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Das Görlitzer Weihnachtsbaumtrio steht

Kraftakt mit Sattelschlepper, Kran und Polizei: Bis zum späten Montagnachmittag hatte der Betriebshof mit Coloradotannen und einer Douglasie zu tun.

Mitarbeiter des städtischen Betriebshofes bearbeiten den Stamm der Coloradotanne für den Platz an der Frauenkirche.
Mitarbeiter des städtischen Betriebshofes bearbeiten den Stamm der Coloradotanne für den Platz an der Frauenkirche. © Paul Glaser

Na, werden die Augen doch noch ein bisschen feucht? Ach was. Das ist nur der frische Novemberwind. "Wobei, ein bisschen wehmütig bin ich schon", sagt Liane Wirth. Sie filmt und fotografiert mit ihrem Handy. Irgendwann ist der Akku leer. Es ist Montagvormittag auf der Neuen Straße in Biesnitz und die Straße ist dicht. Kran, Lkw mit Auflieger, sogar Polizei ist da. Alles wegen Liane Wirth. Oder besser gesagt, wegen ihrer Coloradotanne. Wobei, ihre?

Vater hatte die Coloradotanne gepflanzt

"Mein Vater hat sie gepflanzt. Ich habe dabei zugesehen", erzählt Liane Wirth. Das muss so um 1979, 1980 gewesen sein. "Damals war der Baum aber schon ein paar Jahre alt", sagt sie. Nun hängt die Tanne an einem Kranhaken und pendelt leicht vor sich hin. Um die 45 Jahre Biesnitzer Baumgeschichte, vorbei. Ein Nachbar beobachtet die Sägeaktion von der gegenüberliegenden Straßenseite aus. "So ein schöner Baum", findet er. Wenn es nach ihm gegangen wäre, Liane Wirth hätte die Coloradotanne lieber stehenlassen sollen.

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So sieht jetzt der Baum auf dem Obermarkt aus.
So sieht jetzt der Baum auf dem Obermarkt aus. © Paul Glaser

"Jedes hat seine Zeit", entgegnet sie derweil ganz pragmatisch. Und die Zeit für die Tanne sei eben gekommen. Liane Wirth freut sich darüber, dass der Baum jetzt noch einen guten Verwendungszweck gefunden hat. Er steht auf dem Platz der Friedlichen Revolution, ist von Biesnitz ins Zentrum umgezogen, vorübergehend jedenfalls.

Nachbarinnen entscheiden über Douglasie

Die Coloradotanne stammt aus Berlin, von den Späth'schen Baumschulen. "Meine Schwester hatte dort ein Praktikum gemacht. Sie ist Gartenbauingenieurin, so wie ich", sagt Liane Wirth. So kam die Coloradotanne nach Görlitz, wuchs und gedieh. Nach Liane Wirths Geschmack vielleicht ein bisschen zu gut. "Es ist ein großer Baum geworden", sagt sie. Um die 15 Meter hoch stand er da auf dem Grundstück und eigentlich schon ein Stück weit in der Zufahrt zur Garage. "Die Tanne ist noch nicht ausgewachsen", sagt die Expertin.

Einer von zwei Gründen, warum sich Liane Wirth an den Betriebshof der Stadt gewandt und den Baum für einen Görlitzer Platz angeboten hatte. "Meine Einfahrt ist nur noch 2,4 Meter breit", hat sie nachgemessen. Zwar fährt Liane Wirth einen ganz normalen Pkw, eng wird es trotzdem. Grund Nummer zwei: Die Coloradotanne hatte sich ein wenig zur Seite geneigt, Liane Wirth fürchtet ums Haus.

Knifflige Aufgaben für die Transporter der Bäume

Ähnliche Überlegungen haben auch Anne Deutschmann und Manuela Böttcher in Hagenwerder auf der Karl-Liebknecht-Straße. Sie sind Nachbarinnen. "Mein Opa hat den Baum vor etwa 30 Jahren gepflanzt", sagt Anne Deutschmann. Schon damals gab es ein sehr gutes Verhältnis zu den Nachbarn und so kam die Douglasie auf die Grundstücksgrenze. "Das wir sie jetzt als Weihnachtsbaum spenden wollten, war eine gemeinsame Entscheidung", sagt Anne Deutschmann.

Es ist gegen 7.30 Uhr am Montagmorgen, als die Männer mit der Säge in Hagenwerder anrücken. Dann geht alles ganz schnell. Kein Wunder. Hier ist eine eingespielte Mannschaft zugange: Betriebshof der Stadt, die Firma Felbermayr mit dem Kran und der Transporter von Partnertrans Schlesien. Und die Görlitzer Polizei. "Ohne sie wäre es schwierig, durch die Straßen zu kommen", sagt Tino Wallor. Er ist der Weihnachtsbaumexperte im städtischen Kulturservice. Dass er es in diesem Jahr gleich mit drei Bäumen zu tun hat, eine Herausforderung. Obermarkt, Untermarkt, Platz der Friedlichen Revolution an der Frauenkirche - nicht unbedingt Orte in Görlitz, an denen täglich ein Sattelauflieger auftaucht.

Schnelle Aktion am Morgen in Hagenwerder

Aber alles fängt recht entspannt an. In Hagenwerder läuft alles glatt. Zehn nach acht am Morgen liegt die Douglasie, immerhin reichlich 15 Meter lang, bereits auf dem Transporter. Die Fahrt zum Obermarkt verläuft problemlos. Anne Deutschmanns Opa hatte den Baum während einer Kur in Bad Freienwalde gekauft.

