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So helfen Görlitzer den vielen Flüchtlingen an der Grenze

Das Mitgefühl für die Flüchtlinge in Ludwigsdorf ist groß. Aber nicht jede Spende ist auch hilfreich.

Von Matthias Klaus
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Hier wird gespendet (v.l.): Matthias Müller , Schulleiter DPFA-Regenbogenschule Görlitz, Sylvia Mayr von der Bundespolizei, Aleksandra Cios ,Hort- und Kitaleiterin, und Kathleen Kalbe von der Bundespolizei sortieren ein und aus.
Hier wird gespendet (v.l.): Matthias Müller , Schulleiter DPFA-Regenbogenschule Görlitz, Sylvia Mayr von der Bundespolizei, Aleksandra Cios ,Hort- und Kitaleiterin, und Kathleen Kalbe von der Bundespolizei sortieren ein und aus. © Martin Schneider

Kathleen Kalbe sortiert schon mal. Puzzle? Nein, eher nicht. Ein Plüschteddy? Ja, das passt. Ein kleines Spielzeugauto auch, auf jeden Fall. Es ist ein eher ungewöhnlicher Job, den die Polizeihauptkommissarin der Bundespolizei Ludwigsdorf gerade macht: Spielzeug sortieren. Kistenweise stapelt sich das bei der Regenbogengrundschule in Weinhübel.

Und nicht nur das: Bekleidung für Kinder und Erwachsene, Schuhe, Hose, Jacken, alles Mögliche hat Schulleiter Matthias Müller in seinem Büro in Pappkartons stehen. Es sind Spenden. Spenden, die zunächst für die Flutopfer im Ahrtal gedacht waren. Eltern haben nicht mehr benötigte Sachen gebracht, ebenso die Lehrkräfte. "Mit den Spenden für die Flutopfer waren wir allerdings ein wenig spät dran", sagt Matthias Müller. Deshalb nun die neue Idee: Spenden für Flüchtlinge.

Seit Monaten kommen wieder Tausende Menschen über Belarus und Polen nach Deutschland. Viele von ihnen werden an der deutsch-polnischen Grenze aufgegriffen, beispielsweise entlang der Neiße. Häufig haben sie nur das Nötigste dabei, denn sie sind zum Spielball der großen Politik geworden, seitdem der belarussische Staatschef Lukaschenko sich auf diese Weise an der EU rächen will, die ihn und sein Regime mit Sanktionen überzogen hat. Mit dem Versprechen, nach Deutschland gebracht zu werden, zahlen die Flüchtlinge Schleusern viel Geld. Die Wirklichkeit sieht aber viel rauer aus: wochenlanges Campieren unter freiem Himmel, Zäune an der polnischen Grenze, Scharmützel mit den polnischen Grenzschützern. Kommen Sie dann an der Neiße an, sind sie gezeichnet von diesem Weg.

Deswegen kommen die Spenden beispielsweise von der Regenbogengrundschule zur rechten Zeit. Deren Schulleiter setzte sich mit der Bundespolizei in Ludwigsdorf in Verbindung, die schickte Kathleen Kalbe und Sylvia Mayr vorbei. Letztere ist eine zivile Angestellte bei der Bundespolizei. Sie hat schon bei Firmen und Händlern angefragt, beispielsweise bei Birkenstock und Deichmann, ob die vielleicht für die Flüchtlinge Sachspenden geben könnten. "Leider ohne Erfolg", bedauert Sylvia Mayr.

Die beiden Frauen haben gut zu tun, bevor sie die Spenden in Weinhübel in den Transporter laden, der an der Friedrich-Engels-Straße wartet. Die Regenbogenschule hatte noch einmal zu einer Spende aufgerufen, gezielt für die Flüchtlinge in Ludwigsdorf. Daraufhin ist vor allem Bekleidung zusammengekommen.

Kathleen Kalbe, die gerade in den Kartons stöbert, weiß, was gerade gebraucht wird. "Als es noch etwas wärmer war, kamen Kinder schon mal ohne Schuhe bei uns an", schildert sie. Kathleen Kalbe ist Mutter, hat auch schon Ausgemustertes ihrer Sprösslinge mit nach Ludwigsdorf gebracht. So wie viele andere ihrer Kolleginnen und Kollegen bei der Bundespolizei in Görlitz. Neben dem Deutschen Roten Kreuz gehören die Beamten zu denen, die für die erste Ausstattung der Flüchtlinge, die über die Weißrussland-Route kommen, sorgen.

Generell gilt in Ludwigsdorf: Die ankommenden Flüchtlinge werden so schnell wie möglich weitergeschickt. "Länger als einen halben Tag bleibt fast keiner bei uns", sagt Kathleen Kalbe. Das ist so gewollt. Der Corona-Test, dann die Befragung mithilfe von Dolmetschern, Fingerabdrücke nehmen, Fotos, Größe messen - Bearbeitungsstrecke oder - straße nennt sich das bei der Bundespolizei.

In der Regel fährt dann zweimal am Tag ein Bus von Ludwigsdorf nach Dresden oder Leipzig. Flüchtlinge, die positiv auf Corona getestet wurden, landen mit ihren Kontaktpersonen in Dresden. Auch von ihnen werden in Ludwigsdorf die Daten aufgenommen.

"Nein, das ergibt keinen Sinn", sagt derweil Kathleen Kalbe und schiebt ein Spiel zurück in einen der Pappkartons in der Regenbogenschule in Weinhübel. Klamotten, das sei eher das, was derzeit für den ersten halben Tag der Flüchtlinge in Görlitz gebraucht werde, vor allem für Erwachsene.

Inzwischen gibt es weitere Spenden für die Ludwigsdorfer Flüchtlinge. Die Kindertagesstätte "Feuerwehr Felicitas" aus Weißkeißel hat sich gemeldet und schon Bekleidung übergeben, vor allem für Kinder.

"Wir freuen uns über die Spenden", sagt Michael Engler, Sprecher der Bundespolizeiinspektion. Er bedankt sich für das große Mitgefühl, dass die Görlitzer und generell die Menschen in der Region mit den Geflüchteten haben.

Matthias Müller von der Regenbogen-Grundschule wiederum ist froh darüber, dass die Spenden nun doch noch einem Zweck dienen, einem guten.

Derweil läuft die Flüchtlingswelle weiter. In den ersten Novembertagen, bis einschließlich 3. November wurden in diesem Zusammenhang insgesamt 107 Personen von der Bundespolizei Ludwigsdorf in Gewahrsam genommen und dann an die Erstaufnahmen übergeben. Hauptherkunftsland bleibe weiterhin der Irak mit etwa zwei Drittel der Aufgegriffenen, es folgen "mit deutlichem Abstand", so die Bundespolizei, Syrien sowie Jemen und die Türkei.

Die Bundespolizei bereitet sich derweil auf den nächsten Ansturm vor. Erst am Montag wurden Bilder veröffentlicht, dass sich eine große Gruppe Flüchtlinge aus Weißrussland in Richtung polnischer Grenze bewegt. Polen verstärkte daraufhin den Grenzschutz. Doch das Flüchtlingsproblem an der EU-Außengrenze sowie an der deutschen Ostgrenze bleibt ungelöst.