwerksführung wird das die Brauerei auf der Neißstraße sein, bei der Weihnachtsführung soll das noch nicht verraten werden. 

Die neuen Führungen

"Bürsten-Fässer-Keuschheitsgürtel: Ein Rundgang zur Görlitzer Handwerksgeschichte": seit September, Dauer: 1,5 Stunden

"Weihnachtsführung": ab 31.Oktober,  Dauer: 1,5 Stunden

Termine und Tickets gibt es in der Görlitz-Information (Obermarkt 32) sowie im Touristbüro i-vent (Obermarkt 33).

   

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