Hier schwebt der Weihnachtsbaum auf dem Platz der friedlichen Revolution ein.
Hier schwebt der Weihnachtsbaum auf dem Platz der friedlichen Revolution ein. © Paul Glaser

"Die Douglasie stand schon sehr nahe an den Häusern dran", sagt Manuela Böttcher. Zwar ist der Baum ein Tiefwurzler. Aber so richtig traute sie ihm wohl nicht zu, Herbst- und Frühjahrsstürme unbeschadet zu überstehen. "Zwischen den Häuserblocks gibt es eine Art Schneise. Da kann es ziemlich windig werden", sagt Manuela Böttcher. Ein weiteres Risiko, das sie sieht: die trockenen Sommer. "Der Baum ist groß, braucht viel Wasser. Das ist nicht mehr gegeben", sagt Manuela Böttcher. Deshalb hatten sie und ihre Nachbarin die Douglasie der Stadt als Weihnachtsbaum angeboten.

Coloradotanne wehrt sich gegen Spanngurte

"Die Douglasie ist sehr schön gerade gewachsen, nicht zu dicht", sagt der städtische Weihnachtsbaumexperte Tino Wallor. Er findet sie deshalb perfekt für einen relativ freien Platz wie den Obermarkt geeignet. Recht schnell steht der Baum - anders, als die Wirth'sche Coloradotanne.

Hier wird die Douglasie in Hagenwerder verladen.
Hier wird die Douglasie in Hagenwerder verladen. © Foto: SZ/M. Klaus

Sie bereitet schon beim Transport Kopfzerbrechen. Denn eigentlich werden die Äste der Bäume auf dem Sattelauflieger mit Spanngurten zusammengehalten. Der Coloradotanne gefällt das offensichtlich nicht. Die Spanngurte entfalten nur bedingt ihre Wirkung. Das Ergebnis: Die Fahrt in Richtung Frauenkirche wird eine sehr langsame. Und was sich nebenbei noch herausstellt: Die Coloradotanne hat zwei Spitzen. "Das haben wir von unten nicht gesehen", staunt Liane Wirth.

Auch das Einsetzen in die vorbereitete Halterung auf dem Platz ist ein wenig knifflig. Der Stamm ist dick, außerdem muss er gekürzt werden. Und: Der Baum ist schwer. 4,2 Tonnen wiegt er, rekordverdächtig für Görlitzer Weihnachtsbäume. Zwar spitzen die Betriebshofmitarbeiter mit der Kettensäge den Baumstamm an. Aber so richtig will er nicht rein. Millimeterarbeit für den Kranführer. Er musste schon die Tanne über die Drähte der Straßenbahn bugsieren, jetzt auch noch einmal den Baum anheben. Wieder kommt die Säge zum Einsatz. "Ich dachte mir schon, dass es nicht einfach wird", sagt Tino Wallor später.

Der Baum für den Untermarkt kommt zum Schluss

Deshalb hat er sich den kleinsten der Bäume auch bis zum Schluss aufgehoben, eine Coloradotanne für den Untermarkt, um die zehn Meter hoch. Sie kommt vom Sonnenland. Was wiederum die Transportleute vor Herausforderungen stellt. Denn die Straße ist eine Sackgasse, zweigt von der Zittauer Straße ab und auf der wird gebaut. Der Sattelauflieger muss rückwärts rein, die Polizei hält die Piste frei.

Hier wird noch gesägt ...
Hier wird noch gesägt ... © Paul Glaser
... und schließlich wird der Baum zurückgerückt.
... und schließlich wird der Baum zurückgerückt. © Paul Glaser
Mit schwererem Gerät geht es ans Werk ...
Mit schwererem Gerät geht es ans Werk ... © Paul Glaser
... auf dem Platz der friedlichen Revolution.
... auf dem Platz der friedlichen Revolution. © Paul Glaser
Und schließlich steht der Baum.
Und schließlich steht der Baum. © Paul Glaser
Absägen und Abtransport einer Weihnachtstanne von Familie Wirth ...
Absägen und Abtransport einer Weihnachtstanne von Familie Wirth ... © Paul Glaser
... im Görlitzer Stadtteil Biesnitz
... im Görlitzer Stadtteil Biesnitz © Paul Glaser
© Paul Glaser
© Paul Glaser

Familie Kroll spendet den Baum. Vor etwa 20 Jahren hat sie ihn in Herwigsdorf bei Löbau gekauft. "Vorher stand hier eine Blautanne bei uns im Garten. Aber sie war schon ziemlich alt. Außerdem hatten wir hier noch die Freileitungen. Deshalb haben wir sie weggemacht", sagt Helga Kroll. Nein, gestört habe die neue Coloradotanne im Garten am Ende nicht. Und manche in der Nachbarschaft haben es auch bedauert, dass sie gefällt wurde. "Aber der Baum war auch ganz schön groß geworden. Und wir haben ja auch noch ein gutes Werk getan", sagt Helga Kroll. Gegen halb fünf steht ihr Baum auf dem Untermarkt.

Tino Wallor ist mit seiner Baumaktion in diesem Jahr zufrieden. "Wir haben doch noch Weihnachtsstimmung in der Stadt, auch wenn es keinen Christkindelmarkt geben wird", findet er. Zudem hat er schon wieder Ideen für 2021, beziehungsweise neue Bäume im Blick.

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Liane Wirth in Biesnitz schaut derweil auf die Reste, die von der widerspenstigen Coloradotanne blieben. Es wird eine harte Arbeit, sie zu beseitigen, ist sie sich sicher. Liane Wirth möchte ein neues Tor vor der Zufahrt einbauen, ein breiteres. Jetzt, ohne Baum halb vor der Garage, macht das Sinn.

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