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Lichtblick für Shiatsu-Praktiker

Der Görlitzer Hagen Wießner ist zur Untätigkeit verdammt - wegen Corona. Ein Einkommen hat er aktuell nicht, aber Hilfe.

Hagen Wießner ist Shiatsu-Praktiker in Görlitz. Derzeit darf er seinen Beruf nicht ausüben.
Hagen Wießner ist Shiatsu-Praktiker in Görlitz. Derzeit darf er seinen Beruf nicht ausüben. © Fotostudio Bild21

Zum zweiten Mal in diesem Jahr ist Hagen Wießner ohne Arbeit. Wegen der Corona-Pandemie und des Lockdowns darf der Görlitzer nicht als Shiatsu-Praktiker tätig sein. Bei seiner Arbeit ist der körperliche Kontakt zum Klienten nötig. Shiatsu zielt darauf ab, den Energiefluss in den Energiebahnen des Körpers wiederherzustellen. Dafür werden Akupunkturpunkte durch Druck mit dem Finger angeregt - also durch Körperkontakt.

Es fällt dem 46-Jährigen schwer, seinen Beruf nicht ausüben zu können. Doch der Lockdown will es so. Die Praxis in der Kränzelstraße 28 bleibt zu. Damit hat Hagen Wießner viel freie Zeit, aber eben kein Einkommen. Und das bei einer Familie mit Ehefrau und vier Kindern.

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Hilfen ersetzen nicht das Einkommen

Zwar bekam der Solo-Selbstständige eine Soforthilfe vom Bund, aber ein Einkommen ersetzt diese Hilfe nicht, sagt der Shiatsu-Praktiker. Von einer Bekannten erfuhr der Görlitzer, dass die Stiftung "Lichtblick Sachsen" seit März auch in Not geratene Selbstständige unterstützt.

Denn manche von ihnen trifft die Corona-Krise so hart und unmittelbar, dass sie nicht wissen, wie sie und ihre Familien jetzt über die Runden kommen sollen. "Wo staatliche Programme nicht greifen, zu lange dauern oder nicht in Frage kommen, weil Kredite nicht zurückgezahlt werden können, hilft der Corona-Lichtblick", erklärt Katerina Lohse, die Vorstandsvorsitzende der Stiftung. Ein einmaliger Zuschuss von maximal 500 Euro pro Antragsteller hilft, dass Rechnungen bezahlt werden können und Zeit gewonnen wird, um die nächsten Schritte zu planen.

Hagen Wießner half die Lichtblick-Unterstützung sehr. Denn Kosten wie Miete für seine Praxisräume laufen weiter. Das erzeuge psychischen Druck, erklärt er. Die Hilfen hätten dafür gesorgt, dass der Druck nicht übermächtig wurde, obwohl der Kontostand stetig kleiner wird. "Die Minderung dieser Belastung ist nicht zu unterschätzen", betont Wießner.

Hoffnung auf Rückkehr zur Normalität

Körpernahe Dienstleistungen, die medizinisch nicht notwendig sind, sind derzeit nicht erlaubt. Aber was ist medizinisch notwendig und was nicht? Eine klare Antwort hat Wießner nicht. Seine Klienten fühlen sich nach der Behandlung besser. "Sie fehlt ihnen, und deswegen hoffen sie wie ich, dass ich bald wieder praktizieren darf", sagt Wießner.

Auch der Shiatsu-Fachverband kann nicht nachvollziehen, warum seine Dienstleistung jetzt nicht möglich ist. Die Hygienevorschriften einzuhalten, sei kein Problem, die Shiatsu-Behandlung sicher zu gestalten auch nicht, sagt der Praktiker. Klienten würden sich nicht begegnen. Masken und Desinfektion seien mittlerweile Alltag. Klienten mit Husten und Schnupfen kämen erst gar nicht in die Praxis.

Keine Projekte in Schulen

Auch Wießners zweites wirtschaftliches Standbein steht derzeit still. Der studierte Sozialpädagoge gibt an Görlitzer Schulen Projekte innerhalb der Ganztagsangebote. Darunter an der Regenbogenschule einen Aikido-Kurs. Am Förderschulzentrum leitet er Kinder im Samurai-Shiatsu an. Auch das ist derzeit ausgesetzt.

Das fehlende Einkommen ist für Hagen Wießner ein Problem, aber nicht das einzige. Er ist ein Mensch, der gern arbeitet. Er ist dankbar für die Unterstützung durch Staat und Lichtblick. Aber ein wenig fühlt er sich auch alimentiert. Deswegen sprang er im Frühjahr als Zeitungszusteller ein, als polnische Zusteller nicht über die Grenze kamen. Von vier bis sieben Uhr war er damals mit dem Fahrrad in der Stadt unterwegs. "Reich wird man davon nicht, aber diese Arbeit schenkt Erfahrungen", sagt er. Derzeit ist er nicht als Zusteller unterwegs.

Überlegen, wie sich jeder einbringen kann

In der Pandemie würden Erfahrungen gewonnen, die den Blick verengen und Räume kleiner werden lassen, also genau das Gegenteil von dem, was Shiatsu bezweckt, erklärt Wießner. Insofern sei Covid-19 ein Anlass, Dinge zu überdenken. Zum Beispiel, wie das Gesundheitssystem organisiert ist und wie viel Selbstverantwortung jeder hat. "Es ist eine spannende Zeit", sagt er.

Man müsse sich darauf fokussieren, was geht und was nicht, auch mit Blick auf die eigene Gesundheit. "Solche Fragen bekommen in der Krise mehr Gewicht", sagt er und ist überzeugt, dass jeder Mensch selbst Verantwortung übernehmen und überlegen müsse, wie er sich bei der Krisenbewältigung einbringen könne. Menschen mit Shiatsu zu mehr Gesundheit zu verhelfen, sei seine Art, sich einzubringen. Deswegen hofft Hagen Wießner darauf, seine Praxis bald wieder öffnen zu dürfen.

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