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"Wildschweinzäune sind sinnlos"

Hans Jochen Nevries ist seit 1975 Jäger. Die Maßnahmen Sachsens gegen die Schweinepest seien reiner Aktionismus, aufhalten werde man die Seuche so nicht.

Wildschwein-Zaunbau an der B 115: Jäger Hans Jochen Nevries sieht darin keinen Effekt bei der Bekämpfung der Afrikanischen Schweinepest.
Wildschwein-Zaunbau an der B 115: Jäger Hans Jochen Nevries sieht darin keinen Effekt bei der Bekämpfung der Afrikanischen Schweinepest. © André Schulze

Es ist der 6. März dieses Jahres, als sich Hans Jochen Nevries auf die Pirsch begibt. Das Revier des Görlitzers liegt in die Nähe des Flugplatzes Rothenburg. "Es ist die Pufferzone für die Afrikanische Schweinepest, aber noch nicht das gefährdete Gebiet", schildert Hans Jochen Nevries.

Der 71-Jährige schießt eine Sau, lässt sie aber, wie vorgeschrieben, liegen. "Am nächsten Morgen habe ich den Abschuss dem Lebensmittelüberwachungs- und Veterinäramt des Kreises gemeldet", sagt Hans Jochen Nevries. Zwischendurch meldete sich das Polizeirevier Niesky, er solle doch die toten Schweine aus seinem Gebiet entfernen. Hans Jochen Nevries erklärte den Beamten, dass er das nicht einfach so dürfe. Überhaupt, Mehrzahl? Schweine?

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Fünf tote Schweine auf 105 Hektar

Tatsächlich, nachdem die Kollegen des Veterinäramtes Hans Jochen Nevries Revier unter die Lupe genommen hatten, fanden sie neben der abgeschossenen Sau noch vier weitere tote Schweine. "Alle wurden positiv auf die Afrikanische Schweinepest getestet. Fünf Schweine, und das in meinem relativ kleinen Revier", sagt er. Es umfasst 105 Hektar.

So weit, so tragisch. Interessant wurde es für Hans Jochen Nevries, als er die Bilder einer seiner Wildkameras auswertete. Eine davon hing zufällig dort, wo er die Sau erschossen hatte. "Man sah auf den Bildern: Ein Hirsch kam vorbei, interessierte sich nicht für die tote Sau. Auch ein Fuchs ging weiter", so Hans Jochen Nevries. Ein ganz anderes Bild bietet sich am Morgen. Krähen, Kolkraben machen sich über den Schweinekadaver her. "Krähen picken zuerst die Augen aus, gehen dann an die weichen Teile, wie den Bauch", weiß der Jäger.

Ein Bild vom 6. März, aufgenommen mit einer Wildtierkamera von Hans Jochen Nevries: Vögel fressen das Aas eines geschossenen Schweines und tragen das Virus weiter.
Ein Bild vom 6. März, aufgenommen mit einer Wildtierkamera von Hans Jochen Nevries: Vögel fressen das Aas eines geschossenen Schweines und tragen das Virus weiter. © Hans Jochen Nevries

Später erfährt er: Eines der anderen toten Schweine wurde ebenfalls schon angefressen. "Aber da sah es eher nach Wölfen aus", sagt Hans Jochen Nevries. Für ihn steht fest: Die viel gepriesenen Wildschweinzäune haben keinerlei Effekt. "Für Wölfe sind sie kein Hindernis, die springen drüber, für Vögel ja sowieso nicht. Wildschweinzäune sind sinnlos", sagt Hans Jochen Nevries.

So wird das Virus munter weitergetragen, mit Folgen. Im April wurde der bisherige Höchstwert an Schweinepest-Fällen in Sachsen registriert: 43. Ein Problem ist die mangelnde Zusammenarbeit mit Polen: Ein direkter Ansprechpartner fehlt dem Kreis Görlitz bisher, die Zuständigkeiten sind im Nachbarland anders verteilt.

Schweinepest-Welle schwappt ins Landesinnere

Der Kreistag Görlitz hatte erst im April ein 1,5 Millionen-Euro-Paket zur Bekämpfung der Afrikanischen Schweinepest beschlossen. Vize-Amtstierarzt Udo Mann hatte damals schon gesagt: "Deutschland sollte sich bei der Afrikanischen Schweinepest auf eine Welle gefasst machen. Wir werden sie an dieser Stelle nicht aufhalten können."

Hans Jochen Nevries sieht das ähnlich. "Die Welle wird weiter in das Landesinnere schwappen", sagt er. Hier in der Region werde sie hingegen langsam auslaufen, wenn keine Tier mehr da sind, die andere infizieren könne. Eine wirksame Methode, der Sache einigermaßen Herr zu werden, sieht er in verstärktem Abschuss . "Natürlich dürfen wir nicht den Ferkeln ihre Mütter wegschießen. Aber generell wäre ein stärkerer Abschuss schon eine Methode, die Schweinepest einzudämmen", sagt er.

Politik lehnt Drückjagden im Grenzgebiet ab

Hans Jochen Nevries denkt dabei an Drückjagden. "Ruhige Drückjagden, damit die Schweine nicht zum Rennen gezwungen werden, sondern gemächlich laufen", sagt Hans Jochen Nevries. Das wäre ein Eingriff in die Natur, der die Population der Schweine insgesamt aber nicht gefährden würde.

Für den Görlitzer Landrat Bernd Lange (CDU) steht schon seit Längerem fest, dass der gezielte Abschuss die Gefahr der Schweinepest eindämmen könnte. Aber bisher steht die Politik in Berlin davor. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) will zwar mit verstärkter Jagd die Wildschweinpopulation dezimieren. Aber auf Drück- und Treibjagden soll im Grenzgebiet - 20 Kilometer - verzichtet werden, hieß es noch im April aus dem Landwirtschaftsministerium in Berlin.

Sachsen jedenfalls hält bisher an der Strategie der Wildschweinzäune fest. "Über diesen Aktionismus des Sozialministeriums kann ich mich eigentlich nur aufregen", sagt Hans Jochen Nevries. Er ist seit 1975 Jäger, seit 30 Jahren jagt er in der Oberlausitz. "Leute, die Ahnung vom Verhalten der Wildschweine haben, werden zum Thema Schweinepest nicht oder kaum gefragt", sagt er.

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